Ivan Bloch war ein Hansdampf in vielen Gassen. Ein Pole, 1836 im Ghetto von Radom geboren, der es im zaristischen Rußland zum Staatsrat und zum Verdienstadel gebracht hatte. Ein erfolgreicher Handelsmann, Wirtschaftstheoretiker und Eisenbahnmagnat. Vor allem jedoch ein engagierter Zeitgenosse, der sich unermüdlich für die Sache des Friedens einsetzte und dem Zaren Nikolaus II. die Idee zu jener Friedenskonferenz eingab, zu der sich vor 100 Jahren, am 18. Mai 1899, die Vertreter von 26 Staaten im Haager Huis Ten Bosch versammelten, der Sommerresidenz der niederländischen Königsfamilie.

Ivan Bloch hatte ohne Unterlaß dafür geworben. In vielen Sprachen wandte er sich an die Völker und in ganz verschiedenen Rollen. Als Friedenstrommler steht sein Name in der Ahnentafel des Pazifismus gleichrangig neben dem der Österreicherin Bertha von Suttner, des Schweden Alfred Nobel, des Briten William T. Stead und des Amerikaners Andrew Carnegie. Als Diplomat ohne Auftrag ging er in den Kanzleien Europas ein und aus. Seine nachhaltigste Wirkung jedoch erzielte er - der sich Jean de Bloch oder Johann von Bloch oder I. S. Bloch nannte - als Schriftsteller, vor allen Dingen mit seiner monumentalen sechsbändigen Studie Die Zukunft des Krieges, die 1898 in Sankt Petersburg erschien und im folgenden Jahr auch auf deutsch, französisch und englisch herauskam.

Blochs Botschaft war schlicht. Bewaffnete Konflikte zwischen den Mächten könnten künftighin nur noch "um den Preis des Selbstmords" geführt werden, da die moderne Technik und Taktik dem Verteidiger einen derartigen Vorteil verschafften, daß niemand mehr einen entscheidenden Sieg erringen könne. Jeder Krieg werde Jahre dauern, er werde aus einer endlosen Kette von Belagerungsoperationen bestehen, die Soldaten würden sich in einem auszehrenden Grabenkrieg gegenüberstehen. Solch ein Krieg jedoch, schrieb Bloch, werde Europa in Aufruhr und Revolution stürzen und mit der Abschaffung seiner Monarchien enden. Nur eine neue internationale Ordnung, war seine Schlußfolgerung, die auf Gerechtigkeit gründe und auf einer wirksamen Schlichtungsinstanz, könne dies abwenden.

Nikolaus II. hatte noch als Kronprinz diese Ideen in früher erschienenen Aufsätzen kennengelernt. Als ihm Bloch um Ostern 1898 das Werk präsentierte, beschäftigte er sich intensiv damit. Sechsmal unterhielt er sich stundenlang mit dem Autor. Die These, daß Krieg fortan auf Selbstmord hinauslaufen würde, bewegte den Zaren. Zugleich beunruhigte ihn das kostspielige Wettrüsten, das sich damals anbahnte. Mit einem Kaiserlichen Reskript, das sein Außenminister Murawiew den Botschaftern der auswärtigen Mächte in Petersburg aushändigte, überraschte er im August 1898 die Weltöffentlichkeit: Er lud zu einer internationalen Konferenz zur Begrenzung der Rüstungen ein. Sein eindringliches Plädoyer: Das System der "Rüstung à outrance verwandelt den bewaffneten Frieden in eine drückende Bürde, die auf allen Völkern lastet und schließlich zu eben der Sintflut führen muß, die sie verhindern soll".

Die Friedensbewegung der damaligen Zeit jubelte. "Wie herrliche Musik wird es über die gesamte Erde erklingen", schrieb ein Wiener Blatt. Viele sahen eine neue Epoche der Menschheit heraufdämmern. Die Regierungen freilich blieben skeptisch. Humanitär, doch utopisch, lautet das Urteil in London. In Berlin war der Kaiser verärgert. Wenige Tage später verkündete er sein ehrgeiziges, gegen England gerichtetes Flottenbauprogramm: "Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser." Seine maritimen Ambitionen wollte er sich um keinen Preis abhandeln lassen. Außerdem: "Womit soll Krupp dann seine Arbeiter bezahlen?"

Und wollte der Zar vielleicht nicht bloß Wilhelm II., der sich anschickte, Jerusalem zu besuchen, den Wind aus den Segeln nehmen? Oder wollte er die Österreicher daran hindern, ihre neue Schnellfeuerkanone einzuführen, was Rußland zu einer Umrüstung genötigt hätte, die seine finanzielle Schwäche kaum erlaubte? Auch andere hielten nicht viel von der Sache. Die Amerikaner berauschte noch ihr Sieg über Spanien; englische und französische Truppen standen einander am Oberen Nil Gewehr bei Fuß gegenüber; in Südafrika spitzte sich die Konfrontation der Briten mit den Buren zu.

Die Motive des Zaren wurden weithin angezweifelt, doch lag der Friedensgedanke in der Zeit. Alle Völker ächzten unter der Last der Militärausgaben. Niemand konnte es sich leisten, die Einladung abzulehnen. Und so kamen sie alle, Europäer und Amerikaner, Türken und Chinesen und Japaner.