Wenn Paul Vittis Angestellte etwas zu "erledigen" haben, geht das normalerweise kurz und schmerzvoll vor sich. Doch jetzt müssen sie ein Problem aus der Welt schaffen, das komplizierter ist als ein kleiner Mord unter Freunden. Denn New Yorks mächtigster Gangsterboß wird von Panikattacken, Heulkrämpfen und Erektionsproblemen geplagt, weder der Sex noch das Töten machen Vitti mehr richtig Spaß - und das ausgerechnet zwei Wochen vor dem großen Treffen der konkurrierenden Mafiafamilien.

Also fällt Vittis Clan wie eine Naturgewalt in die Praxis und das Leben des braven Psychoanalytikers Ben Sobol ein. Es ist wahrlich keine dankbare Aufgabe, die Vittis neuer unfreiwilliger Mitarbeiter da erledigen soll. 14 Tage hat er, um den Psychopathen wieder zum Mafiapaten zu machen. Dringt dabei ein Wort an die Außenwelt, ist Sobol ein toter Mann. Außerdem hat Vitti durchaus feste Vorstellungen von der Therapie: "Wenn ich eine Schwuchtel werde, bring' ich dich um." Und wie therapiert man jemanden, dem man nicht widersprechen darf?

Die Psychoanalyse ist eine tragische Angelegenheit. Deswegen gehört sie in die Komödie. Harold Ramis hat in seinem Pointenfeuerwerk Reine Nervensache die Therapie zum paradoxen Duell zweier Charaktere gemacht: Für Paul Vitti, den Patienten, ist das Leben ein Traum, den man sich erfüllen muß, für Ben Sobol, den Arzt, ist es ein Trauma, das man abarbeiten muß. Reine Nervensache ist aber vor allem ein exzellenter Schauspielerfilm. Das Duell der Figuren wiederholt sich als Duell der Darsteller. Billy Crystal ist als verklemmt sanfter Sobol, der alle analysiert, nur nicht sich selbst, ein trefflicher Stadtneurotiker. Robert DeNiro spielt als heulend polternder Vitti augenzwinkernd den Abgesang auf all seine großen Mafiarollen, von Der Pate bis zu Goodfellas. Es gibt wunderbare Momente zwischen den beiden: Als Crystal DeNiro zum erstenmal, zögerlich, vom Ödipuskomplex erzählt, von Vatermord und Mutterliebe, zischt DeNiro angewidert: "Ey, hast du meine Mutter schon mal gesehen?" Und noch Tage später murmelt er traumatisiert: "Mann, ich kann meine Mutter nicht mehr angucken."

Vielleicht erfindet die Psychoanalyse die Probleme selbst, die sie zu therapieren vorgibt. In jedem Fall ist es mit ihr wie mit der Zauberin Circe. Wer - wie Ben Sobol - einmal in ihre Fänge gerät, der kommt kaum mehr heil davon. Die Welt wird ihm zum Gespinst von Phantasmen. Als das FBI die Wohnung des mittlerweile verdächtigen Sobol mit den Worten "AOV" stürmt, fragt der erstaunt: "Agressivobsessive Verhaltensstörung?" Und bekommt zur Antwort: "Abteilung organisiertes Verbrechen."

Keine Psychokomödie ohne Übertragungseffekt. Ramis inszeniert ihn in einer besonders schönen Variante. Ben Sobol möchte eine Fernsehjournalistin (Lisa Kudrow) heiraten. Doch jedesmal, wenn er vorm Traualtar steht, erscheinen Vittis Schergen und führen ihn zu einer neuerlichen Therapiesitzung ab. Die Impotenz des Gangsters wird zu der des Therapeuten, nicht Vittis, Sobols Familie droht zu zerbrechen: Die Zukünftige wird ziemlich sauer, der Sohn sieht eh schon aus wie eine fleischgewordene Quarktasche. Da springt Vitti Sobol hilfreich zur Seite, Analytiker und Patient freunden sich an, und längst ist nicht mehr klar, wer hier eigentlich wen therapiert. Nur Sobols Vater nimmt's locker. Der ist, klar, auch Psychiater und dirigiert zum 70. Geburtstag vom Klavier aus fröhlich den Chor seiner Gäste: "Jetzt nur die Neurotiker."

Natürlich ist Reine Nervensache ein Hollywoodfilm mit Showdown, Happy-End und Zungenkuß. Vitti gibt seine Mafiakarriere auf, Sobol darf endlich die Ehe vollziehen. Vom Triumph der Psychoanalyse erzählt Ramis' Film dennoch nicht. Einmal, bei einer Beerdigung, betreten Sobol und Vitti eine Kirche. Vitti faßt in die Weihwasserschale und macht das Kreuzzeichen "Im Namen des Vaters", das Glaubensbekenntnis aller Christen und Psychoanalytiker. Sobol greift, leicht verschwitzt, ebenfalls in die Schale und erfrischt sich Hals und Nacken. Der Kalauer triumphiert über die Symbolisierungsgeste. Die Komödie lacht die Psychoanalyse in die Flucht. Das mit Ödipus, Iokaste und Laios, das ist halt auch nur eine Geschichte. Man kann an ihr zerbrechen. Man kann über sie lachen. Oder sie wie Paul Vitti kommentieren: "Verschissene Griechen."