Hier also endet die Kunst. "Eine Ruine", sagt die Dame an der Kasse und zuckt hilflos mit den Schultern, blickt hinauf in den riesigen Raum ohne Fenster, zeigt auf die Wasserflecken an der Decke, auf rostige Träger. Mehrzweckhalle nennt sich dieses Haus in Weimar, das Adolf Hitler geplant hatte, um hier 12 000 Menschen zu versammeln, und das dann die DDR zu Ende baute, außen mit Betonlamellen kaschierte und als Fabrik nutzte für Lampen und Kinderkleidung. Zuletzt stand das Gebäudetrumm leer - bis es kürzlich einige Kuratoren für ihren Mehrzweck entdeckten und über 500 Bilder aus DDR-Zeiten hineintrugen. Es wurde die größte Ostkunst-Ausstellung seit der Wende. Und ist seit voriger Woche ein Kampfplatz der Künstler.

Ständig quengelte bei Achim Preiß das Telefon. Ich will da raus, brüllte ihm Neo Rauch ins Ohr. Sie bleiben drin, sagte Preiß. Das wäre noch schöner, schließlich ist er der Kurator dieser Jahrhundertschau über Aufstieg und Fall der Moderne, da läßt er sich nicht von irgendeinem aufgebrachten Künstler dreinreden. Dann komme ich halt vorbei, drohte Rauch, und schnappe mir das Bild. Nicht daß etwas dagegen spräche, daß es noch einmal öffentlich gezeigt wird - doch das Wiedersehen hatte er sich anders vorgestellt, nicht in dieser Ruine, wo es eingesperrt ist in einem Kessel aus Plasteplane, zusammengepfercht mit vielen anderen. Ich werde es befreien aus diesem Internierungslager für Kollaborateure, rief er. Die Wächter werden Sie hindern, sagte Preiß, wir holen die Polizei. Das war zuviel für Rauch: Verschanzen Sie sich nicht hinter Ordnungshütern, schrie er Preiß an, das machen wir unter uns aus, vor meinem Bild, Mann gegen Mann.

Doch dort nimmt man's gelassen. "Was regen die sich eigentlich auf?" fragt Thomas Föhl, der stellvertretende Leiter der Kunstsammlungen. "Denen fehlt doch nur der Mut, über die eigene Geschichte nachzudenken." Er ärgert sich, daß jetzt alle nur noch über die DDR-Kunst sprechen - dabei wollte die Ausstellung doch glänzen als Höhepunkt im Programm der europäischen Kulturhauptstadt. In drei großen Kapiteln sollte das Jahrhundert nochmals Revue passieren. Für den ersten, sehr beachtlichen Teil versammelte man im Schloßmuseum die Bilder und Skulpturen der Avantgardisten, die am Anfang des Jahrhunderts in Weimar zu einer nie gesehenen Kunst gefunden hatten. Das jähe Ende dieser Moderne wollten die Ausstellungsmacher aber nicht verschweigen, deshalb liehen sie für den zweiten Teil 200 Bilder, die Adolf Hitler 1937 bis 1944 gesammelt hatte und die jetzt als "erste umfassende Ausstellung von Nazi-Gemälden seit 1945" präsentiert werden. Zu sehen ist sie im selben machtstarrenden Gebäude wie der dritte Teil der Jahrhundertschau, die DDR-Kunst.

Nichts wird erklärt, keine Zusammenhänge, nur Polemik

"Natürlich haben wir mit Kontroversen gerechnet", sagt Achim Preiß. Vor allem die Nazimalerei sollte ein bißchen Wirbel in die Weimar-Idylle bringen. Aber die Adler über Helgoland, der blanke Busen an Seelandschaft sind viel zu belanglos, um Proteste anzustacheln. Statt dessen nun der Streit im Stockwerk drüber.

Nicht nur die Künstler fühlen sich verunglimpft, am liebsten würden auch einige Leihgeber ihre Werke sofort einpacken - so wie Margita Elk vom Kunstfonds Dresden oder Gabriele Werner von der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister, die sich empört über diesen "riesigen Müllsack". Auch die Akademie der Künste in Berlin geißelt in einer Pressemitteilung die "unvergleichliche Arroganz", das "horrible Szenario", einen "Rückfall in demagogische Abwertungs- und Denunziationsmuster des Kalten Krieges". Die Antwort kam prompt: Preiß wirft seinen Gegnern vor, ihre Sprache sei dieselbe, die auch "am Vorabend von Ausschreitungen gegen die moderne Kunst des frühen 20. Jahrhunderts gesprochen wurde".

Da ballern die Wortgeschütze, und in den Augen vieler ostdeutscher Künstler scheint der lange schwelende Bilderstreit zum Bilderkrieg zu eskalieren. Doch stimmt das? Ist die Zeit der zähen Annäherung und Bewertung vorüber? Verbirgt sich in dem Kunstszenario der Plastestühle und Plasteplanen die finale Attacke auf eine ohnehin vom Markt verdrängte Kunst? Die letzte Schlacht des Westens gegen den Osten?