Im April 1996, der Dow Jones hatte gerade die 5500-Marke überschritten, sagte der amerikanische Investmentstratege Edward Yardeni für die Jahrtausendwende einen Aktienindex mit fünf Ziffern voraus. Dow 10 000 in 2000, prognostizierte der Chefguru der Deutschen Bank in New York - und wurde dafür kräftig gescholten. Ein "Bulle unter Bullen" sei Yardeni, tadelten Kritiker: viel zu optimistisch, unverdrossen zukunftsgläubig, fern der Wirklichkeit.

Inzwischen hat die Realität den Optimisten Yardeni längst überholt. Vergangene Woche überschritt der Dow die Marke von 11 000 Punkten, nur 24 Börsentage nachdem die Prophezeiung des Oberbullen Yardeni - acht Monate früher als erwartet - eingetreten war. Dow 36 000, lautet mittlerweile die Prognose eines anderen Wall-Street-Sehers. Ein Phantast, sagen die meisten seiner Kollegen. Aber völlig sicher ist sich niemand mehr.

Seit sich der Dow im Jahr 1990 auf seinen Weg nach oben machte, haben die Pessimisten, im Fachjargon Bären genannt, fast immer falsch gelegen. Während sie Einbrüche, Korrekturen und Crashs voraussagten, legte Amerikas wichtigster Aktienindex unerbittlich zu. Wer zu Beginn des Jahrzehnts sein Geld in die 30 Dow-Papiere steckte, kann sich heute über einen Gewinn von gut 375 Prozent freuen. Millionen Amerikaner wurden während der neunziger Jahre mit Aktien reich. Die Trennlinie zwischen Bullen und Bären ist simpel: Die einen konzentrieren sich auf die traumhafte Konjunktur in Amerika, sprechen mitunter über eine "neue ökonomische Ära" und halten den Aktienmarkt für einen Spiegel der wirtschaftlichen Renaissance der USA. Die anderen verweisen darauf, daß es in der 103jährigen Geschichte des Dow nur einen einzigen Bullenmarkt gegeben habe, der ähnlich lang und wuchtig war - und der endete mit dem Megacrash von 1929. Alle Zahlen, sagen sie, deuten auf eine massive Überbewertung von Aktien. "Der gesunde Menschenverstand", meint beispielsweise Roy Neuberger, der 95 Jahre alte Gründer des Neuberger-&-Berman-Investmentfonds, "hat sich längst aus dem Fenster gestürzt." Das Problem: Beide Seiten haben recht. In Deutschland machen Analysten die lahme Konjunktur und den unklaren Kurs der Bundesregierung für die schwache Börse verantwortlich. In Amerika ist die Wirtschaftsexpansion inzwischen die zweitlängste in der Geschichte des Landes und zeigt keine Schwäche. Im ersten Quartal wuchs die Ökonomie mit einer Jahresrate von 4,5 Prozent, die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit drei Jahrzehnten nicht, die Inflation dennoch gering. Analystin Abby Cohen von Goldman Sachs und derzeit bekannteste Optimistin der USA, vergleicht die US-Wirtschaft mit einem "Supertanker, der auch in stürmischen internationalen Gewässern Kurs hält". Amerikanische Firmen führten weltweit und seien die Nummer eins bei der Einrichtung neuer, moderner Industrien; Profite und Produktivität zeigten weiter steigende Tendenz. "Aktien sind deshalb fair bewertet", resümiert Cohen.

Selbst vorsichtige Skeptiker wie Fed-Chef Alan Greenspan geben inzwischen zu, daß der Einsatz neuer Technologien - vom Computer bis zum Internet - in der Wirtschaft der Vereinigten Staaten fundamentale Änderungen zur Folge hatte. Steigende Produktivität milderte während der neunziger Jahre den Druck auf die Preise und machte - im Verbund mit einem günstigen internationalen Klima - niedrige Zinsen möglich. Das half Profiten und Aktienkursen. Manche Ökonomen glauben, daß dieser Zustand unverändert in die Zukunft fortgeschrieben werden kann. Amerika befinde sich in einer "neuen Ära", meinen sie: einer goldilocks-economy mit hohem Wachstum und geringer Inflation.

Altgediente Ökonomen fühlen sich bei solch goldlockigen Analysen an frühere Zeiten erinnert. "Während aller spekulativen Perioden der letzten drei Jahrhunderte hat irgend jemand irgendwann ein ,neues Zeitalter' proklamiert", sagt der ebenso weise wie zum Sarkasmus neigende Ökonom John Kenneth Galbraith. Kurz vor dem Crash von 1929 meinte Yale-Ökonom Irving Fisher, Aktien hätten ein "permanentes, hohes Plateau" erreicht. Heute denken die Bären an Japan, wenn sie über die vermeintliche US-Spekulationsblase reden.

John Makin, ein Ökonom beim American Enterprise Institute in Washington, verweist darauf, daß die Marktkapitalisierung der zehn wichtigsten Unternehmen im Standard&Poor500-Index die sagenhafte Summe von 3,3 Billionen Dollar erreicht habe. Alle Firmen des japanischen Nikkei-Index bringen es dagegen zusammen auf nur 2,2 Billionen Dollar. Nach Makins Berechnung hat die Bewertung amerikanischer Aktien heute den Stand erreicht, den sie kurz vor dem letzten großen Crash im Jahr 1987 hatte. "Ein kleiner Zins-Tick reicht", warnt er.

Freilich gab es Warnungen wie diese schon häufig. Alan Greenspan sprach Ende 1996 von "irrationalem Überschwang", seither sind die Kurse unverdrossen angestiegen. Das "Risikobewußtsein" der Investoren habe sich geändert, argumentiert Kevin Logan, der für Dresdner Kleinworth Benson in New York die Märkte beobachtet; hohe Bewertungen bedeuteten nicht, daß nicht mehr gekauft wird. "Rationaler irrationaler Überschwang", nennt es Paul McCulley, Ökonom beim Investmenthaus Warburg Dillon Read. Tatsache ist, daß Entscheidungen zum Aktienkauf heute vielfach anders und von anderen Marktteilnehmern getroffen werden als noch vor ein paar Jahren. Kurse steigen und fallen, weil eine Handvoll Internet-Gurus Empfehlungen geben und wenige TV-Analysten ihren Daumen heben oder senken. Daytrader kaufen und verkaufen in Sekunden. Fundamentale Zahlen spielen dabei für viele Investoren eine geringe Rolle. Wichtiger ist das "Momentum" einer Aktie. Man greift zu, wenn der Trend nach oben weist, verkauft wird erst, wenn der Trend gebrochen ist.