"Wenn man heute als ein ,Kriegstreiber' bezeichnet wird, fragt man sich selbst: Bist du mit dir im reinen? Hast du alles versucht, um das zu verhindern? Ich kann das mit einem klaren Ja beantworten. Wirklich alles!"Joschka Fischer

Racak, sagt Joschka Fischer, war "für mich der Wendepunkt". 45 Zivilisten sind in diesem Dorf im Kosovo am 15. Januar 1999 liquidiert worden. Am Tag darauf ist Wolfgang Petritsch, der EU-Sonderbeauftragte für das Kosovo, zu Beratungen in Bonn. Denn Deutschland hat in diesen Monaten die EU-Präsidentschaft inne. Man ißt zu Abend. Die Nachrichten überstürzen sich. Der Leiter der unbewaffneten KVM (Kosovo Verification Mission) der OSZE, Edward Walker, spricht von einem Massaker, das die serbischen Streitkräfte begangen hätten. Petritsch weiß an diesem Abend noch nicht ganz genau, was wirklich geschehen ist, aber auch er fürchtet eine dramatische Zuspitzung. Entweder erhält nun der Friedensprozeß eine letzte Chance, wonach das Kosovo einen autonomen Status innerhalb Jugoslawiens bekommt, oder die Politik ist am Ende. Also Krieg.

Aber die Europäische Union zögert bis heute, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Immer noch ist die Sache brisant. Man fürchtet, eine neuerliche Verurteilung der Serben könne einen Friedensschluß mit Milocevic erschweren. Nach Racak, meinen manche, hätte die Nato ihren Einsatz sofort beginnen sollen. Christian Pauls, Sonderbotschafter für Kosovo im Auswärtigen Amt, argumentiert: "Wir leben doch in einer Demokratie! Was in Racak geschehen war, war nicht sicher! Die Zeit war nicht reif!"

Gewißheiten, Wahrheiten. Gegen Ende des zweiten Kriegsmonats stellt sich die Frage immer dringlicher, wie Deutschland in diesen Krieg geraten ist. Auskunft können die Unterhändler geben, Petritsch, Pauls, Fischer und die anderen; Auskunft geben auch die vertraulichen Kosovo-Akten des Auswärtigen Amtes. Notizen, Berichte, Verhandlungspapiere, Gespräche - zusammen erlauben sie die Rekonstruktion eines dramatischen Entscheidungsprozesses.

Drei Tage nach dem Massaker in Racak schlägt Madeleine Albright, die amerikanische Außenministerin, im Lagezentrum des Weißen Hauses im Beisein der Nato-Generäle Wesley Clark und Klaus Naumann vor, Belgrad jetzt konkret mit Luftschlägen zu drohen. Ihr Plan sieht zum ersten Mal auch vor, Milocevic die Zustimmung zu einer Stationierung von Nato-Truppen abzuzwingen, die im Kosovo den Abzug jugoslawischer Militärs und die Einrichtung einer Teilautonomie überwachen sollen. Der britische Premierminister Tony Blair ruft kurz darauf im Kanzleramt an, um für Clinton schnell die Meinung der Deutschen einzuholen, da der amerikanische Präsident in einer halben Stunde über CNN eine öffentliche Erklärung abgeben will. Schröder ist über dieses Procedere alles andere als erbaut. Aber in diesen Tagen beginnt auch der Kanzler sich damit auseinanderzusetzen, daß ein Nein der Deutschen zum Einsatz von Nato-Bodentruppen nicht vertretbar ist. Es ist die frühe Lehrlingsphase, als er noch glaubt, die Rahmenrichtlinien für eine künftige "Berliner Republik" selber erlassen zu können. Öffentlich beantwortet er die Frage, ob auch deutsche Bodentruppen in nicht befriedeten Gebieten eingesetzt werden könnten: "Wir handeln in und mit der internationalen Staatengemeinschaft, doch angesichts dessen kann man nichts ausschließen."

Wolfgang Ischinger, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und Christian Pauls, der Kosovo-Fachmann, blicken zurück: Das Drama, sagen sie, läßt sich ohne den 28. Februar 1998 nicht begreifen. Damals entbrannten bürgerkriegsähnliche Konflikte zwischen der kosovarischen UÇK und der serbischen Sonderpolizei. An diesem Tag wird die Familie von Adem Jashari fast völlig ausgelöscht. Einer der Jashari-Söhne zählt zu den Begründern der UÇK. Die Serben beginnen, den entscheidenden Familienclan auszurotten. Für sie bleibt das eine innere Angelegenheit. Die Deutschen sind nachweislich sehr früh alarmiert. Washington schwankt noch, wie es reagieren soll.

"Jetzt ist amerikanische Führungskraft gefragt", bedrängt Wolfgang Ischinger, damals noch in Diensten des Ministers Klaus Kinkel, seinen Kollegen Strobe Talbott in Washington. Im Mai bringt US-Sonderbotschafter Richard Holbrooke Slobodan Milocevic und den Serbenführer Ibrahim Rugova zusammen. Die Balkan-Experten des Westens beginnen eine rege Kommunikation miteinander und kennen bald wie in einer Sippe die Konkurrenzkämpfe und Eifersüchteleien in den Ministerien der anderen. Unübersehbar, daß die Bonner Diplomaten über die internen Rivalitäten in Washington ziemlich genau Bescheid wissen. Wer sind Madeleine Albrights Leute? Für wen spricht Holbrooke außer für sich? Er wollte schon früh die Außenministerin beerben, heißt es von ihm.

Auf seiten Belgrads sei ein "Umsteuern in Richtung konstruktiver Verhandlungen und in Richtung Normalisierung der Beziehungen zum Westen nicht erkennbar". Milocevic sehe seine politische Überlebenschance nicht im Nachgeben, er setze auf Isolierung: "Serbien gegen den Rest der Welt", heißt es im Rapport. Er werde zu seinem eigenen besten Feind und beschwöre das Szenario einer "Verpalästinensierung".

Der Rat an Kinkel: Den nichtmilitanten Flügel hinter Rugova stärken! Der stehe "schon jetzt kurz vor dem Aus". Der UÇK deutlich entgegentreten! Großbritannien argumentiert in diesem frühen Moment anders. Erstmals fällt von dieser Seite das Wort "Luftschläge". Beim deutsch-russischen Gipfel im Juni 1998 wird intensiv über das Drama beraten. Die Shuttle-Diplomatie von Christopher Hill, dem Vertrauten Holbrookes, der zwischen Prishtina und Belgrad hin- und herpendelt, reicht den deutschen Beamten nicht. Sie empfehlen Kinkel ein Konklave mit Milocevic . Modell ist das Dayton-Treffen, das 1995 zum Bosnien-Abkommen führte.

12. Juni 1998. Die Kontaktgruppe (USA, Rußland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Bundesrepublik) berät in London. Sie wird zur festen Institution. "KG", so lautet das Kürzel in den Akten. Diese KG führt nicht alleine Regie. Ihrer Funktionsweise kommt man so rasch gar nicht auf die Spur. Es scheint sich um einen institutionalisierten Dauerbalanceakt zu handeln. Einmal trifft sich "die KG minus RUS", was heißt, der Westen berät unter sich, um Rußland dann geschlossen etwas zu empfehlen. Dann wieder scheint es eine eminente Rolle der Amerikaner zu geben. Die KG schlägt Rußland eine "direkte" internationale Einmischung im Kosovo vor. Aber RUS stößt sich an dem Wort "direkt". Die Gratwanderung heißt: "Definition klarer Forderungen an Milocevic, Aufbau eines Druckpotentials, Rußland an Bord halten". Rußland an Bord halten wird zu einer Grundmelodie der Deutschen in den kommenden Monaten. Der jugoslawische Botschafter wird im Auswärtigen Amt noch oft zu hören bekommen, Belgrad düpiere permanent Moskau. Besucher aus Moskau wiederum nehmen bei Bonner Diplomaten kein Blatt vor den Mund. Wie oft haben sie geflucht, sie fühlten sich von Milocevic betrogen und verraten und wären ihn gerne los. In den Akten steht das so nicht.

Klaus Kinkel unterstützt zu diesem Zeitpunkt eine Sanktionsdrohung gegenüber Belgrad, will sie aber mit einem Mandat der Vereinten Nationen nach Kapitel 7 der UN-Charta verknüpft wissen. Darin ist er sich absolut einig mit einem abgespeckten Grünen namens Joschka Fischer, Oppositionspolitiker, der ganz sicher ist, die Wahlen zu gewinnen. Volker Rühe hingegen, der Verteidigungsminister, findet burschikos: "Wir sitzen nicht in einem juristischen Seminar." Was heißt: UN-Mandat überflüssig.

25. Juni 1998. Treffen der KG. Ohne Rußland. Sie will den Kämpfern der UÇK beibringen: "Je erfolgreicher sie sind, um so weniger werden sie bekommen: Sie müssen politisch werden."

26. Juni 1998. Ein kurzer Vermerk: "Eigentliche Wurzel allen Übels: ,Serb politics itself.'" Der Flüchtlingsstrom im Kosovo wächst. Klaus Kinkel hält daran fest, nur ein UN-Mandat dürfe zu einem Militäreinsatz führen, denn die damalige Opposition drohte mit einem Gang nach Karlsruhe. Heute regiert sie, das Klagerisiko ist entfallen. Mit ihr regiert aber auch die normative Kraft des Faktischen, und wie.

Die Russen sind, wenn man das in den Akten richtig liest, halb im Boot. Kinkels Moskauer Kollege Primakow schickt einige Überlegungen zum Kosovo nach Bonn. Rußland suche Kooperation, um "das Hinüberwachsen in einen großen Konflikt" zu verhindern. Auch aus Bonner Sicht geht es allmählich darum, die militärische Drohung glaubwürdig zu machen. "Die Zeit arbeitet nicht für uns!" warnt Klaus Kinkel seinen Moskauer Kollegen in einem Brief und drängt auf "geschlossenes Auftreten" gegenüber beiden Konfliktparteien, was Moskau zusagt.

Während es in Bonn heißt, es gebe "alle Gründe dazu, die UÇK als eine terroristische Organisation zu betrachten", weil sie zahlreiche Fälle der Massaker an der Zivilbevölkerung auf dem Gewissen habe, läßt sich Richard Holbrooke mit UÇK-Führern fotografieren. Das sehe man "äußerst kritisch", heißt es aus Moskau. Der stellvertretende russische Außenminister Afanasjewskij fragt, ob man noch "auf dem gemeinsamen Grund der Verurteilung terroristischer Aktivitäten" stehe. Die Deutschen wiederum bemühen sich intensiv um Verständnis für die Russen. Was aus Moskau komme, klinge ein wenig wie das Pfeifen im dunklen Wald. Das Risiko, daß ein Sog in Richtung Unabhängigkeit des Kosovo entstehe, wird allmählich bewußt. Das nimmt nur der nicht wahr, heißt es in einem Vermerk des Auswärtigen Amts, "der Milocevic für eine Lichtgestalt hält". Und weiter: "Daß Milocevic kein Engel ist (und schon gar nicht auf dem Amselfeld sein kann), wissen aber auch die Russen." Deren Erschrecken über die Aufwertung der UÇK können die Bonner andererseits nachvollziehen.

Die Argumente für eine politische Lösung, ein Konklave à la Dayton, sind stark, aber die Widerstände sind stärker. Christopher Hill eilt zwischen Belgrad und Prishtina hin und her. Die Kontaktgruppe ist eine Sache, die Rolle der USA eine andere. Holbrookes Name taucht in den Akten selten auf, dafür um so häufiger in den Gesprächen. Eine Szene aus Schottland bleibt Teilnehmern in Erinnerung. Der große Dick Holbrooke, der "Held von Bosnien", nimmt an einer Konferenz über internationale Politik teil. Fast alle zwei Stunden verläßt er den Saal, um über Mobiltelefon mit Hill zu sprechen, dem er bis ins Detail hinein Weisungen erteilt. Den Beobachtern wird klar, wer allmählich wieder Regie führt, und auch, in welchem Stil. Die Bonner können ihre Konklave-Idee vorläufig vergessen. Richard Holbrooke, der Politik nicht wie Schach spiele, sondern wie Jazz improvisiere, wie ein Bewunderer geschrieben hat, verkörpert den Mister America, das Selbstverständnis und die Rolle der USA in diesem Konflikt. Jedenfalls aus Sicht der Europäer.

4. August. Wolfgang Ischinger kehrt aus Moskau zurück. Milocevic, notiert er, lege es geradezu darauf an, "die EU - eigentlich sogar die gesamte Kontaktgruppe - der Lächerlichkeit in der internationalen Öffentlichkeit preiszugeben". Moskau, hat er Afanasjewskij gesagt, müsse dem Belgrader "jetzt die Leviten lesen". In einem Papier zur Kosovo-Politik wird Washington allmählich deutlicher. Das europäische Beharren auf einem UN-Mandat für einen Militäreinsatz, verbunden mit Milocevics Überzeugung, Rußland werde das im Sicherheitsrat blockieren, beschütze ihn vor ernsthaften Konsequenzen. "Wir verstehen, daß einige Länder immer noch die Idee eines Konklaves im Dayton-Stil verfolgen", heißt es von Seiten der Amerikaner. "Aber wir sind davon überzeugt, daß es zu früh ist."

Im Auswärtigen Amt entsteht jetzt der Eindruck, die USA wollten versuchen, einen Präzedenzfall dafür zu schaffen, daß nicht nur sie, sondern auch die Nato zur Verteidigung weltweiter Interessen ohne Sicherheitsratsbeschluß militärisch handeln könne. Aus Paris bringt Joachim Bitterlich, Kohls Außenpolitiker im Kanzleramt, die Nachricht mit, Frankreich halte nicht viel vom "Militärschlags-Szenario". "Washington", fährt Bitterlich fort, "hat sein Quasi-Monopol bezüglich der Verhandlungen für die nächste Zeit fortgeschrieben." In Bonn wird über ein Pilotprojekt nachgedacht, wie Flüchtlinge in das Krisengebiet von Orahovac zurückkehren könnten. Die Franzosen wollen mitmachen.

Es gibt ein Geheimnis, über das die Akten nichts verraten. Jedenfalls nicht die im Auswärtigen Amt. Helmut Kohl ist abgewählt, aber amtiert noch als Kanzler. Gerhard Schröder ist gewählt, aber noch nicht im Amt. In ihren Regierungsvertrag haben SPD und Grüne soeben geschrieben: "Die Koalition wird sich aktiv dafür einsetzen, das Gewaltmonopol der Vereinten Nationen zu bewahren."

Am 9. Oktober treffen Schröder und Fischer im nebliggrauen Washington ein. Der designierte Kanzler erklärt dem amerikanischen Präsidenten, daß seine Regierung einen Nato-Einsatz grundsätzlich unterstützen werde. Zur Erleichterung der Besucher zeigt Clinton jedoch Verständnis dafür, daß Schröder und Fischer ihre endgültige Entscheidung so lange zurückstellen, bis sie vereidigt sind und der neue Bundestag zusammengetreten ist.

12. Oktober 1998. Schröder und Fischer befinden sich auf dem Weg zum Kanzler, als ein Anruf Günter Verheugens sie einholt. In Washington habe man umgedacht. Man wünsche nun doch sofort eine Zustimmung aus Bonn. "Fünfzehn Minuten", erinnert sich Joschka Fischer verknittert in irgendeiner stillen Stunde während des Krieges, "blieben uns, um über eine Frage von Krieg und Frieden zu entscheiden." "Warum müssen wir gerade jetzt regieren?" fragt er sich noch.

Bevor sie bei Kohl eintreffen, entschließt sich das neue Duo Schröder und Fischer zu einem raschen Ja. Ohne UN-Mandat. Ausschlaggebend ist nicht das Argument, ohne deutsche Soldaten könnten die Awacs-Flugzeuge nicht starten. Der wirkliche Grund ist, daß die Rot-Grünen Lehrlinge sind. Es gibt Zweifel bei den Verbündeten, wie ihre Politik aussehen wird, und das spüren sie. Zwar haben sie sich gefreut, daß Clinton auf ihr Argument vom "verfassungspolitischen Vakuum" gehört hat, aber sie möchten nun alle Skepsis fortschaufeln. Über das plötzliche Drängen von Washington wird bloß gerätselt. Im rot-grünen Regierungslager glaubt man noch heute Berichten, wonach Volker Rühe sich gelegentlich damit illuminierte, Urheber dieses Umdenkens zu sein. Ein kleiner Tip an die alten buddies in Washington, daß man die Novizen nicht aus der Pflicht entlassen dürfe, habe genügt. Eine andere Version, für die mehr spricht: In Washington hat sich Madeleine Albright gegen den konzilianten Sicherheitsberater Sandy Berger durchgesetzt und Clinton gedrängt, vollendete Tatsachen bei den Neulingen in Bonn zu schaffen.

Die letzte Amtshandlung des Kabinetts Kohl nach dem Besuch von Schröder und Fischer in den Vereinigten Staaten: Ja zum Kosovo-Einsatz ohne UN-Mandat. Vier Tage später stimmt der Bundestag mit überwältigender Mehrheit zu. 500 Ja-Stimmen, 62 Nein-Stimmen, 18 Enthaltungen. Im ersten Moment war nicht nur Fischer, auch die Beamten im Auswärtigen Amt waren über den Schwenk in Washington zutiefst erschrocken. Würde das die Grünen zerreißen, bevor sie zu regieren begonnen haben? Im Rückblick sieht man es anders: Der Crashkurs in Realpolitik hat sie wahrscheinlich vor dem Zerreißen bewahrt. Sie konnten nicht anders, wenn sie regieren wollten.

Die Konferenz von Rambouillet, das halten die Deutschen sich zugute, sei ihrem Wunsch und Drängen zu verdanken. "Der politische Weg ist unser Weg", sagt einer von Fischers Diplomaten. Um so kurioser erscheint im Rückblick der Weg der Deutschen dorthin. Das Massaker von Racak war geschehen, die Kontaktgruppe vereinbart ein Treffen in London am 29. Januar 1999. Die Amerikaner sind an Konferenzen, deren Ergebnis offenbleibt, nicht sonderlich interessiert.

Zwei Stunden dauert das Treffen. Aber die Deutschen erleben hier ein Fait accompli. Bis zum Tag vorher waren sie davon ausgegangen, alle Kontaktgruppenmitglieder sollten an einem Konklave beteiligt werden. Ausgerechnet sie, die darauf so lange gedrängt und hingearbeitet hatten, von Kinkel bis Fischer, erfahren nun, daß sie bei einer Kosovo-Konferenz in die Zuschauerrolle abkommandiert werden sollen. Franzosen und Briten hatten sich in der Nacht zuvor darauf verständigt, wer zu den Verhandlern zählt. Die Amerikaner, die Russen und sie eben. Die Österreicher bieten Wien als Konferenzort an, die Deutschen lassen die Idee einer Einladung auf den Bonner Petersberg gleich freiwillig wieder fallen. Dagegen schwärmt Englands Außenminister Robin Cook von den herrlichen französischen Schlössern. Darauf sein französischer Kollege Hubert Védrine: "Ja, wir machen das gerne!" Vorentschieden war offenbar auch, daß sie sich den Vorsitz teilen.

Alle Erfahrungen, die er in den Finten und Fehden seiner Partei gesammelt hat, muß Joschka Fischer nun aufbieten, um der Entente cordiale zwischen Paris und London (sowie Washington) eine Konzession abzuringen. Dreimal interveniert er, bevor erreicht ist, daß für die Europäische Union nur einer verhandelt: Wolfgang Petritsch eben, einer für alle. Nicht einmal ein informelles Mittagessen der EU-Außenminister wollen Cook und Védrine sich anfangs abringen lassen. Aber am Ende klappt es mit dem Essen wenigstens doch, und alle sind satt und happy. Man liest und hört zu und wundert sich, weil man dachte, es geht um Krieg oder Frieden.

Das Schicksal des Kosovo liege nun in der Hand der Delegationen. Damit eröffnet Präsident Chirac am 6. Februar die Gespräche im Schloß von Rambouillet bei Paris. Die vorgeschlagene Regelung über Selbstverwaltung innerhalb Jugoslawiens komme allen zugute. Bei Anerkennung der Werte Freiheit, Gleichheit und Toleranz könne das Land in die europäische Familie zurückkehren. Hier in Rambouillet hätten de Gaulle und Adenauer doch auch eine neue Zukunft für ihre Länder begründet.

Schon beim ersten Vorgespräch der Kontaktgruppe wird ein kleiner Haarriß deutlich. Der russische Verhandler Boris Majorskij beklagt sich darüber, daß seine Seite von einem Papier zu Fragen der Sicherheit und des Einsatzes von militärischen Mitteln zur Absicherung eines Friedensabkommens wisse, bisher aber darüber nicht unterrichtet sei. Die Kontaktgruppe scheint eine Art Dreiklassengesellschaft zu sein. Mindestens drei. Eine geniale Erfindung dennoch, weil sie etwas antizipiert, was es geben müßte. Zum Beispiel, daß Europa mit einer Zunge spricht; oder gar die USA, Rußland und Europa als Ensemble auftreten. Europäische Außenpolitik in Spurenelementen könnte hier einfließen. Das geschieht auch, aber wie unendlich schwierig das ist! Am nächsten Tag werden die politischen Teile der Verhandlungspapiere ausgegeben, die in der Shuttle-Diplomatie von Christopher Hill zwischen Serben und Albanern bereits vorbereitet worden sind. Viel gilt danach bereits als unverhandelbar und gegeben. Vertraulich bleiben die sogenannten Annexe zur Sicherheit und zur Implementierung.

Die Deutschen verhandeln nicht mit, für sie spricht in dem Trio Hill, Majorskij und Petritsch, das zwischen den Serben und den Kosovaren im Schloß pendelt, der Österreicher. Die Serben, so geht es aus den Berichten ans Auswärtige Amt hervor, erweisen sich als Profis. Aber sie sorgen sich um Seltsamkeiten. Die kosovo-albanische Delegation darf nicht mehr Zimmer haben als die serbische, monieren sie. Worauf Hill genervt erwidert, sie hätten zwar mehr Zimmer, aber weniger Quadratmeter, "zudem weniger und kleinere Toiletten". "Damit", so steht es im Bericht an das Auswärtige Amt lakonisch, "war die erste Statusfrage vom Tisch."

Mit der materiellen Ausgestaltung der Selbstverwaltung scheinen sich die Serben abfinden zu wollen. "Aber die Sicherheitsannexe dürften auf eine andere Einstellung treffen", berichten am 7. Februar die deutschen Beamten an Bonn. Die Jugoslawen sehen ganz prinzipiell ihre Integrität und Souveränität bedroht, wenn ausländisches Militär - an 28 000 Soldaten ist gedacht - in ihrem Kosovo agiert.

Bonn hat dieses Konklave von Rambouillet unbedingt gewollt, sicher drängender als andere. Endlich ist es soweit. Aber die Bonner "lungern herum", wie einer von ihnen das schildert. Immer präsent, aber im Hintergrund. Gelegentlich Joschka Fischer, permanent der politische Direktor Gunter Pleuger, und Christian Pauls, der die meisten Berichte liefert. Präzise, witzig, politisch.

In Rambouillet begegnet die Kontaktgruppe Vertretern eines Staates im Werden, die aus einer ganz anderen Welt kommen - ein Riesenproblem. "Rugova bleibt blaß. Thaci nicht nur Wortführer der UÇK, sondern darüber hinaus die lauteste Stimme der gesamten Delegation." Der 31jährige Politologe spricht Deutsch und sucht oft die Nähe zur deutschen Delegation. Ginge es nach ihm, sagt er kraftmeierisch, würde sofort der große Nichtteilnehmer von Rambouillet, Nato-Generalsekretär Javier Solana, an den Tisch geholt.

Im Hintergrund laufen bei den Kosovaren Führungskämpfe ab. Einmal wird Thacis Vorreiterrolle laut bestritten, einer seiner Widersacher spricht gar von einem Putsch. Die Empörung äußert sich meistens "in Gesten und Körpersprache, noch nicht im offenen Widerspruch", notieren die Deutschen. Ibrahim Rugova und Fehmi Agani schweigen fast durchgehend. In der Hauptsache aber stimmen alle überein: Sie wollen auf ein endgültiges Referendum über das Kosovo nach drei Jahren nicht verzichten. Und: Die UÇK will sich nicht bis auf die Kalaschnikows entwaffnen lassen. Wozu hat sie sich denn ihre schweren, automatischen Waffen mühsam besorgt? "Insbesondere der letzte Punkt wird uns noch viel Kopfzerbrechen bereiten", rapportieren die Beamten Fischers.

Die Konferenz ist erst 48 Stunden alt, da steht in einem der vertraulichen Dossiers an Bonn: "Wenn hier nicht noch ein kleines Wunder geschieht, so wird der Kosovo künftig UÇK-bestimmt sein." Deren Unduldsamkeit und Jakobinertum kenne man aus den letzten Monaten, "für die Entwicklung einer pluralistischen Demokratie im Kosovo bedeutet die jetzige Entwicklung nichts Gutes". Aber: Die Vertreter der UÇK im Schloß sind Krieger, zum ersten Mal sitzen sie an einem solchen vornehmen Tisch. "Dafür sind sie sogar recht produktiv." Im Hintergrund arbeiten zumeist amerikanische Rechtsberater für sie mit. Gelegentlich fragen die Deutschen sich, ob ihnen von dieser Seite "Maximalforderungen" empfohlen würden, aber bisher, heißt es dann abwiegelnd, sei das noch nicht passiert.

Immer wieder türmen sich neue Hindernisse auf - nicht nur zwischen Serben und Kosovo-Albanern, sondern zwischen den westlichen Delegationen. Amerikanische Militärs lehnen es kategorisch ab, die Kalaschnikows der UÇK durch ihre Soldaten eintreiben zu lassen. Frankreich und USA sind hier die Antipoden. Vor allem geht Frankreich weiter als die anderen bei der Forderung, auf einer Resolution der Uno zu beharren, die eine Streitmacht für den Kosovo autorisieren müsse. Italien schließt sich an. Bonn und London denken im Prinzip ähnlich und erinnern an den Präzedenzfall von Dayton. Die Vereinigten Staaten wiederum erklären "eine Autorisierung durch den Sicherheitsrat für nicht akzeptabel".

"KG minus RUS": Das taucht jetzt häufiger auf. Der militärische Teil des Vertragsentwurfs müsse den Russen möglichst bald zur Verfügung gestellt werden, drängen die Vertreter westlicher Delegationen. Auf der anderen Seite wird darüber prinzipiell nicht verhandelt, da Moskau die Belgrader Weigerung akzeptiert, über eine militärische Implementierung des Abkommens zu reden. Der Satz "Russia not yet on board" gilt im Blick darauf für den ganzen Verhandlungsverlauf.

Ist Rußland nun generell nicht im Boot? Möchte es ins Boot? Ist es irgendwann ausgestiegen? Die Akten zeigen, daß die Fragen falsch gestellt sind. Die Russen möchten mitmachen, aber können nicht wirklich. Sie verstehen sich als Belgrader Interessenvertreter, säßen aber lieber ganz mit dabei im trauten Westfamilienkreis. Mitfühlend notiert Wolfgang Petritsch über Boris Majorskij: "Er hat wahrscheinlich den härtesten Job von allen hier in Rambouillet: mission impossible. Aber bisher war er sehr kooperativ. Das beschert ihm ein Sonderproblem: Die Jugoslawen werden sich in Moskau beschweren, wenn es so aussieht, als komme er den anderen Unterhändlern zu nahe."

Der Erfolgsdruck ist groß, der Fortschritt eine Schnecke. Im Kosovo spielen sich längst Dramen ab. Im Schloß bei Paris achten Frankreich und Großbritannien, die den Kovorsitz innehaben, streng auf eine gewisse Sonderrolle. Das amerikanische Übergewicht ist nachgerade selbstverständlich. Aber, so heißt es in einem deutschen Rapport vom 8. Februar, anders als Dayton "ist diese Konferenz nicht amerikanisch durchgeprägt". Genauer: "Die Europäer gestalten ernsthaft mit. Petritsch verblaßt nicht neben Hill." Der europäische Input sei da, heißt es, auch wenn nicht nur unter dem Vorzeichen Europäische Union.

Zum "Stillstand" der Verhandlungen für mehrere Stunden kommt es jeweils, wenn die Minister erscheinen. Deshalb werden solche Besuche von Cook und Védrine aus London und Paris von den Verhandlern "nicht besonders geschätzt".

11. Februar. "Die Konferenz dümpelt vor sich hin." Hill und Petritsch stimmen überein, daß die Zeit reif ist, Belgrad via Moskau unter Druck zu setzen, einer ausländischen Militärpräsenz im Kosovo zuzustimmen. Doch Majorskij darf auf Weisung aus Moskau über die Sicherheitsannexe des Abkommens gar nicht mehr reden. Schon das macht klar, daß Rambouillet nicht an den Details der Nato-Pläne gescheitert ist. Darüber ist eben gar nicht verhandelt worden. Der deutsche Botschafter erinnert Boris Majorskij vergeblich daran, "daß Rußland den Annex 1a in Dayton auch nicht gezeichnet hat", ihn aber passieren ließ. Bei den Beobachtern regt sich Mitgefühl mit Majorskij. Die Äußerungen "eines vereinsamten Russen in Rambouillet" müsse man richtig einstufen, heißt es einmal, da er "von der Zentrale in Moskau lediglich die Weisung erhalten hat zu mauern".

Es leben die kleinen, feinen Unterschiede! Bei der Lektüre der Akten möchte man am liebsten Pierre Bourdieu als Zeugen anrufen, den französischen Soziologen, der die Hierarchie der heimlichen Unterschiede so genau kennt. Wenn sich die europäischen Kontaktgruppenmitglieder treffen, haben sich oft die beiden Vorsitzenden, Frankreich und Großbritannien, bereits vorher abgestimmt. Auf diesem Wege stirbt ganz rasch die Idee, eine OSZE-Truppe mit der Militärmission zu betrauen. Der Franzose sagt dazu scherzhaft: "Das ist selbst für Frankreich schwer zu akzeptieren." Der Westen verständigt sich auf ein Nato-Kommando (ohne Sicherheitsratsmandat) und beharrt fortan darauf. Aber wie kann man den Russen helfen, bei einem solchen Kompromiß ihr Gesicht zu wahren? "Europäisches Glasperlenspiel erscheint unter dem zeitlichen Druck, unter dem die Verhandlungen mittlerweile stehen, und wegen zu erwartender Haltung der USA eher als Nullrunde", lautet die Bewertung der deutschen Delegation. Die Italiener beharren auf der OSZE-Idee, aber die Italiener beharren ohnehin auf vielem, worüber die Kontaktgruppe schlicht hinweggeht. Deutschland möchte das Weltkind in der Mitte sein. Aber das ist schwer, wenn man nicht dauernd mitverhandelt.

Rambouillet steht kurz vor dem Scheitern. In der Stunde der Krise wird deutlich, wer etwas zu sagen hat. Madeleine Albright telefoniert nun direkt mit Milocevic, Chris Hill spricht über Handy mit dessen Vertrauten. Hier gibt es direkte Dauerkontakte, die Europäer geraten schlicht an den Rand. Jetzt bahnt sich eine der kleinen Episoden an, die zeigen, daß Europa allenfalls eine politische Union im Werden ist. Um zu retten, was noch zu retten ist, entschließt sich Christopher Hill am 16. Februar, mit den französischen und britischen Vertretern nach Belgrad zu eilen.

Als die Europäer geltend machen, daß auch ihr Botschafter, Petritsch, an Bord der Maschine gehöre, werden sie brüsk abgewiesen. Paris und London wollen die partners in leadership sein. Dann folgt die eilige Abfahrt der Kavalkade zum Flughafen in Paris. Die Deutschen mit ihrer prächtigen EU-Ratspräsidentschaft sitzen weder im Boot noch im Flugzeug und sind alarmiert. Wolfgang Petritsch eilt im Taxi hinterher zum Flughafen. Aber die Entschwindenden lassen sich telefonisch nicht erreichen, bevor ihr Flugzeug abgehoben hat. Zornig packt Boris Majorskij seine Koffer und zieht um in die russische Botschaft. Petritsch wiederum bleibt nichts, als ihn zu besänftigen und zurückzuholen. An diesem Tag sitzen die Russen und die Europäer minus Frankreich und Großbritannien vertraut und betrübt auf einer Seite des Tisches.

17. Februar. Hill ist aus Belgrad zurück. In Rambouillet fällt erstmals das Wort von der möglichen "militärischen Option". Beim politischen Teil des Vertragsentwurfs hat man sich einer Einigung angenähert, beim Umsetzungsteil nicht. Die Kontaktgruppe ist den Belgrader Wünschen durchaus entgegengekommen: vor allem dem, die territoriale Integrität nicht anzutasten. Deshalb sollen serbische Grenztruppen in kleiner Zahl (etwa 1500) und Polizisten (etwa 2500) im Kosovo bleiben dürfen. Das Gros soll binnen 180 Tagen abziehen. Das Referendum über den künftigen Status soll nicht definitiv sein, wie es die Kosovaren wünschen (die Formulierungen bleiben ungenau). Am wichtigsten: Die Minderheit von zehn Prozent Serben im Kosovo wäre demzufolge überrepräsentiert; und zwar mit größeren Minderheitenrechten, als die Serben selbst sie ihren Minderheiten zugestehen.

Christopher Hill zeigt sich besorgt, daß nur Washington bereit sei, notfalls die "militärische Option" wahrzunehmen. Später wird behauptet werden, Milocevic sei zu Ohren gekommen, die Kontaktgruppe habe sich über diese Option zerstritten, also habe er die Drohung nicht ernst genommen. Da müsse sich ein Irrtum eingeschlichen haben, entgegnen rückblickend Gesprächspartner im Auswärtigen Amt. Daß die Europäer über diesen Ernstfall unterschiedlich intensiv nachdachten, war doch jedermann klar. Die Wahrheit, das ist keine unerhebliche Pointe, steht nicht nur in den Akten. Es gibt kein wirklich unerforschtes Geheimnis von Rambouillet.

Rambouillet - das sind hochbrisante Gespräche über Krieg und Frieden, Gespräche in der Demokratie. Und so ist es auch ein Ergebnis dieser Lektüre von Akten, daß der Öffentlichkeit nicht ein X für ein U vorgemacht worden ist. Man wußte im großen und ganzen Bescheid, ohne genasführt worden zu sein.

20. Februar. Es ist der Tag der Kosovo-Albaner. Der Textentwurf, den die Verhandler mit den Rechtsexperten der Serben bis fünf Uhr morgens ausgehandelt hatten, kommt diesen nun ein Stück entgegen, da sie nach westlicher Ansicht "die größere Kröte" zu schlucken hatten. Das Entgegenkommen bezieht sich eben auf den Verbleib serbischer Polizisten oder Militärs im Kosovo und auf die Entwaffnung der UÇK. Doch nun mauern die Albaner. Als sie erfahren, was ausgehandelt ist, "war das Faß der kosovarischen Duldsamkeit bereits übergelaufen". Zuerst meldet sich Azem Syla von der schweigenden UÇK-Hinterbänklerfraktion zu Wort und stellt Maximalforderungen auf wie am ersten Tag. Keine Entwaffnung, Referendum zur Unabhängigkeit in drei Jahren et cetera. Dazu hält Christian Pauls fest: "Diese utopische Forderung hatte ihnen Chris Hill seines Wissens bereits vor sechs Monaten ausgeredet." Dann werden in stundenlangen Sitzungen "sämtliche moderate Stimmen plattgemacht", denn die albanische Seite hatte vereinbart, nur im Konsens zu entscheiden. Wie in einem System kommunizierender Röhren haben einmal die Serben eingelenkt, dann die Kosovaren geblockt und umgekehrt.

In diesen Stunden spielen sich filmreife Szenen ab, irgendwo zwischen Charlie Chaplin und Sergej Eisenstein. Madeleine Albright kauert 20 Minuten stumm vor der Tür des Saales, in dem die Albaner mit sich ringen, ob sie den Vertrag unterschreiben sollen, wie sie es wünscht. Erst dann könnte die Nato endgültig ihre "Activation Order" für die Truppen in Kraft setzen. Aber in dem Moment wird die Weltmacht ganz klein, die kleinen Albaner werden ganz groß. 15 Minuten lang bedrängt Joschka Fischer den Unterhändler Thaci, der aber vor lauter Nervosität "vor seinem Auftritt im Plenum kaum noch ansprechbar ist". Zu dem Zeitpunkt befinden sich die 46 000 serbischen Militärs, die in den folgenden Wochen in das Kosovo einrücken werden, noch auf serbischer Seite. Wäre eine Wende in dem Augenblick eingetreten, "sähe die Sache heute ganz anders aus", blickt Gunter Pleuger zurück. Der entscheidende Fehler von Rambouillet geschieht jetzt.

Immer wieder eilen die Kosovaren heraus mit ihren Handys. Sie rufen die Comandantes im Feld an. Die lassen es offensichtlich nicht zu, daß ihre Vertreter im Schloß einlenken. Immerhin - es geht darum, ob sie ihr eigenes "Todesurteil" unterschreiben, das Ende der UÇK nämlich. Thaci fühlt sich in einer Falle. Auch die "stärkste Waffe", die die Amerikaner ins Feld schicken und Madeleine Albright heißt, versagt ganz einfach. Zuerst scheitert die Shuttle-Diplomatie - und dann das. "If you don't say ,yes' now, there won't be any Nato ever to help you." Der Rapport nach Bonn fährt fort: "Doch amerikanische Stärke und Sachargumente spielten in einem Umfeld, in dem Irrationalität und verletzter Stolz die Grundlage für die Hälfte aller Handlungen ausmachten, keine Rolle. Kosovo-Albaner lauschten andächtig, zeigten sich beeindruckt, änderten aber ihre Haltung um keinen Deut." Jetzt wollten sie nicht ins Boot, in dem fast alle saßen, ein bißchen sogar die Serben. Im Schloß geht es laut und turbulent zu wie noch nie. Die Gefolgschaften der Außenminister wirbeln herum, "besonders gefährlich das Gefolge von Frau Albright".

23. Februar 1999. Mit allen Mitteln sollen die Kosovaren zur Unterschrift gebracht werden, aber vergebens. "In dieser letzten Phase war Rambouillet eine rein amerikanische Veranstaltung." Petritsch und Majorskij spielen keine Rolle mehr. Belgrad aber schickt nun der Kontaktgruppe ein Papier zu, daß man sogar über "zivile wie militärische Implementierungsstrukturen" zu reden bereit sei. Die weitere Entwicklung könne Rambouillet zu einer reinen Fußnote degradieren. Nein, es sollten nicht die Serben über den Tisch gezogen werden, blickt einer der Teilnehmer zurück. Aber nur einer hatte zu entscheiden, Milocevic, und der entschied, nicht einlenken zu wollen. Daran ändert der Aufstand der Kosovaren in Rambouillet nichts, deren Verhalten haben die Beobachter wunderbar pointiert: "Alle Beteiligten an den Verhandlungen von Rambouillet spielten Poker, nur die Kosovo-Albaner dachten, es handle sich um Mau-Mau."

Doch letztlich lag die Verantwortung für das Scheitern der Verhandlungen bei den Serben. Verhielte es sich so, wie Rudolf Augstein (im Spiegel vom 3. Mai) urteilt, daß die USA in Rambouillet militärische Bedingungen stellten, "die kein Serbe mit Schulbildung hätte unterschreiben können", wäre die Sache klar. Dann wäre Rambouillet nur die Inszenierung einer Chance gewesen, die der Westen ohnehin nicht nutzen wollte. Aber das war nicht der Fall. Milocevic ist von seinem prinzipiellen Nein nie wirklich abgerückt. Seine wechselnden jugoslawischen Delegationen wußten nach dem Eindruck der Verhandlungspartner nie ganz genau, welchen Spielraum sie überhaupt hatten. Mal schienen sie grünes Licht zu bekommen, mal wurden sie zurückgepfiffen. Derjenige, der allein entscheiden konnte, saß - anders als in Dayton - nicht mit am Tisch. Und selbst hohe Emissäre wie Milan Milutinovic, Präsident Serbiens, galten rasch als schiere Nobodies. Einmal danach gefragt, warum er und seine Kollegen nie wirklich Stellung beziehen, zeigte er beängstigt an die Decke - "psst, psst!", man könnte ja von verborgenen Mikrofonen abgehört werden. Milocevic war überall. Die serbischen Delegierten hatten demnach schlicht nichts zu sagen. Dafür tranken sie viel.

Es läßt sich schwerlich behaupten, der legendäre militärische Teil Appendix B zum Kapitel 7 des Vertragsentwurfs habe zum Scheitern geführt. Dieser Entwurf für das Statut einer Friedenstruppe, die von der Nato geführt wird (Kosovo Force oder KFor), ist nie verhandelt worden. Der Entwurf war nach einigen Tagen von Rambouillet auch den Russen zugänglich, der Appendix zum Kapitel 7 nicht. Aber Belgrad weigerte sich ganz generell, über diese Implementierung zu sprechen. Stein des Anstoßes war Appendix B nicht - so weit ist man gar nicht gekommen. Im übrigen lehnte sich der Appendix durchaus an das Modell Dayton an. Von einem Nato-Besatzungsstatut oder Friedensdiktat läßt sich daher nicht sprechen.

Man habe nie gewußt, wo die "rote Linie" der Serben war, erinnern sich Pleuger, Ischinger und Pauls gleichermaßen. Auf Milocevics Frage "Was wollen Sie eigentlich im Kosovo?" erwiderten die deutschen Besucher einmal in Belgrad: "Wir wollen, daß das Morden beendet wird." Darauf Milocevic: "Was wollen Sie denn, das sind doch unsere Leute." Ziemlich erschrocken erinnerte Joschka Fischer sich später einmal an diesen Moment. Milocevic sei ihm so vorgekommen wie einer, der ihm in die Augen sieht und schweigend mitteilt: "Ich gehe über Leichen, und das kannst du nicht!"

Wichtiger als das Rätselraten um den Appendix erscheint etwas ganz anderes. Irgendwann hat Milocevic wohl erkannt, wieviel Sprengstoff aus der Sicht eines Autokraten in dem Vertragsentwurf für das halbautonome Kosovo steckt. Minderheitenrechte, ein relativ souveräner Präsident, freie Wahlen.

Drei Wochen später, Mitte März, findet nach dem Scheitern von Rambouillet I eine zweite Runde statt, dieses Mal in Paris. Die Serben wollen nicht mehr verhandeln, haben alle Kompromißpositionen wieder verlassen und massiv Truppen in das Kosovo verlegt. Ohnehin glaubt niemand, daß es noch Verhandlungsspielraum gibt. Es geht, wie es in einer Notiz heißt, "um Begründungen für die Öffentlichkeit und Erklärungen zu dem Danach". Sämtliche Telefaxe der deutschen Delegation nach Bonn laufen jetzt auf eine Botschaft hinaus: "Nichts geht mehr." Aber es heißt auch: "Die Nato-Uhr sollte nicht vor letztem Versuch der Minister in Belgrad zu ticken beginnen." 17. März, Schlußtag. Schon fürchten die Delegierten ein Déjà-vu von Rambouillet I - aber da lenken die Kosovaren ein und erklären sich zur Unterschrift unter den Vertrag bereit. In der Kontaktgruppe fragen die Deutschen nach der künftigen roadmap Washingtons und erhalten keine genaue Antwort. Währenddessen bittet UÇK-Vertreter Thaci die Nato um baldige Militärschläge. Wolfgang Petritsch notiert sich: "Düstere Aussichten." Es geht nicht darum, daß der Westen den Krieg will, aber auch die Zögerlichsten sehen jetzt keinen Ausweg mehr. Das Kriegsziel bleibt in diesem Moment undeutlich. Aber die Politik ist am Ende. "Plötzlich war aus der Friedensgasse eine Sackgasse geworden", sagt Petritsch. Das Damoklesschwert der Nato-Activation-Order hängt über allem. Am 22. und 23. März versucht Holbrooke ein letztes Mal, Milocevic zu einem sofortigen Waffenstillstand und dem entscheidenden Ja zur Stationierung von Nato-Truppen zu bewegen. Nach Holbrookes Rückkehr aus Belgrad erteilt Nato-Generalsekretär Javier Solana Weisung, mit den Luftangriffen zu beginnen.

Die Deutschen können sich zugute halten, daß keiner die Kosovo-Frage so früh so ernst genommen hat wie sie. Es überzeugt, wenn in Bonn gesagt wird: "We walked the extra mile." Oder anders: Nichts haben wir unversucht gelassen. Vielleicht, so sagen rückblickend einige Rambouillet-Teilnehmer, komme aber heraus, "daß wir Deutschen ohnmächtig waren, uns überschätzt haben."

Hat die Politik alles getan, was sie konnte? Oder hätte es eine Möglichkeit gegeben, den engen Rahmen zu sprengen? Wir konnten die Welt nicht neu erfinden, wendet Wolfgang Ischinger ein. Da hört man auch die Stimme seines Herrn. Die Beschlußlage der Nato setzte ein Datum. Einige Tabus (keine volle Unabhängigkeit, keine Teilung) sollten nicht angetastet werden. Die Politik folgte ihrer eigenen immanenten Logik.

Europa, denkt Wolfgang Petritsch laut vor sich hin, ist nicht unbedingt klüger. Aber es ist einfach näher dran. Das Kosovo, Albanien, Serbien, das sind unsere Nachbarn, unsere Flüchtlinge, unsere Probleme. Als Christopher Hill im Herbst vorigen Jahres geklagt hat, Europa feiere die Währungsunion und proste sich zu, während am Balkan Krieg droht, traf er eine wunde Stelle. So entstand die Idee eines Sonderbeauftragten der EU. Aber ein Petritsch macht noch kein vereinigtes Europa.

Und auch das steht nicht in den Akten: Die Europäer hatten nicht den Zugang zu Milocevic wie die Amerikaner. Ihre Sprache versteht er besser, und nicht nur, weil er dort lebte. Nein, weil er mit einem Gegenüber verhandeln kann, das eben mit einer Stimme spricht, für eine Öffentlichkeit. Das weiche europäische Regime mit seinen vielen schillernden Öffentlichkeiten versus das harte Regime Milocevic, das sich mit dem harten Regime Washington leichter tut. Diese Darstellung des Dilemmas leuchtet ein. Die einen verstehen sich besser auf die Lehren, die aus der Kälte kommen. Die eigene Sympathie gehört dem Transparenten, Zögernden, notfalls auch Schwachen. Aber, zugegeben, Politik ist das noch nicht.