DIE ZEIT: Ist es sinnvoll, Gesellschaften mit Hilfe der Kategorie der Generation zu untersuchen?

HEINZ BUDE: Der Generationenbegriff erlaubt uns, Gesellschaften in der Zeit zu verstehen. Die alten sozialstrukturellen Kategorien, an die wir gewöhnt sind - Klasse, Schicht, Milieu -, gehen immer von der Vorstellung einer gewissen Konstanz aus. Der Generationenbegriff stellt in Rechnung, daß es kontingente Einwirkungen auf Gesellschaften gibt, die über die Zeit eine konstitutive Wirkung entfalten: Kriege, Inflationen, Revolutionen, aber auch friedliche Veränderungen wie die Einführung des Euro. Die Erfahrung der Verzeitlichung des Sozialen ist der Grund für die Konjunktur des Generationenbegriffs. Wichtig ist dabei allerdings, daß Generationen erst dadurch zustande kommen, daß sich benachbarte Jahrgänge als erlebnismäßige Einheit verstehen. Im gefühlten und verstandenen Generationszusammenhang findet der einzelne einen Halt in der Geschichte - ganz unabhängig davon, ob er nun an den generationsbildenden Ereignissen beteiligt war oder nicht.

BUDE: Ich glaube, Deutschland ist die Nation der Generationen schlechthin. Das hängt mit den Besonderheiten der deutschen Gesellschaftsgeschichte zusammen, mit all ihren Verspätungen, Sonderentwicklungen, Eruptionen, dem Fehlen eines goldenen Zeitalters der Konstitution.

ZEIT: Hat sich dieses Muster nach dem Zweiten Weltkrieg noch verstärkt?

BUDE: Ja, denn jetzt war man erst recht auf der Suche nach einer Kategorie der Selbstauffassung, die existentiell erfahrene Widersprüche von Kontinuität und Bruch erfassen konnte. Da eignete sich die Kategorie der Generation, weil sie so etwas wie ein kollektives Verständnis ermöglichte.

ZEIT: Was bedeutet diese These für die Generationenfolge in der Bundesrepublik?

BUDE: Die Bundesrepublik ist eine sehr merkwürdige Folge von Generationsgestalten, weil die erste Chance die Alten gehabt haben. Die Gründer stammen alle aus der Generation, die ihre politische Sozialisation in der Weimarer Republik hatte. Die starke Angst vor dem Volk, die für die Konstitution der Bundesrepublik eine große Rolle spielt, ist nur auf dieser Erfahrungsgrundlage zu erklären. Die zweite wichtige Generation für die Realgeschichte der Bundesrepublik, die aber nie deutungsmächtig wurde, ist die Helmut-Schmidt-Generation der jungen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Das ist die Machergeneration der Bundesrepublik, die diese Gesellschaft im Grunde gern nach dem Modell einer Art Wehrmachtsgemeinschaft wiederaufgebaut hätte, das aber nie so sagen konnte. Die dritte wichtige, deutungsmächtige Generation ist die Flakhelfer-Generation der Genschers, Ehmkes, Biedenkopfs oder Kohls, die im Grunde das skeptische Basisdesign der Bundesrepublik entfaltet hat. Sie hat das Regime mit der Bundestagswahl 1965 übernommen und im Grunde erst bei der letzten Wahl wieder abgegeben. Auf sie folgt die Zwischengeneration der "Halbstarken", also die weißen Jahrgänge um 1936, Karl-Heinz Bohrer oder Klaus Kinkel zum Beispiel. Das ist eine Generation mit einer Art anarchistisch-rebellistischer Gesinnung, die nie so recht ihren Ort gefunden hat. Danach kommt dann natürlich die Generation der 68er, deren Grundauffassung aus ihrer apokalyptischen Kriegskindheit herrührt. Das sind die großen kulturellen Nachholer der Bundesrepublik: Erst war es nachgeholter Ungehorsam, jetzt ist es nachgeholter Realismus. Das ist die letzte große Generationsgestalt der Bundesrepublik, die selbst noch eine existentielle Erinnerung an den Krieg hat. Das Schicksal des Jahrgangs 1949 ist: Er war 1968 noch zu jung und 1978 schon nicht mehr dabei. Das war dann die Zeit der um 1960 Geborenen, also der Post-68er-Generation. Die haben gesehen, daß es einen Traditionalismus der Kritik gibt. Das sind gewissermaßen die, die den Poststrukturalismus gelesen, aber zugleich in Brokdorf noch einmal ihre Erregungsfähigkeit bewiesen haben. Für die Generation danach fehlen dann schon die Begriffe. "89er-Generation" oder "Spaßgeneration" ist sie probehalber genannt worden. Jedenfalls ist das eine Generation, die das Gefühl von Gefährdung nicht mehr hat und gleichzeitig Virtuosität im Umgang mit beschnittenen Lebenschancen besitzt.