Alles ist Enge, das Haus eingeklemmt von vielen anderen, zusammengedrückt auf fünf Meter Breite. Ein Handtuchgrundstück, an dem man verzweifeln könnte, nichts läßt sich hier entfalten, das klassische Spiel der Fassaden und Materialien stößt an seine Grenze. Genau deshalb sind die drei Architekten ganz begeistert von diesem Hausstreifen auf der Amsterdamer Hafeninsel Borneo: Gerade das Extreme lockt sie, immer sind sie auf der Suche nach Handlungsraum im Aussichtlosen. Doch wo soll es diesen Raum geben auf so einer Miniparzelle? Da hilft nur eins: Die Enge muß noch enger werden. Sie teilen das Grundstück der Länge nach, bauen ein Reihenhaus mit 2,50 Meter Breite, verschränken Außen und Innen, Oben und Unten, weiten und quetschen, bis aus der Bedrängung eine ungeahnte Vielfalt erwächst und plötzlich das Kleine an Größe gewinnt.

Für solche Grenzüberquerungen sind die drei aus Rotterdam bekannt, in der Szene rühmt man das Büro mit dem komplizierten Kürzel MVRDV als Ideenlabor, dessen Projekte allen auffallen, weil sie hochfliegend und handfest sind, verstiegen und wirklichkeitsversessen. In nur sechs Jahren haben Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, aus deren Nachnamen sich die Initialen zu MVRDV vereinen, eine so steile Karriere hingelegt, daß es sie selbst fast schwindelt. Sogar mit dem wichtigsten Renommierprojekt der Niederlande, dem Pavillon für die Expo in Hannover, hat man sie beauftragt - in der Hoffnung auf etwas Spektakuläres, das nicht nur Spektakel ist. Genau das werden MVRDV bauen, und jetzt schon ist klar: Wenn etwas von dieser Weltausstellung im Gedächtnis bleiben sollte, dann ist es ihr Haus.

Ist das Vision oder bloß Gekasper, wegweisend oder gaga? Beides vermutlich, denn die lustvolle Übertreibung gehört für MVRDV mit zum Programm. Und doch meinen sie es verflixt ernst mit dieser "neuen Natur", wie sie es nennen, denn für sie ist Architektur viel mehr als nur das Entwerfen von Häusern. Landschafts- und Stadtplanung interessiert sie mindestens genauso sehr: Sie sehen sich als Gesellschafts- und Verhaltensforscher, als politische Unterhändler der Disziplinen. Eine Avantgarde, die sich in alltagsferne Opposition zurückzieht, interessiert sie nicht.

Anthony Giddens, Scott Lash, Ulrich Beck - in ausschweifenden Diskussionen nehmen MVRDV die jüngsten soziologischen Thesen mit hinein in ihre Arbeit. Und sie brechen auf zu eigenen Recherchen, fast schon datensüchtig sind die drei, sie sammeln, ordnen, gewichten Zahlen und Prognosen über Verkehr, Freizeittriebe, Wohnungsgrößen, Urlaubstage. Wer wo was wohin und wie - das sind für sie die Fragen, mit denen sie sich auf die Wirklichkeit werfen, und ihre Torten- und Pfeildiagramme, ihre Data-Scapes versuchen eine Antwort. Hingegen sind ihnen die Gedankenfreiflüge der französischen Chaos- und Komplexitätsphilosophen, die noch in den achtziger Jahren so bewundert waren, hochgradig suspekt. Sie wollen wieder Boden unter den Füßen spüren.

Das Fundament dazu legen sie mit FARMAX und MetaCITY/Datatown, zwei schweren Büchern, die sie im letzten halben Jahr herausgebracht haben und in denen sie ihre Zahlen, Fotos und Computergrafiken so lange durcheinanderwirbeln, bis sie sich zu einer Pop-Ästhetik verschleifen, wie sie auch von internationalen Trendmagazinen gepflegt wird. Doch wer sich durch das wirre Layout hindurchliest, allen Abschweifungen widersteht, entdeckt eine Erzählung, die nicht vor der Gegenwart resigniert, sondern Perspektive wagt. Ein Anflug von Größenwahn, ein steter Glaube an das Machbare durchweht die Texte und Entwürfe, die sechziger und siebziger Jahre mit ihren Utopien, mit Constant Nieuwenhuys und Superstudio, mit ihren Um- und Aufräumideen rücken ganz nahe.

Etwas von dieser Lust, die das Gegebene gern umstülpen möchte, lebt auch in dem Pavillon für Hannover - er ist ein Denkmodell für die Zukunft des Städtischen, stellt die Frage, was Landschaft eigentlich noch heißt. Ob es nicht eine Alternative geben könnte zu den ausufernden Vorstädten, dem Siedlungsbrei aus Reihenhäuschen, Tankstellen, Lagerhallen, diesem Grau, das nicht nur in Holland bald alles überzieht. Vielleicht ist ja Kompression eine Antwort, und so stopfen die drei Architekten alles hinein in ihren Würfel, verdichten die Niederlande, und spielerisch wird das scheinbar Unabwendbare des Gleichförmigen wieder formbar.

Doch es bleibt nicht beim Ideenraum; nur fixe Gedankengebäude aufzutürmen wäre MVRDV zuwenig. Im Osten Amsterdams zum Beispiel, wo sich die Stadt in umgrünte Punkthochhäuser und Zeilenkolonnen aus den sechziger Jahren auflöst, haben sie 1997 ein Altenwohnhaus geplant. Um die 100 Apartments auf dem schmalen Grundstück unterzubringen, wie vom Bauherrn gefordert, fanden sie eine Lösung, die nahelag und doch alle verblüffte: An die Nordfassade des Gebäuderiegels hängten sie 5 riesige Erker, die aussehen wie aufgezogene Schubladen. Platz ist in diesen tollkühnen Boxen, die weit über den Fußweg hinausragen, für immerhin 13 Wohnungen, die wegen ihres Ausblicks begehrter sind als alle anderen. Doch auch die Apartments, die unterhalb und damit im Schatten der aanhangwoningen leben, sind bei den Mietern beliebt, denn als Ausgleich haben sie auf der Südseite ein zusätzliches Fenster.