Als die Europäer geltend machen, daß auch ihr Botschafter, Petritsch, an Bord der Maschine gehöre, werden sie brüsk abgewiesen. Paris und London wollen die partners in leadership sein. Dann folgt die eilige Abfahrt der Kavalkade zum Flughafen in Paris. Die Deutschen mit ihrer prächtigen EU-Ratspräsidentschaft sitzen weder im Boot noch im Flugzeug und sind alarmiert. Wolfgang Petritsch eilt im Taxi hinterher zum Flughafen. Aber die Entschwindenden lassen sich telefonisch nicht erreichen, bevor ihr Flugzeug abgehoben hat. Zornig packt Boris Majorskij seine Koffer und zieht um in die russische Botschaft. Petritsch wiederum bleibt nichts, als ihn zu besänftigen und zurückzuholen. An diesem Tag sitzen die Russen und die Europäer minus Frankreich und Großbritannien vertraut und betrübt auf einer Seite des Tisches.

17. Februar. Hill ist aus Belgrad zurück. In Rambouillet fällt erstmals das Wort von der möglichen "militärischen Option". Beim politischen Teil des Vertragsentwurfs hat man sich einer Einigung angenähert, beim Umsetzungsteil nicht. Die Kontaktgruppe ist den Belgrader Wünschen durchaus entgegengekommen: vor allem dem, die territoriale Integrität nicht anzutasten. Deshalb sollen serbische Grenztruppen in kleiner Zahl (etwa 1500) und Polizisten (etwa 2500) im Kosovo bleiben dürfen. Das Gros soll binnen 180 Tagen abziehen. Das Referendum über den künftigen Status soll nicht definitiv sein, wie es die Kosovaren wünschen (die Formulierungen bleiben ungenau). Am wichtigsten: Die Minderheit von zehn Prozent Serben im Kosovo wäre demzufolge überrepräsentiert; und zwar mit größeren Minderheitenrechten, als die Serben selbst sie ihren Minderheiten zugestehen.

Christopher Hill zeigt sich besorgt, daß nur Washington bereit sei, notfalls die "militärische Option" wahrzunehmen. Später wird behauptet werden, Milocevic sei zu Ohren gekommen, die Kontaktgruppe habe sich über diese Option zerstritten, also habe er die Drohung nicht ernst genommen. Da müsse sich ein Irrtum eingeschlichen haben, entgegnen rückblickend Gesprächspartner im Auswärtigen Amt. Daß die Europäer über diesen Ernstfall unterschiedlich intensiv nachdachten, war doch jedermann klar. Die Wahrheit, das ist keine unerhebliche Pointe, steht nicht nur in den Akten. Es gibt kein wirklich unerforschtes Geheimnis von Rambouillet.

Rambouillet - das sind hochbrisante Gespräche über Krieg und Frieden, Gespräche in der Demokratie. Und so ist es auch ein Ergebnis dieser Lektüre von Akten, daß der Öffentlichkeit nicht ein X für ein U vorgemacht worden ist. Man wußte im großen und ganzen Bescheid, ohne genasführt worden zu sein.

20. Februar. Es ist der Tag der Kosovo-Albaner. Der Textentwurf, den die Verhandler mit den Rechtsexperten der Serben bis fünf Uhr morgens ausgehandelt hatten, kommt diesen nun ein Stück entgegen, da sie nach westlicher Ansicht "die größere Kröte" zu schlucken hatten. Das Entgegenkommen bezieht sich eben auf den Verbleib serbischer Polizisten oder Militärs im Kosovo und auf die Entwaffnung der UÇK. Doch nun mauern die Albaner. Als sie erfahren, was ausgehandelt ist, "war das Faß der kosovarischen Duldsamkeit bereits übergelaufen". Zuerst meldet sich Azem Syla von der schweigenden UÇK-Hinterbänklerfraktion zu Wort und stellt Maximalforderungen auf wie am ersten Tag. Keine Entwaffnung, Referendum zur Unabhängigkeit in drei Jahren et cetera. Dazu hält Christian Pauls fest: "Diese utopische Forderung hatte ihnen Chris Hill seines Wissens bereits vor sechs Monaten ausgeredet." Dann werden in stundenlangen Sitzungen "sämtliche moderate Stimmen plattgemacht", denn die albanische Seite hatte vereinbart, nur im Konsens zu entscheiden. Wie in einem System kommunizierender Röhren haben einmal die Serben eingelenkt, dann die Kosovaren geblockt und umgekehrt.

In diesen Stunden spielen sich filmreife Szenen ab, irgendwo zwischen Charlie Chaplin und Sergej Eisenstein. Madeleine Albright kauert 20 Minuten stumm vor der Tür des Saales, in dem die Albaner mit sich ringen, ob sie den Vertrag unterschreiben sollen, wie sie es wünscht. Erst dann könnte die Nato endgültig ihre "Activation Order" für die Truppen in Kraft setzen. Aber in dem Moment wird die Weltmacht ganz klein, die kleinen Albaner werden ganz groß. 15 Minuten lang bedrängt Joschka Fischer den Unterhändler Thaci, der aber vor lauter Nervosität "vor seinem Auftritt im Plenum kaum noch ansprechbar ist". Zu dem Zeitpunkt befinden sich die 46 000 serbischen Militärs, die in den folgenden Wochen in das Kosovo einrücken werden, noch auf serbischer Seite. Wäre eine Wende in dem Augenblick eingetreten, "sähe die Sache heute ganz anders aus", blickt Gunter Pleuger zurück. Der entscheidende Fehler von Rambouillet geschieht jetzt.

Immer wieder eilen die Kosovaren heraus mit ihren Handys. Sie rufen die Comandantes im Feld an. Die lassen es offensichtlich nicht zu, daß ihre Vertreter im Schloß einlenken. Immerhin - es geht darum, ob sie ihr eigenes "Todesurteil" unterschreiben, das Ende der UÇK nämlich. Thaci fühlt sich in einer Falle. Auch die "stärkste Waffe", die die Amerikaner ins Feld schicken und Madeleine Albright heißt, versagt ganz einfach. Zuerst scheitert die Shuttle-Diplomatie - und dann das. "If you don't say ,yes' now, there won't be any Nato ever to help you." Der Rapport nach Bonn fährt fort: "Doch amerikanische Stärke und Sachargumente spielten in einem Umfeld, in dem Irrationalität und verletzter Stolz die Grundlage für die Hälfte aller Handlungen ausmachten, keine Rolle. Kosovo-Albaner lauschten andächtig, zeigten sich beeindruckt, änderten aber ihre Haltung um keinen Deut." Jetzt wollten sie nicht ins Boot, in dem fast alle saßen, ein bißchen sogar die Serben. Im Schloß geht es laut und turbulent zu wie noch nie. Die Gefolgschaften der Außenminister wirbeln herum, "besonders gefährlich das Gefolge von Frau Albright".