Böse Zungen behaupten, die in den Osten berufenen Philosophen hätten nur ihre aus dem Westen mitgebrachten Bücher im Sinn. Für Land und Leute hingegen brächten sie kein Interesse auf. Der seit 1992 in Rostock lehrende Heiner Hastedt ist der leibhaftige Gegenbeweis. Er hat sich von Anfang an um die Weiterbildung der Lehrer in den Schulen bemüht, er betreibt das landesweit laufende Projekt "Philosophieren mit Kindern" und trägt als Prorektor seiner Universität Mitverantwortung für die Strukturpolitik in einer ganzen Region.

Noch im Westen hat der junge Philosoph zwei informative Bücher über das Leib-Seele-Problem (1988) und über den ethischen Umgang mit der Technik (1991) geschrieben. Nun, nach sieben Jahren der Aufbauarbeit, legt er seine dritte größere Arbeit vor. Darin läßt er die in den letzten beiden Dekaden geführte Debatte über politische und moralische Dimensionen des Individualismus Revue passieren, um sie auf die Grundfragen der Ethik zu beziehen.

Auch im neuen Buch stellt Hastedt seine Fähigkeiten unter Beweis, große Stoffmassen zu gliedern, anschaulich darzustellen und auf eine nachvollziehbare Systematik zu bringen. Dabei vermag er flüssig und mit didaktischem Geschick zu schreiben. Seine Fähigkeit, lakonisch an sprichwörtliche Weisheiten anzuknüpfen, setzt manche hübsche Pointe. Auf diese Weise ist ein übersichtliches, umfängliche Kenntnisse vermittelndes Buch entstanden, das jedem empfohlen werden kann, der sich über die im Streit zwischen Liberalisten und Kommunitaristen verhandelten Probleme kundig machen will.

Bemerkenswert ist das Buch, weil es bewußt die Erfahrungen eines in den Osten berufenen Westphilosophen aufnimmt. Hastedt möchte vornehmlich seinen ostdeutschen Landsleuten erklären, was es mit dem Individualismus auf sich hat und warum er unverzichtbar ist. Wer nach Wohlstand, rechtlicher Sicherheit und moralischer Anerkennung strebt, der kann dies nur als Individuum tun. Das Eigeninteresse ist der Motor der gesellschaftlichen Dynamik. Die aber kann nur dann zu politisch akzeptablen Effekten führen, wenn jeder Exponent des Individualinteresses in seiner Freiheit und Würde geschützt ist. Dieser Schutz jedoch kann nur im Rahmen rechtlicher Garantien gewährt werden, die nach Möglichkeit auch soziale Sicherungen einzuschließen haben.

Um die politische und moralische Selbstbindung des einzelnen kenntlich zu machen, spricht Hastedt von einem "normativen Individualismus". Dem stellt er einen "deskriptiven Holismus" zur Seite, der darzustellen hat, daß sich jedes Individuum jederzeit in zahllosen natürlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten befindet. Durch diese Unterscheidung enden alle Versuche, den Selbständigkeitsanspruch des einzelnen durch Hinweis auf seine Einbindung in die Realität beiseite zu schieben, in einem Kategorienfehler. Das ist ein geschicktes argumentatives Arrangement.

So handelt Hastedt von wesentlichen Einsichten aus dem neuzeitlichen Diskurs über die elementaren Bedingungen der politischen Kultur. Im ganzen liest sich seine "Verteidigung des Individualismus" wie eine Fibel des demokratischen Republikanismus, der, soweit es die Ökonomie erlaubt, auch vor den sozialen Härten zu schützen hat. Das Buch kann daher auch als eine philosophische Hinführung zur sozialen Marktwirtschaft gelesen werden.

Freilich tut der Autor des Guten zuviel, wenn er der Wirtschaft das Ziel der "Gerechtigkeit" unterschiebt. Man kann der Ökonomie getrost das Streben nach Wohlstand lassen, solange man ihr eine teils steuernde, teils ausgleichende Politik beiseite stellt. Ebendafür argumentiert der Autor mit überzeugenden Gründen.