Davon können deutsche Wirtschaftsstudenten nur träumen. Während sie in 500-Mann-Vorlesungen Buchhaltung und Bilanzierung büffeln, lauschen ihre Pariser Kommilitonen im kleinen Kreis Managern der Nobelmarken Hermes, Cartier und Veuve Cliquot. Es bleibt nicht beim intellektuellen Diskurs. Wer hier den Master of Business Administration (MBA) erwerben will, muß Champagnersorten unterscheiden und Parfümaromen erschnüffeln lernen. Nicht vom französischen Durchschnittsstudium ist also die Rede; an der Wirtschaftshochschule Essec in Cergy-Pontoise bei Paris ist Luxus Programm - schließlich wird hier der Führungsnachwuchs für die Industrie des Kostbaren und Erlesenen ausgebildet.

"Wir wollen Leute, die mit der linken und mit der rechten Hirnhälfte denken", sagt Michel Gutsatz, der Direktor des Studiengangs. Will heißen: Außer Theorie will der Elsässer den künftigen Managern auch einen sinnlichen Zugang zu ihren Produkten vermitteln. Neben Preispolitik und Marketing stehen deshalb ein Weinkundeseminar, eine Designklasse und ein Parfümkurs auf dem Stundenplan. Wenn das Grundwissen sitzt, schickt Gutsatz seine Studenten zur Exkursion ins Schneideratelier von Dior, in die Weinkeller von Moët & Chandon, ins Duft-Archiv nach Versailles oder zu den Parfümeuren von L'Oréal.

Studieren wie Gott in Frankreich. Wer würde sich das nicht gefallen lassen. Doch hinter den schönen Dingen des Lebens, das lernen die Studenten hier sehr schnell, stecken beinharte Arbeit und präzise Organisation. Der Studienalltag ist zuweilen ziemlich anstrengend, weiß Verena Schellenberger aus Bad Honnef, die im vergangenen Jahr hier die Schulbank gedrückt hat. "Zum Glück kannte ich Paris schon, denn zum Stadtbummeln hatten wir keine Zeit." Für Verena Schellenberger hat sich der Einsatz gelohnt. Nach dem einjährigen Kurs bekam sie vier Jobangebote - und arbeitet heute beim Edelschneider Escada in München.

Direktor Gutsatz ist ein strenger Lehrer. Wenn die Studenten von ihren Ausflügen in die Welt des Luxus in die Betonuniversität in der Pariser Vorstadt zurückkommen, will er Ergebnisse sehen. Dann verschanzen sie sich in den schmucklosen Arbeitsräumen. Die junge Indonesierin Yati Grissa, die Chinesin Min Cao und Wendy Leung aus Hongkong etwa, um eine Studie über die Loyalität von Markenkäufern auszuarbeiten. Etwas enttäuscht präsentieren die drei die Ergebnisse ihrer Umfrage - denn einige der befragten Unternehmen führen offensichtlich gar keine Kundenstatistik. "Das ist doch ein interessanter Punkt", sagt ihr Lehrer nach einem kurzen Blick in die Studie. "Aber Sie müssen noch einmal ran", fordert er erbarmungslos. "Ich möchte, daß Sie alles noch einmal gründlich überarbeiten und genau diesen Aspekt stärker hervorheben."

Die drei sind keine Anfänger. Die 33jährige Yati Grissa hat in Indonesien sieben Jahre lang für den Markenartikler Unilever gearbeitet, bevor sie nach Paris kam. Bankerin Wendy Leung hat mit ihren 25 Jahren schon Stationen in London, New York und Hongkong hinter sich. Die 26jährige Min Cao aus der Volksrepublik China hat sich ihr Jurastudium als Mannequin verdient. Mit ihren Lebensläufen sind sie an der Essec keinesfalls etwas Besonderes: Drei Jahre Berufserfahrung sind Aufnahmevoraussetzung - und helfen auch, die durchaus luxuriöse Gebühr von 37 160 Mark für das Studienjahr aufzubringen.

Internationalität ist ebenfalls Programm. Franzosen sind an der Pariser Schule in der Minderzahl. Nur 2 der insgesamt 17 Studenten des laufenden Jahrgangs kommen aus Frankreich, der Rest stammt aus den europäischen Nachbarländern, Amerika und knapp die Hälfte aus Asien.

Daß die Unterrichtssprache in solch einer gemischten Runde Englisch sein muß, versteht sich fast von selbst. Für Verständigungsprobleme jenseits der Sprachebene hat Gutsatz den fünf Zentimeter dicken Spezialknigge Kiss, Bow or Shake Hands im Regal stehen. Doch der wird selten gebraucht. "Wenn die Studenten gemeinsam die erste Nacht durchgearbeitet haben, können wir uns die interkulturellen Nachhilfestunden sparen", sagt er trocken. "So etwas verbindet."