Die Nato hat im Kosovo-Konflikt eine kaum erwartete Geschlossenheit bewiesen. Doch mit zunehmender Dauer des Kriegs deuten sich im westlichen Bündnis Risse an. In der europäischen Öffentlichkeit wächst der Unmut über die Führungsrolle der USA in der atlantischen Allianz. Auch in Deutschland artikulieren sich mit den oft durchaus berechtigten Zweifeln am Sinn der Nato-Strategie in Jugoslawien zugleich massive antiamerikanische Stimmungen.

Auf der extremen Linken und Rechten blühen amerikafeindliche Verschwörungstheorien. Das PDS-nahe Neue Deutschland stellt die USA als Urheber der "Nato-Aggression gegen Jugoslawien" hin und suggeriert, die Amerikaner "trieben" ihre kompromiß- und verhandlungsbereiteren europäischen Verbündeten "zu verschärften Angriffen". Dieses Zerrbild knüpft an die alte marxistisch-leninistische Theorie vom "US-Imperialismus" als der aggressivsten Kraft des internationalen Monopolkapitalismus an. Doch die PDS-Propaganda gegen die Nato trifft durchaus die Stimmung großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung. Das Vorgehen der Nato gegen Serbien bestätigt für viele Ostdeutsche ihren Verdacht, der Westen wolle dem Osten sein Gesellschaftsmodell und seine Werte mit allen Mitteln aufoktroyieren.

Einen antiamerikanischen Euronationalismus besonderer Art propagiert die radikale Rechte. Schon vor einigen Jahren hat Alfred Mechtersheimer, in den frühen achtziger Jahren ein führender Sprecher der Bewegung gegen die Nato-Nachrüstung, die Parole von der "Friedensmacht Deutschland" ausgegeben: Einem "strukturell friedensunfähigen" Amerika stellt der "Nationalpazifist" die Vision eines von Deutschland geführten, auf Ausgleich und Selbstbestimmung der Völker und Ethnien bedachten Europa entgegen. Mechtersheimer hat sich - wie der vom Links- zum Rechtsradikalismus übergetretene Ex-RAF-Anwalt Horst Mahler - seitdem immer weiter der Neuen Rechten und ihrer Ideologie des "Ethnopluralismus" angenähert. In diesem Konstrukt fungieren die Vereinigten Staaten als Prototyp einer universalistischen, multiethnischen Gesellschaft, die rassische und völkische Eigenheiten überall auf der Welt auslöschen wolle. Nicht in der Vertreibung der Kosovo-Albaner sehen die Rechten jedoch einen potentiellen Völkermord, sondern in der vermeintlichen "Überfremdung" der Kosovo-Serben durch die albanische Bevölkerungsmehrheit. Den Nato-Angriff zugunsten der Albaner interpretieren sie als Teil einer amerikanischen Strategie, die Vielfalt der europäischen Ethnien durch Völkervermischung zu zerstören. Diese Einschätzung deckt sich übrigens weitgehend mit den Auffassungen Peter Handkes, der ein von dem französischen Nouvelle-Droite-Chefideologen Alain de Benoist verbreitetes Manifest mit dem Titel Europa will den Frieden unterzeichnet hat. Daß linke und rechte Extremisten sich heute in der Solidarisierung mit Serbien und gegen die Nato treffen, kann eigentlich nicht verwundern. Ist doch das Milosevic-Regime selbst das Produkt einer "nationalbolschewistischen" Symbiose von Marxismus-Leninismus und extremem Nationalismus.

Aber nicht nur an den radikalen politischen Rändern gelten die Amerikaner als Hauptverantwortliche für den kriegerischen Kurs der Nato. In der grünen und sozialdemokratischen Parteibasis wird der Vorwurf lauter, Schröder, Scharping und Fischer hätten sich im Kosovo-Konflikt willfährig dem amerikanischen Diktat gebeugt und folgten ihm mit "Nibelungentreue". Im konservativen Lager hört man ähnliche Anschuldigungen, freilich in einer spezifischen Variante: Die Verantwortlichen in der rot-grünen Regierung entwickelten bei ihrem Versuch, ihre pazifistische und amerikakritische Vergangenheit zu kompensieren und dem atlantischen Partner ihre Zuverlässigkeit zu beweisen, einen gefährlichen, nationale Interessen vernachlässigenden Übereifer. Die Fronten haben sich in eigenartiger Weise verwirrt: Linke wie Joschka Fischer knüpfen ihre Hoffnungen auf eine aktivere Menschenrechtspolitik des Westens verstärkt an die universalistische Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik, während Konservative, die eine solche menschenrechtspolitische Orientierung für utopistisch und illusionär halten, zunehmend die Interessengegensätze zwischen Deutschland und den USA hervorkehren.

Vorbehalte finden sich in allen politischen Lagern

Die Zweifel an der moralischen Glaubwürdigkeit der US-Außenpolitik gehen jedoch quer durch die bestehenden Lager. Linke Kritiker der Nato-Intervention wie der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele schüren den Verdacht, die Amerikaner benutzten die humanitäre Sorge um die Kosovo-Albaner nur als Vorwand, um eine weltweite Lizenz zur Intervention ohne UN-Mandat und unter ihrer alleinigen Führung durchzusetzen. Ähnliches deutete auch Oskar Lafontaine in seiner spektakulären Rede am 1. Mai an.

Es macht diese These freilich nicht glaubwürdiger, daß Nato-Kritiker wie Ströbele und Lafontaine auch den Golfkrieg, den die Westalliierten ja mit UN-Mandat führten, heftig verdammt haben. Damals warfen die Kriegsgegner den Amerikanern vor, sie mißbrauchten die Uno als Feigenblatt für ihre weltpolitischen Interessen. Und damals hieß es, der Westen führe den Krieg nicht um hoher Ideale willen, sondern wegen des Zugangs zu billigem Öl. Da den USA ein solches ökonomisches, aber auch ein eindeutiges geostrategisches Motiv in bezug auf den Kosovo-Konflikt nur schwerlich unterstellt werden kann, erklären die Amerikakritiker kurzerhand die Entmachtung der Uno zum wahren Zweck des US-Engagements im Kosovo. In anderen Versionen wird behauptet, die US-Regierung habe den Krieg nur inszeniert, um die Europäer zu Waffenkäufen bei der US-Rüstungsindustrie zu zwingen oder um den Euro zu destabilisieren.