Kurz vor dem Tod erinnert man sich noch einmal an sein ganzes Leben, zumindest an das, was wichtig war. Ob das stimmt, wissen allein die Gestorbenen, doch Geschichtenerzähler hat diese Vorstellung von jeher fasziniert. Jonas Wergeland, der große Verführer in Jan Kjærstads neuem Roman, stirbt nicht, aber er erlebt etwas ganz Ähnliches.

Oslo duftet nach Frühling. Jonas kehrt von einer Geschäftsreise zurück, rast im Taxi durch die abendlichen Straßen, die er von klein auf kennt, vorbei an Häusern, durch die damals Märklinzüge rauschten, an einem Hang, den sie einst Transsilvanien nannten, die Vergangenheit lauert an jeder Straßenecke. Endlich schleppt er sich und seinen Koffer die vertraute Auffahrt entlang, öffnet die Tür, ein Stapel Briefe, das Fax, der Anrufbeantworter, geht ins Wohnzimmer - und da entdeckt er sie, die Gestalt auf dem Boden. Der tote Mensch ist seine Frau.

Denn Jonas ist ein Star, der Erfinder und Moderator der erfolgreichsten Fernsehserie Norwegens, die er, hypertroph und selbstironisch zugleich, Groß denken nennt, was natürlich ein Zitat von Ibsen ist, dem allerberühmtesten Norweger. Zweifelsohne muß Jonas übermenschliche Fähigkeiten besitzen. Für ihn ist fast nichts unmöglich. Nicht nur seine Telegenität gleicht einem Naturwunder, sondern auch seine - schamhaft zitiert Kjærstads Erzähler die Regenbogenpresse - "Eier aus Gold". Ganz zu schweigen von seinem ... nun, der soll angeblich wirklich unbeschreiblich sein.

Jonas hätte ein normaler Vorstadtjunge bleiben können, der ein paar Stücke von Duke Ellington auf der Mundharmonika blasen kann, sein Studium abbricht und dann doch noch irgendwie auf die Füße fällt (so leicht wird man als Norweger nicht arm). Doch schon in jungen Jahren wurde ihm bewußt, daß er zu den Auserwählten gehört. Er ist der geborene northern lover und obendrein tatsächlich das, was man heute so gern ein Kommunikationsgenie nennt. Kurz, eine wasserdicht konstruierte Hauptperson vom Schlage Matzerath und Biberkopf, mit der sich fast jede spannende Geschichte erzählen läßt und die auch noch die langweiligeren Episoden erträglich macht, ohne die kaum ein schwergewichtiger Wälzer auskommt.

Und zugleich ist diese Figur so perfekt durchdacht, daß sie leicht zu einem Pappkameraden verkommen könnte. Nicht so bei Jan Kjærstad, der in Norwegen schon seit den frühen achtziger Jahren zu den wichtigsten Schriftstellern gezählt wird. Am Ausgang dieses mörderischen Jahrhunderts versucht Kjærstad noch einmal zu beweisen, daß alle (post)modernistischen Attacken das Geschichtenerzählen nicht erledigt haben. Seine Helden kennen sich mit Derrida genauso gut aus wie mit Darwin und Damenunterwäsche, und all das hindert sie nicht daran, immer wieder auf die alten großen Fragen zurückzukommen: Wozu ist man eigentlich auf der Welt? Wie hängt ein Leben zusammen?

Kjærstads Helden kennen sich mit Derrida und Damenwäsche aus

Jonas Wergeland ist ein kleiner Bruder Peer Gynts, jünger, aber nicht weniger sagenhaft. Begnadete Alleinunterhalter und Weltbürger sind sie beide. Von Anfang an weist Jonas' Dasein über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus, es zielt darauf ab, das Fernsehen als das Gegenteil dessen zu entdecken, was es in Wirklichkeit ist: als eine ideale Illusionsmaschine gegen jede Form von Engstirnigkeit. Seine Serie handelt von großen Norwegern, doch Jonas nähert sich ihnen nicht mit den Mitteln eines Historikers. Der Glaube an die Wahrheit wurde ihm schon als Grundschüler von seiner ersten Liebe ausgetrieben, und deshalb vertraut er ganz auf die Macht der Phantasie. Was zählt, ist eine gute Story.

Nun, Norwegen ist nicht nur ein wohlhabendes, sondern manchmal auch ein moralinsaures Land. Je größer Jonas' Erfolge, desto bissiger werden seine Kritiker: Du lügst wie gefilmt! Als er sich vor laufender Kamera gegen den Vorwurf der Inkorrektheit verteidigen muß, wird er fast aus der Bahn geworfen. Dann aber erkennt er - für ihn selbst überraschend - den Kern seines Daseins: Groß denken hat mit den Kategorien Wahrheit und Lüge überhaupt nichts zu tun.

Er will einfach nur Geschichten erzählen, "die von den Ritzen im Dasein handeln, in die nur die Imagination eindringen kann". Es geht ihm darum, die schöpferische Intelligenz seiner Zuschauer anzuregen und sie beim Fernsehen endlich einmal nicht zu unterfordern. Mit Groß denken setzt er nicht auf vorgefertigte Ansichten, sondern auf bewußt isolierte Details, aus denen sich jeder seine eigene Ordnung der Dinge zusammensetzen kann.

Damit skizziert Kjærstad zugleich seine Poetik. Der Verführer ist ein Angriff gegen den miefigen Realismus der Fernsehfilme und literarischen Massenware. Das enge Norwegen verwandelt sich in Kjærstads Roman in einen grenzenlosen literarischen Assoziationsraum, einen Mikrokosmos, in dem die ganze Welt potentiell enthalten ist. Und Jonas ist kein singulärer Charakter, sondern viele Individuen auf einmal, eine "Vision der Komplexität im menschlichen Bewußtsein".

Kjærstad erzählt nicht chronologisch, sondern assoziativ, hangelt sich von Erinnerung zu Erinnerung, und der Anblick der toten Frau, die nie mehr erwacht, reißt Jonas und mit ihm den Roman wieder und wieder auf den Boden der Tatsachen. Nach und nach fügen sich die Bruchstücke zu einem Entwicklungs- und Eheroman zusammen, zu einem humorvollen Memento mori, einem Epos über den Tod und die Liebe in den Zeiten des Farbfernsehens.

Dabei schickt Kjærstad seine Liebenden an so außerordentliche Schauplätze und beschreibt sie in so reizvollen Stellungen, daß es ihm möglich wird, das Geschehen in den Betten, die zumindest für Jonas die Welt bedeuten, hemmungslos gefühlvoll zu schildern.

Das Groteske und das Erotische liegen in diesem von Übertreibungen und literarischen Anspielungen strotzenden Buch eng beieinander, und zuweilen scheint der Autor selbst von seinen erstaunlichen Einfällen verführt worden zu sein. Einige Figuren und Episoden wären sicher entbehrlich gewesen, besonders das nabokovisierende Vorwort des Verlags. Doch was bedeuten solche Einwände angesichts eines Romans, der einen Weg andeutet, auf dem es mit der hierzulande viel zu lange mißachteten Kunst des Erzählens weitergehen könnte?

· Jan Kjærstad: Der Verführer. Roman; aus dem Norwegischen von Angelika Gundlach; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999; 616 S., 49,80 DM