"Wenn man heute als ein ,Kriegstreiber' bezeichnet wird, fragt man sich selbst: Bist du mit dir im reinen? Hast du alles versucht, um das zu verhindern? Ich kann das mit einem klaren Ja beantworten. Wirklich alles!"Joschka Fischer

Racak, sagt Joschka Fischer, war "für mich der Wendepunkt". 45 Zivilisten sind in diesem Dorf im Kosovo am 15. Januar 1999 liquidiert worden. Am Tag darauf ist Wolfgang Petritsch, der EU-Sonderbeauftragte für das Kosovo, zu Beratungen in Bonn. Denn Deutschland hat in diesen Monaten die EU-Präsidentschaft inne. Man ißt zu Abend. Die Nachrichten überstürzen sich. Der Leiter der unbewaffneten KVM (Kosovo Verification Mission) der OSZE, Edward Walker, spricht von einem Massaker, das die serbischen Streitkräfte begangen hätten. Petritsch weiß an diesem Abend noch nicht ganz genau, was wirklich geschehen ist, aber auch er fürchtet eine dramatische Zuspitzung. Entweder erhält nun der Friedensprozeß eine letzte Chance, wonach das Kosovo einen autonomen Status innerhalb Jugoslawiens bekommt, oder die Politik ist am Ende. Also Krieg.

Aber die Europäische Union zögert bis heute, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Immer noch ist die Sache brisant. Man fürchtet, eine neuerliche Verurteilung der Serben könne einen Friedensschluß mit Milocevic erschweren. Nach Racak, meinen manche, hätte die Nato ihren Einsatz sofort beginnen sollen. Christian Pauls, Sonderbotschafter für Kosovo im Auswärtigen Amt, argumentiert: "Wir leben doch in einer Demokratie! Was in Racak geschehen war, war nicht sicher! Die Zeit war nicht reif!"

Gewißheiten, Wahrheiten. Gegen Ende des zweiten Kriegsmonats stellt sich die Frage immer dringlicher, wie Deutschland in diesen Krieg geraten ist. Auskunft können die Unterhändler geben, Petritsch, Pauls, Fischer und die anderen; Auskunft geben auch die vertraulichen Kosovo-Akten des Auswärtigen Amtes. Notizen, Berichte, Verhandlungspapiere, Gespräche - zusammen erlauben sie die Rekonstruktion eines dramatischen Entscheidungsprozesses.

Drei Tage nach dem Massaker in Racak schlägt Madeleine Albright, die amerikanische Außenministerin, im Lagezentrum des Weißen Hauses im Beisein der Nato-Generäle Wesley Clark und Klaus Naumann vor, Belgrad jetzt konkret mit Luftschlägen zu drohen. Ihr Plan sieht zum ersten Mal auch vor, Milocevic die Zustimmung zu einer Stationierung von Nato-Truppen abzuzwingen, die im Kosovo den Abzug jugoslawischer Militärs und die Einrichtung einer Teilautonomie überwachen sollen. Der britische Premierminister Tony Blair ruft kurz darauf im Kanzleramt an, um für Clinton schnell die Meinung der Deutschen einzuholen, da der amerikanische Präsident in einer halben Stunde über CNN eine öffentliche Erklärung abgeben will. Schröder ist über dieses Procedere alles andere als erbaut. Aber in diesen Tagen beginnt auch der Kanzler sich damit auseinanderzusetzen, daß ein Nein der Deutschen zum Einsatz von Nato-Bodentruppen nicht vertretbar ist. Es ist die frühe Lehrlingsphase, als er noch glaubt, die Rahmenrichtlinien für eine künftige "Berliner Republik" selber erlassen zu können. Öffentlich beantwortet er die Frage, ob auch deutsche Bodentruppen in nicht befriedeten Gebieten eingesetzt werden könnten: "Wir handeln in und mit der internationalen Staatengemeinschaft, doch angesichts dessen kann man nichts ausschließen."

Wolfgang Ischinger, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und Christian Pauls, der Kosovo-Fachmann, blicken zurück: Das Drama, sagen sie, läßt sich ohne den 28. Februar 1998 nicht begreifen. Damals entbrannten bürgerkriegsähnliche Konflikte zwischen der kosovarischen UÇK und der serbischen Sonderpolizei. An diesem Tag wird die Familie von Adem Jashari fast völlig ausgelöscht. Einer der Jashari-Söhne zählt zu den Begründern der UÇK. Die Serben beginnen, den entscheidenden Familienclan auszurotten. Für sie bleibt das eine innere Angelegenheit. Die Deutschen sind nachweislich sehr früh alarmiert. Washington schwankt noch, wie es reagieren soll.

"Jetzt ist amerikanische Führungskraft gefragt", bedrängt Wolfgang Ischinger, damals noch in Diensten des Ministers Klaus Kinkel, seinen Kollegen Strobe Talbott in Washington. Im Mai bringt US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke Slobodan Milocevic und den Serbenführer Ibrahim Rugova zusammen. Die Balkan-Experten des Westens beginnen eine rege Kommunikation miteinander und kennen bald wie in einer Sippe die Konkurrenzkämpfe und Eifersüchteleien in den Ministerien der anderen. Unübersehbar, daß die Bonner Diplomaten über die internen Rivalitäten in Washington ziemlich genau Bescheid wissen. Wer sind Madeleine Albrights Leute? Für wen spricht Holbrooke außer für sich? Er wollte schon früh die Außenministerin beerben, heißt es von ihm.