Gurken, Auberginen, Tomaten, Pfirsiche: Unter der gestreiften Markise staffeln sich die Obst- und Gemüsekisten bis auf zwei Meter Höhe. Üppig arrangierte Früchte umwerben den Käufer - ganz wie im Süden. Früher sahen deutsche Gemüsegeschäfte anders aus. Da hießen sie auch noch nicht Avrasya Markt wie der Laden von Mevlüt Uzun im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel.

Zwischen 40 000 und 50 000 türkischstämmige Händler haben sich bereits in Deutschland selbständig gemacht, schätzt der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). Allein im Lebensmittelbereich, wo die meisten ihre Marktlücke gefunden haben, erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von 7,5 Milliarden Mark - rund drei Prozent des deutschen Lebensmittelumsatzes. Mit dem Bundesverband des Türkischen Groß- und Einzelhandels haben sie jetzt ihre eigene Interessenvertretung unter dem Dach des HDE gegründet. Den Anfang machten die Großen der Branche, etwa Supermarktketten mit 50 Millionen Mark Umsatz im Jahr. Doch Initiator Bülent Bora möchte bald das ganze Spektrum türkischer Händler, bis hin zum Kioskbesitzer, im Verband vereinen. "Wir haben bereits massenhaft Anfragen", sagt der 23jährige, der in Köln und Solingen einen Lebensmittelgroßhandel betreibt. Auch der Hamburger Türke Mevlüt Uzun hat sich lange schon so einen Verband gewünscht - unter anderem als Lobby bei politischen Fragen wie der doppelten Staatsbürgerschaft.

Zuerst einmal wollen die Gründer aber Hilfestellung bei praktischen Fragen geben. "Viele Türken kennen sich nicht aus mit den deutschen Bestimmungen", erklärt Delay Altay, Geschäftsführerin des neugegründeten Verbandes. Das fängt an mit den Möglichkeiten, Fördermittel für die Existenzgründung zu beantragen, und endet mit den Richtlinien des Gesundheitsamtes, die etwa bei einer Fleischtheke zu beachten sind. Oder auch bei den neuen Regeln zu den 630-Mark-Jobs, von denen viele Händler betroffen sind. Altay: "Da holen sich die meisten lieber Rat bei einem türkischen als bei einem deutschen Verband - die Hemmschwelle ist einfach geringer."

Türkische Kunden achten auf den Preis, deutsche auf die Qualität Insgesamt stieg die Zahl der türkischen Unternehmer in Deutschland zwischen 1970 und 1997 von ehemals 3000 auf 64 000, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) festgestellt. Mit gut neun Prozent ist die Selbständigenquote der Türken bereits genauso hoch wie die der Deutschen. "Sie sind die dynamischste Gruppe bei den Gründungen", erklärt IW-Wissenschaftlerin Helga Herrmann, "ihnen werden für die nächsten Jahre die größten Steigerungsraten prophezeit." Die Unternehmensberatung KPMG prognostiziert in einer Studie, daß hierzulande die Zahl der türkischen Selbständigen bis zum Jahr 2010 auf 100 000 steigen wird.

Anfangs erschien es als der einfachste Weg in die Selbständigkeit, Landsleute mit Lebensmitteln zu versorgen, anstatt etwa umständlich Textilien zu importieren, meint Delay Altay. Inzwischen haben sich die türkischen Händler einen Ruf über die ursprüngliche Zielgruppe hinaus erworben. So wie die deutsche Kundschaft längst Pasta und Parmaschinken beim Italiener holt, so kauft sie beim Türken gern Obst und Gemüse. "Zu mir kommen zu 99 Prozent Deutsche - zum Glück", sagt der Hamburger Händler Mevlüt Uzun, "Türken haben ein anderes Kaufverhalten. Sie leben in Großfamilien und kaufen Orangen kistenweise. Der Preis ist für sie wichtiger als die Qualität." Seine deutsche Klientel hingegen besteht vor allem aus Singles und kinderlosen Paaren: "Da soll die Ware gut sein und darf auch einiges kosten."

Sich auf diese Kundschaft einzustellen war für den 28jährigen kein Problem. Schließlich ist er in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen: "Ich lebe in zwei Kulturen gleichzeitig." Wie viele türkische Gemüsehändler hat er das Angebot inzwischen ausgeweitet. Korsischer und griechischer Schafskäse lagern in seinem Kühltresen neben dänischem Kuhkäse. Die Kundschaft wählt zwar immer noch aus zehn verschiedenen Sorten Oliven. Doch die Regale sind inzwischen gefüllt mit italienischen Teigwaren aus ökologischem Anbau und schwäbischen Dinkelnudeln von Demeter, mit Yogi-Tee und Eiern von freilaufenden Hühnern. "Bei mir kaufen die Leute, die nicht zu Penny oder Minimal gehen", hat Uzun festgestellt, "die Tante-Emma-Läden gibt es nicht mehr - da ist mein Geschäft die Alternative."

1968 kam Uzuns Vater nach Deutschland und heuerte bei den Hamburger Stahlwerken als Schmelzer an - "das war die Hölle", erinnert sich der Sohn. Der Junior lernte Büromaschinen-Mechaniker und besuchte die Abendschule, um das Abitur nachzumachen. Als die Mauer fiel, sah er die Chance, sein Taschengeld aufzubessern: Der geschäftstüchtige 20jährige kaufte massenhaft billige Geschenkartikel made in Taiwan ein und bot sie auf Märkten in Ostdeutschland an. Nachdem die Ossis das Interesse daran verloren hatten, mietete er den Laden in Hamburg-Eimsbüttel für die taiwanesischen Restbestände. Der falsche Standort für die Billigware, wie sich bald zeigte. "Das war nicht rentabel und hat zuviel Kapital gebunden", mußte der Jungunternehmer erkennen. Und stellte 1992 sein Sortiment um: "Im Gemüsehandel macht man mehr Umsatz mit weniger Eigenkapital. Das Risiko ist geringer. Dafür hat man mehr Arbeit." Seither floriert das Geschäft - doch die Abendschule blieb auf der Strecke.