Bevor sie bei Kohl eintreffen, entschließt sich das neue Duo Schröder und Fischer zu einem raschen Ja. Ohne UN-Mandat. Ausschlaggebend ist nicht das Argument, ohne deutsche Soldaten könnten die Awacs-Flugzeuge nicht starten. Der wirkliche Grund ist, daß die Rot-Grünen Lehrlinge sind. Es gibt Zweifel bei den Verbündeten, wie ihre Politik aussehen wird, und das spüren sie. Zwar haben sie sich gefreut, daß Clinton auf ihr Argument vom "verfassungspolitischen Vakuum" gehört hat, aber sie möchten nun alle Skepsis fortschaufeln. Über das plötzliche Drängen von Washington wird bloß gerätselt. Im rot-grünen Regierungslager glaubt man noch heute Berichten, wonach Volker Rühe sich gelegentlich damit illuminierte, Urheber dieses Umdenkens zu sein. Ein kleiner Tip an die alten buddies in Washington, daß man die Novizen nicht aus der Pflicht entlassen dürfe, habe genügt. Eine andere Version, für die mehr spricht: In Washington hat sich Madeleine Albright gegen den konzilianten Sicherheitsberater Sandy Berger durchgesetzt und Clinton gedrängt, vollendete Tatsachen bei den Neulingen in Bonn zu schaffen.

Die letzte Amtshandlung des Kabinetts Kohl nach dem Besuch von Schröder und Fischer in den Vereinigten Staaten: Ja zum Kosovo-Einsatz ohne UN-Mandat. Vier Tage später stimmt der Bundestag mit überwältigender Mehrheit zu. 500 Ja-Stimmen, 62 Nein-Stimmen, 18 Enthaltungen. Im ersten Moment war nicht nur Fischer, auch die Beamten im Auswärtigen Amt waren über den Schwenk in Washington zutiefst erschrocken. Würde das die Grünen zerreißen, bevor sie zu regieren begonnen haben? Im Rückblick sieht man es anders: Der Crashkurs in Realpolitik hat sie wahrscheinlich vor dem Zerreißen bewahrt. Sie konnten nicht anders, wenn sie regieren wollten.

Die Konferenz von Rambouillet, das halten die Deutschen sich zugute, sei ihrem Wunsch und Drängen zu verdanken. "Der politische Weg ist unser Weg", sagt einer von Fischers Diplomaten. Um so kurioser erscheint im Rückblick der Weg der Deutschen dorthin. Das Massaker von Racak war geschehen, die Kontaktgruppe vereinbart ein Treffen in London am 29. Januar 1999. Die Amerikaner sind an Konferenzen, deren Ergebnis offenbleibt, nicht sonderlich interessiert.

Zwei Stunden dauert das Treffen. Aber die Deutschen erleben hier ein Fait accompli. Bis zum Tag vorher waren sie davon ausgegangen, alle Kontaktgruppenmitglieder sollten an einem Konklave beteiligt werden. Ausgerechnet sie, die darauf so lange gedrängt und hingearbeitet hatten, von Kinkel bis Fischer, erfahren nun, daß sie bei einer Kosovo-Konferenz in die Zuschauerrolle abkommandiert werden sollen. Franzosen und Briten hatten sich in der Nacht zuvor darauf verständigt, wer zu den Verhandlern zählt. Die Amerikaner, die Russen und sie eben. Die Österreicher bieten Wien als Konferenzort an, die Deutschen lassen die Idee einer Einladung auf den Bonner Petersberg gleich freiwillig wieder fallen. Dagegen schwärmt Englands Außenminister Robin Cook von den herrlichen französischen Schlössern. Darauf sein französischer Kollege Hubert Védrine: "Ja, wir machen das gerne!" Vorentschieden war offenbar auch, daß sie sich den Vorsitz teilen.

Alle Erfahrungen, die er in den Finten und Fehden seiner Partei gesammelt hat, muß Joschka Fischer nun aufbieten, um der Entente cordiale zwischen Paris und London (sowie Washington) eine Konzession abzuringen. Dreimal interveniert er, bevor erreicht ist, daß für die Europäische Union nur einer verhandelt: Wolfgang Petritsch eben, einer für alle. Nicht einmal ein informelles Mittagessen der EU-Außenminister wollen Cook und Védrine sich anfangs abringen lassen. Aber am Ende klappt es mit dem Essen wenigstens doch, und alle sind satt und happy. Man liest und hört zu und wundert sich, weil man dachte, es geht um Krieg oder Frieden.

Das Schicksal des Kosovo liege nun in der Hand der Delegationen. Damit eröffnet Präsident Chirac am 6. Februar die Gespräche im Schloß von Rambouillet bei Paris. Die vorgeschlagene Regelung über Selbstverwaltung innerhalb Jugoslawiens komme allen zugute. Bei Anerkennung der Werte Freiheit, Gleichheit und Toleranz könne das Land in die europäische Familie zurückkehren. Hier in Rambouillet hätten de Gaulle und Adenauer doch auch eine neue Zukunft für ihre Länder begründet.

Schon beim ersten Vorgespräch der Kontaktgruppe wird ein kleiner Haarriß deutlich. Der russische Verhandler Boris Majorskij beklagt sich darüber, daß seine Seite von einem Papier zu Fragen der Sicherheit und des Einsatzes von militärischen Mitteln zur Absicherung eines Friedensabkommens wisse, bisher aber darüber nicht unterrichtet sei. Die Kontaktgruppe scheint eine Art Dreiklassengesellschaft zu sein. Mindestens drei. Eine geniale Erfindung dennoch, weil sie etwas antizipiert, was es geben müßte. Zum Beispiel, daß Europa mit einer Zunge spricht; oder gar die USA, Rußland und Europa als Ensemble auftreten. Europäische Außenpolitik in Spurenelementen könnte hier einfließen. Das geschieht auch, aber wie unendlich schwierig das ist! Am nächsten Tag werden die politischen Teile der Verhandlungspapiere ausgegeben, die in der Shuttle-Diplomatie von Christopher Hill zwischen Serben und Albanern bereits vorbereitet worden sind. Viel gilt danach bereits als unverhandelbar und gegeben. Vertraulich bleiben die sogenannten Annexe zur Sicherheit und zur Implementierung.