Auf seiten Belgrads sei ein "Umsteuern in Richtung konstruktiver Verhandlungen und in Richtung Normalisierung der Beziehungen zum Westen nicht erkennbar". Milocevic sehe seine politische Überlebenschance nicht im Nachgeben, er setze auf Isolierung: "Serbien gegen den Rest der Welt", heißt es im Rapport. Er werde zu seinem eigenen besten Feind und beschwöre das Szenario einer "Verpalästinensierung".

Der Rat an Kinkel: Den nichtmilitanten Flügel hinter Rugova stärken! Der stehe "schon jetzt kurz vor dem Aus". Der UÇK deutlich entgegentreten! Großbritannien argumentiert in diesem frühen Moment anders. Erstmals fällt von dieser Seite das Wort "Luftschläge". Beim deutsch-russischen Gipfel im Juni 1998 wird intensiv über das Drama beraten. Die Shuttle-Diplomatie von Christopher Hill, dem Vertrauten Holbrookes, der zwischen Prishtina und Belgrad hin- und herpendelt, reicht den deutschen Beamten nicht. Sie empfehlen Kinkel ein Konklave mit Milocevic . Modell ist das Dayton-Treffen, das 1995 zum Bosnien-Abkommen führte.

12. Juni 1998. Die Kontaktgruppe (USA, Rußland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Bundesrepublik) berät in London. Sie wird zur festen Institution. "KG", so lautet das Kürzel in den Akten. Diese KG führt nicht alleine Regie. Ihrer Funktionsweise kommt man so rasch gar nicht auf die Spur. Es scheint sich um einen institutionalisierten Dauerbalanceakt zu handeln. Einmal trifft sich "die KG minus RUS", was heißt, der Westen berät unter sich, um Rußland dann geschlossen etwas zu empfehlen. Dann wieder scheint es eine eminente Rolle der Amerikaner zu geben. Die KG schlägt Rußland eine "direkte" internationale Einmischung im Kosovo vor. Aber RUS stößt sich an dem Wort "direkt". Die Gratwanderung heißt: "Definition klarer Forderungen an Milocevic, Aufbau eines Druckpotentials, Rußland an Bord halten". Rußland an Bord halten wird zu einer Grundmelodie der Deutschen in den kommenden Monaten. Der jugoslawische Botschafter wird im Auswärtigen Amt noch oft zu hören bekommen, Belgrad düpiere permanent Moskau. Besucher aus Moskau wiederum nehmen bei Bonner Diplomaten kein Blatt vor den Mund. Wie oft haben sie geflucht, sie fühlten sich von Milocevic betrogen und verraten und wären ihn gerne los. In den Akten steht das so nicht.

Klaus Kinkel unterstützt zu diesem Zeitpunkt eine Sanktionsdrohung gegenüber Belgrad, will sie aber mit einem Mandat der Vereinten Nationen nach Kapitel 7 der UN-Charta verknüpft wissen. Darin ist er sich absolut einig mit einem abgespeckten Grünen namens Joschka Fischer, Oppositionspolitiker, der ganz sicher ist, die Wahlen zu gewinnen. Volker Rühe hingegen, der Verteidigungsminister, findet burschikos: "Wir sitzen nicht in einem juristischen Seminar." Was heißt: UN-Mandat überflüssig.

25. Juni 1998. Treffen der KG. Ohne Rußland. Sie will den Kämpfern der UÇK beibringen: "Je erfolgreicher sie sind, um so weniger werden sie bekommen: Sie müssen politisch werden."

26. Juni 1998. Ein kurzer Vermerk: "Eigentliche Wurzel allen Übels: ,Serb politics itself.'" Der Flüchtlingsstrom im Kosovo wächst. Klaus Kinkel hält daran fest, nur ein UN-Mandat dürfe zu einem Militäreinsatz führen, denn die damalige Opposition drohte mit einem Gang nach Karlsruhe. Heute regiert sie, das Klagerisiko ist entfallen. Mit ihr regiert aber auch die normative Kraft des Faktischen, und wie.

Die Russen sind, wenn man das in den Akten richtig liest, halb im Boot. Kinkels Moskauer Kollege Primakow schickt einige Überlegungen zum Kosovo nach Bonn. Rußland suche Kooperation, um "das Hinüberwachsen in einen großen Konflikt" zu verhindern. Auch aus Bonner Sicht geht es allmählich darum, die militärische Drohung glaubwürdig zu machen. "Die Zeit arbeitet nicht für uns!" warnt Klaus Kinkel seinen Moskauer Kollegen in einem Brief und drängt auf "geschlossenes Auftreten" gegenüber beiden Konfliktparteien, was Moskau zusagt.