"KG minus RUS": Das taucht jetzt häufiger auf. Der militärische Teil des Vertragsentwurfs müsse den Russen möglichst bald zur Verfügung gestellt werden, drängen die Vertreter westlicher Delegationen. Auf der anderen Seite wird darüber prinzipiell nicht verhandelt, da Moskau die Belgrader Weigerung akzeptiert, über eine militärische Implementierung des Abkommens zu reden. Der Satz "Russia not yet on board" gilt im Blick darauf für den ganzen Verhandlungsverlauf.

Ist Rußland nun generell nicht im Boot? Möchte es ins Boot? Ist es irgendwann ausgestiegen? Die Akten zeigen, daß die Fragen falsch gestellt sind. Die Russen möchten mitmachen, aber können nicht wirklich. Sie verstehen sich als Belgrader Interessenvertreter, säßen aber lieber ganz mit dabei im trauten Westfamilienkreis. Mitfühlend notiert Wolfgang Petritsch über Boris Majorskij: "Er hat wahrscheinlich den härtesten Job von allen hier in Rambouillet: mission impossible. Aber bisher war er sehr kooperativ. Das beschert ihm ein Sonderproblem: Die Jugoslawen werden sich in Moskau beschweren, wenn es so aussieht, als komme er den anderen Unterhändlern zu nahe."

Der Erfolgsdruck ist groß, der Fortschritt eine Schnecke. Im Kosovo spielen sich längst Dramen ab. Im Schloß bei Paris achten Frankreich und Großbritannien, die den Kovorsitz innehaben, streng auf eine gewisse Sonderrolle. Das amerikanische Übergewicht ist nachgerade selbstverständlich. Aber, so heißt es in einem deutschen Rapport vom 8. Februar, anders als Dayton "ist diese Konferenz nicht amerikanisch durchgeprägt". Genauer: "Die Europäer gestalten ernsthaft mit. Petritsch verblaßt nicht neben Hill." Der europäische Input sei da, heißt es, auch wenn nicht nur unter dem Vorzeichen Europäische Union.

Zum "Stillstand" der Verhandlungen für mehrere Stunden kommt es jeweils, wenn die Minister erscheinen. Deshalb werden solche Besuche von Cook und Védrine aus London und Paris von den Verhandlern "nicht besonders geschätzt".

11. Februar. "Die Konferenz dümpelt vor sich hin." Hill und Petritsch stimmen überein, daß die Zeit reif ist, Belgrad via Moskau unter Druck zu setzen, einer ausländischen Militärpräsenz im Kosovo zuzustimmen. Doch Majorskij darf auf Weisung aus Moskau über die Sicherheitsannexe des Abkommens gar nicht mehr reden. Schon das macht klar, daß Rambouillet nicht an den Details der Nato-Pläne gescheitert ist. Darüber ist eben gar nicht verhandelt worden. Der deutsche Botschafter erinnert Boris Majorskij vergeblich daran, "daß Rußland den Annex 1a in Dayton auch nicht gezeichnet hat", ihn aber passieren ließ. Bei den Beobachtern regt sich Mitgefühl mit Majorskij. Die Äußerungen "eines vereinsamten Russen in Rambouillet" müsse man richtig einstufen, heißt es einmal, da er "von der Zentrale in Moskau lediglich die Weisung erhalten hat zu mauern".

Es leben die kleinen, feinen Unterschiede! Bei der Lektüre der Akten möchte man am liebsten Pierre Bourdieu als Zeugen anrufen, den französischen Soziologen, der die Hierarchie der heimlichen Unterschiede so genau kennt. Wenn sich die europäischen Kontaktgruppenmitglieder treffen, haben sich oft die beiden Vorsitzenden, Frankreich und Großbritannien, bereits vorher abgestimmt. Auf diesem Wege stirbt ganz rasch die Idee, eine OSZE-Truppe mit der Militärmission zu betrauen. Der Franzose sagt dazu scherzhaft: "Das ist selbst für Frankreich schwer zu akzeptieren." Der Westen verständigt sich auf ein Nato-Kommando (ohne Sicherheitsratsmandat) und beharrt fortan darauf. Aber wie kann man den Russen helfen, bei einem solchen Kompromiß ihr Gesicht zu wahren? "Europäisches Glasperlenspiel erscheint unter dem zeitlichen Druck, unter dem die Verhandlungen mittlerweile stehen, und wegen zu erwartender Haltung der USA eher als Nullrunde", lautet die Bewertung der deutschen Delegation. Die Italiener beharren auf der OSZE-Idee, aber die Italiener beharren ohnehin auf vielem, worüber die Kontaktgruppe schlicht hinweggeht. Deutschland möchte das Weltkind in der Mitte sein. Aber das ist schwer, wenn man nicht dauernd mitverhandelt.

Rambouillet steht kurz vor dem Scheitern. In der Stunde der Krise wird deutlich, wer etwas zu sagen hat. Madeleine Albright telefoniert nun direkt mit Milocevic, Chris Hill spricht über Handy mit dessen Vertrauten. Hier gibt es direkte Dauerkontakte, die Europäer geraten schlicht an den Rand. Jetzt bahnt sich eine der kleinen Episoden an, die zeigen, daß Europa allenfalls eine politische Union im Werden ist. Um zu retten, was noch zu retten ist, entschließt sich Christopher Hill am 16. Februar, mit den französischen und britischen Vertretern nach Belgrad zu eilen.