Während es in Bonn heißt, es gebe "alle Gründe dazu, die UÇK als eine terroristische Organisation zu betrachten", weil sie zahlreiche Fälle der Massaker an der Zivilbevölkerung auf dem Gewissen habe, läßt sich Richard Holbrooke mit UÇK-Führern fotografieren. Das sehe man "äußerst kritisch", heißt es aus Moskau. Der stellvertretende russische Außenminister Afanasjewskij fragt, ob man noch "auf dem gemeinsamen Grund der Verurteilung terroristischer Aktivitäten" stehe. Die Deutschen wiederum bemühen sich intensiv um Verständnis für die Russen. Was aus Moskau komme, klinge ein wenig wie das Pfeifen im dunklen Wald. Das Risiko, daß ein Sog in Richtung Unabhängigkeit des Kosovo entstehe, wird allmählich bewußt. Das nimmt nur der nicht wahr, heißt es in einem Vermerk des Auswärtigen Amts, "der Milocevic für eine Lichtgestalt hält". Und weiter: "Daß Milocevic kein Engel ist (und schon gar nicht auf dem Amselfeld sein kann), wissen aber auch die Russen." Deren Erschrecken über die Aufwertung der UÇK können die Bonner andererseits nachvollziehen.

Die Argumente für eine politische Lösung, ein Konklave à la Dayton, sind stark, aber die Widerstände sind stärker. Christopher Hill eilt zwischen Belgrad und Prishtina hin und her. Die Kontaktgruppe ist eine Sache, die Rolle der USA eine andere. Holbrookes Name taucht in den Akten selten auf, dafür um so häufiger in den Gesprächen. Eine Szene aus Schottland bleibt Teilnehmern in Erinnerung. Der große Dick Holbrooke, der "Held von Bosnien", nimmt an einer Konferenz über internationale Politik teil. Fast alle zwei Stunden verläßt er den Saal, um über Mobiltelefon mit Hill zu sprechen, dem er bis ins Detail hinein Weisungen erteilt. Den Beobachtern wird klar, wer allmählich wieder Regie führt, und auch, in welchem Stil. Die Bonner können ihre Konklave-Idee vorläufig vergessen. Richard Holbrooke, der Politik nicht wie Schach spiele, sondern wie Jazz improvisiere, wie ein Bewunderer geschrieben hat, verkörpert den Mister America, das Selbstverständnis und die Rolle der USA in diesem Konflikt. Jedenfalls aus Sicht der Europäer.

4. August. Wolfgang Ischinger kehrt aus Moskau zurück. Milocevic, notiert er, lege es geradezu darauf an, "die EU - eigentlich sogar die gesamte Kontaktgruppe - der Lächerlichkeit in der internationalen Öffentlichkeit preiszugeben". Moskau, hat er Afanasjewskij gesagt, müsse dem Belgrader "jetzt die Leviten lesen". In einem Papier zur Kosovo-Politik wird Washington allmählich deutlicher. Das europäische Beharren auf einem UN-Mandat für einen Militäreinsatz, verbunden mit Milocevics Überzeugung, Rußland werde das im Sicherheitsrat blockieren, beschütze ihn vor ernsthaften Konsequenzen. "Wir verstehen, daß einige Länder immer noch die Idee eines Konklaves im Dayton-Stil verfolgen", heißt es von Seiten der Amerikaner. "Aber wir sind davon überzeugt, daß es zu früh ist."

Im Auswärtigen Amt entsteht jetzt der Eindruck, die USA wollten versuchen, einen Präzedenzfall dafür zu schaffen, daß nicht nur sie, sondern auch die Nato zur Verteidigung weltweiter Interessen ohne Sicherheitsratsbeschluß militärisch handeln könne. Aus Paris bringt Joachim Bitterlich, Kohls Außenpolitiker im Kanzleramt, die Nachricht mit, Frankreich halte nicht viel vom "Militärschlags-Szenario". "Washington", fährt Bitterlich fort, "hat sein Quasi-Monopol bezüglich der Verhandlungen für die nächste Zeit fortgeschrieben." In Bonn wird über ein Pilotprojekt nachgedacht, wie Flüchtlinge in das Krisengebiet von Orahovac zurückkehren könnten. Die Franzosen wollen mitmachen.

Es gibt ein Geheimnis, über das die Akten nichts verraten. Jedenfalls nicht die im Auswärtigen Amt. Helmut Kohl ist abgewählt, aber amtiert noch als Kanzler. Gerhard Schröder ist gewählt, aber noch nicht im Amt. In ihren Regierungsvertrag haben SPD und Grüne soeben geschrieben: "Die Koalition wird sich aktiv dafür einsetzen, das Gewaltmonopol der Vereinten Nationen zu bewahren."

Am 9. Oktober treffen Schröder und Fischer im nebliggrauen Washington ein. Der designierte Kanzler erklärt dem amerikanischen Präsidenten, daß seine Regierung einen Nato-Einsatz grundsätzlich unterstützen werde. Zur Erleichterung der Besucher zeigt Clinton jedoch Verständnis dafür, daß Schröder und Fischer ihre endgültige Entscheidung so lange zurückstellen, bis sie vereidigt sind und der neue Bundestag zusammengetreten ist.

12. Oktober 1998. Schröder und Fischer befinden sich auf dem Weg zum Kanzler, als ein Anruf Günter Verheugens sie einholt. In Washington habe man umgedacht. Man wünsche nun doch sofort eine Zustimmung aus Bonn. "Fünfzehn Minuten", erinnert sich Joschka Fischer verknittert in irgendeiner stillen Stunde während des Krieges, "blieben uns, um über eine Frage von Krieg und Frieden zu entscheiden." "Warum müssen wir gerade jetzt regieren?" fragt er sich noch.