23. Februar 1999. Mit allen Mitteln sollen die Kosovaren zur Unterschrift gebracht werden, aber vergebens. "In dieser letzten Phase war Rambouillet eine rein amerikanische Veranstaltung." Petritsch und Majorskij spielen keine Rolle mehr. Belgrad aber schickt nun der Kontaktgruppe ein Papier zu, daß man sogar über "zivile wie militärische Implementierungsstrukturen" zu reden bereit sei. Die weitere Entwicklung könne Rambouillet zu einer reinen Fußnote degradieren. Nein, es sollten nicht die Serben über den Tisch gezogen werden, blickt einer der Teilnehmer zurück. Aber nur einer hatte zu entscheiden, Milocevic, und der entschied, nicht einlenken zu wollen. Daran ändert der Aufstand der Kosovaren in Rambouillet nichts, deren Verhalten haben die Beobachter wunderbar pointiert: "Alle Beteiligten an den Verhandlungen von Rambouillet spielten Poker, nur die Kosovo-Albaner dachten, es handle sich um Mau-Mau."

Doch letztlich lag die Verantwortung für das Scheitern der Verhandlungen bei den Serben. Verhielte es sich so, wie Rudolf Augstein (im Spiegel vom 3. Mai) urteilt, daß die USA in Rambouillet militärische Bedingungen stellten, "die kein Serbe mit Schulbildung hätte unterschreiben können", wäre die Sache klar. Dann wäre Rambouillet nur die Inszenierung einer Chance gewesen, die der Westen ohnehin nicht nutzen wollte. Aber das war nicht der Fall. Milocevic ist von seinem prinzipiellen Nein nie wirklich abgerückt. Seine wechselnden jugoslawischen Delegationen wußten nach dem Eindruck der Verhandlungspartner nie ganz genau, welchen Spielraum sie überhaupt hatten. Mal schienen sie grünes Licht zu bekommen, mal wurden sie zurückgepfiffen. Derjenige, der allein entscheiden konnte, saß - anders als in Dayton - nicht mit am Tisch. Und selbst hohe Emissäre wie Milan Milutinovic, Präsident Serbiens, galten rasch als schiere Nobodies. Einmal danach gefragt, warum er und seine Kollegen nie wirklich Stellung beziehen, zeigte er beängstigt an die Decke - "psst, psst!", man könnte ja von verborgenen Mikrofonen abgehört werden. Milocevic war überall. Die serbischen Delegierten hatten demnach schlicht nichts zu sagen. Dafür tranken sie viel.

Es läßt sich schwerlich behaupten, der legendäre militärische Teil Appendix B zum Kapitel 7 des Vertragsentwurfs habe zum Scheitern geführt. Dieser Entwurf für das Statut einer Friedenstruppe, die von der Nato geführt wird (Kosovo Force oder KFor), ist nie verhandelt worden. Der Entwurf war nach einigen Tagen von Rambouillet auch den Russen zugänglich, der Appendix zum Kapitel 7 nicht. Aber Belgrad weigerte sich ganz generell, über diese Implementierung zu sprechen. Stein des Anstoßes war Appendix B nicht - so weit ist man gar nicht gekommen. Im übrigen lehnte sich der Appendix durchaus an das Modell Dayton an. Von einem Nato-Besatzungsstatut oder Friedensdiktat läßt sich daher nicht sprechen.

Man habe nie gewußt, wo die "rote Linie" der Serben war, erinnern sich Pleuger, Ischinger und Pauls gleichermaßen. Auf Milocevics Frage "Was wollen Sie eigentlich im Kosovo?" erwiderten die deutschen Besucher einmal in Belgrad: "Wir wollen, daß das Morden beendet wird." Darauf Milocevic: "Was wollen Sie denn, das sind doch unsere Leute." Ziemlich erschrocken erinnerte Joschka Fischer sich später einmal an diesen Moment. Milocevic sei ihm so vorgekommen wie einer, der ihm in die Augen sieht und schweigend mitteilt: "Ich gehe über Leichen, und das kannst du nicht!"

Wichtiger als das Rätselraten um den Appendix erscheint etwas ganz anderes. Irgendwann hat Milocevic wohl erkannt, wieviel Sprengstoff aus der Sicht eines Autokraten in dem Vertragsentwurf für das halbautonome Kosovo steckt. Minderheitenrechte, ein relativ souveräner Präsident, freie Wahlen.

Drei Wochen später, Mitte März, findet nach dem Scheitern von Rambouillet I eine zweite Runde statt, dieses Mal in Paris. Die Serben wollen nicht mehr verhandeln, haben alle Kompromißpositionen wieder verlassen und massiv Truppen in das Kosovo verlegt. Ohnehin glaubt niemand, daß es noch Verhandlungsspielraum gibt. Es geht, wie es in einer Notiz heißt, "um Begründungen für die Öffentlichkeit und Erklärungen zu dem Danach". Sämtliche Telefaxe der deutschen Delegation nach Bonn laufen jetzt auf eine Botschaft hinaus: "Nichts geht mehr." Aber es heißt auch: "Die Nato-Uhr sollte nicht vor letztem Versuch der Minister in Belgrad zu ticken beginnen." 17. März, Schlußtag. Schon fürchten die Delegierten ein Déjà-vu von Rambouillet I - aber da lenken die Kosovaren ein und erklären sich zur Unterschrift unter den Vertrag bereit. In der Kontaktgruppe fragen die Deutschen nach der künftigen roadmap Washingtons und erhalten keine genaue Antwort. Währenddessen bittet UÇK-Vertreter Thaci die Nato um baldige Militärschläge. Wolfgang Petritsch notiert sich: "Düstere Aussichten." Es geht nicht darum, daß der Westen den Krieg will, aber auch die Zögerlichsten sehen jetzt keinen Ausweg mehr. Das Kriegsziel bleibt in diesem Moment undeutlich. Aber die Politik ist am Ende. "Plötzlich war aus der Friedensgasse eine Sackgasse geworden", sagt Petritsch. Das Damoklesschwert der Nato-Activation-Order hängt über allem. Am 22. und 23. März versucht Holbrooke ein letztes Mal, Milocevic zu einem sofortigen Waffenstillstand und dem entscheidenden Ja zur Stationierung von Nato-Truppen zu bewegen. Nach Holbrookes Rückkehr aus Belgrad erteilt Nato-Generalsekretär Javier Solana Weisung, mit den Luftangriffen zu beginnen.

Die Deutschen können sich zugute halten, daß keiner die Kosovo-Frage so früh so ernst genommen hat wie sie. Es überzeugt, wenn in Bonn gesagt wird: "We walked the extra mile." Oder anders: Nichts haben wir unversucht gelassen. Vielleicht, so sagen rückblickend einige Rambouillet-Teilnehmer, komme aber heraus, "daß wir Deutschen ohnmächtig waren, uns überschätzt haben."