Gerade mal zehn Jahre ist es her, da schien die Bundesrepublik auf der Höhe ihrer "Selbstanerkennung" angelangt zu sein. Sechs Monate später war sie wieder "Provisorium" und die deutsche Frage wieder offen. Dann setzte eine dramatische Umwertung der Bewertungen ein. In den Rückblicken nach dem Mauerfall schrumpfte die "alte" Bundesrepublik zum "Ausnahmefall", zur "Puppenstube" und "Sonderexistenz", ja zu einer "redlichen Belanglosigkeit". Dieses Jahr steht ein Doppeljubiläum ins Haus, fünfzig Jahre Bundesrepublik samt zehn Jahre deutsche Einheit, und wieder hat sich die Deutungskonjunktur verändert. Die "Bundesrepublik hat Geschichte", hieß es 1989. Jetzt ist die "alte Bundesrepublik" zu Geschichte geworden. Und dies verbindet sich mit einem Generationswechsel in der Historikerzunft.

Mit den Arbeiten von Axel Schildt, Manfred Görtemaker und dem Autorenteam um Eckart Conze und Gabriele Metzler meldet sich die zweite Generation bundesdeutscher Historiker zu Wort. Sie verzichten auf die Emphase eines Kurt Sontheimer, in dessen jüngstem Buchtitel So war Deutschland nie (ZEIT, Nr. 13/99) noch die selbst durchgefochtenen Debatten um Neubeginn und Restauration, intellektuellen Zweifel und politisches Bekenntnis nachhallen. Die Jungen sind da nüchterner. Wenn sie sich unterscheiden, dann im Hinblick auf die Zukunftsfrage, was die Zäsur von 1990 für die Republik bedeuten könnte. Görtemaker spricht unbefangen von der "Berliner Republik" als einem Land, "dessen Grenzen offener und dessen soziale Gegensätze größer geworden sind". Schildt hält die Rede von der "Berliner Republik" für rückwärtsgewandt, während die Tübinger Autorengruppe von einer "Bewährungsprobe der Normalität" orakelt. Gleichviel, verändert hat sich die Wahrnehmung der "Bonner Republik": Sie wird nun als Abschiedsgeschichte geschrieben.

Gleichwohl unterscheidet ihn dieser intellektuelle Anspruch wohltuend von der umfangreichen Arbeit des in Potsdam lehrenden Historikers Manfred Görtemaker. Dessen Leitmotiv ist die "erstaunliche Stabilität" der alten Bundesrepublik, aber seinem Staunen fehlen die Worte. Görtemaker zeichnet ausführlich, facettenreich und zuverlässig den Weg der Bundesrepulik nach. Damit entsteht eine ausgreifende Gesamtdarstellung, die sorgfältig politische, soziale und kulturelle Handlungsstränge beleuchtet. Aber eine Synthese will sich so recht nicht einstellen. Immerhin, der Leser wird gut bedient mit einer verläßlichen Übersicht.

Ähnlich zuverlässig ist auch die handbuchartige Darstellung und Dokumentation der Tübinger Autorengruppe. Ihr systematischer Zugriff auf die Geschichte der Bundesrepulik wird jeweils von einer knappen Einführung eröffnet, dann folgen Texte und Dokumente, und zum Abschluß der Essay eines auswärtigen Beiträgers, darunter Jutta Limbach, Egon Bahr, Michael Rutschky oder Beate Klarsfeld. Ein ebenso originelles wie übersichtliches Arbeitsmittel!

In dem einleitenden Essay, den Hans Mommsen beigesteuert hat, blitzt kurz der Generationsgegensatz auf. Mommsen bemerkt mit offenbar nicht geringem Erstaunen den "verhaltenen Stolz", mit dem die jungen Historiker hier die Geschichte ihrer Republik porträtiert haben. Aber vielleicht sind sie noch allzu verhalten? Denn in ihren nüchternen und kenntnisreichen Texten kommt die irritierende Kehrseite der bundesdeutschen Erfolgsgeschichte entschieden zu kurz.

Hans-Peter Schwarz hatte einmal angeregt, die Nachkriegsgeschichte als die einer "ausgebliebenen Katastrophe" zu deuten und sich damit auf die Nachwirkungen ihrer gewalttätigen Vorgeschichte einzulassen. Unter den Autoren der hier vorgestellten Bücher hat nur Axel Schildt diesen Faden aufgenommen, und auch bei ihm tritt die "selbst gestellte" Frage hinter der Skizzierung der vergangenheitspolitischen Dauerdebatten wieder zurück. Was hindert die Nachgeborenen daran, die Nachtseite ihrer eigenen Jugendzeit wissenschaftlich zu erörtern? Wo sind die traumatischen Fixierungen des Nachkriegs in Erscheinung getreten? Wie steht es etwa um die Angstgeschichte einer Republik, die in periodischen Eruptionen den Schrecken ihrer Ursprünge abzutragen suchte?

Aus gegebenem Anlaß sei auf eine Arbeit verwiesen, die Licht in das Modernisierungsdunkel der Nachkriegszeit wirft. Die Historikerin Vera Neumann hat in einer aufregenden Neuauswertung von lebensgeschichtlichem Interviewmaterial die dramatische Geschichte der Dauerüberlastung der Nachkriegsfamilien nachgezeichnet, die sich mit dem Erbe des Krieges herumzuschlagen hatten, mit psychischen Störungen, physischen Verletzungen, sozialen Depravationen. In ihrem Band entsteht das Bild einer "Kriegsopfergesellschaft", die so noch nicht erzählt worden ist. "Der heutigen Geschichtsschreibung", resümiert die Autorin, "fehlen für umfangreiche Teile der sozialen Wirklichkeit die Worte."