Der Urologe legte seinen Zeigefinger auf den Klotz, schlug mit dem Beil zu, warf die amputierte Gliedmaße fort - und meldete seiner Versicherung einen Unfall, angeblich beim Holzmachen. Dutzende hiesiger Ärzte sägten und hackten sich die Finger ab, um als Invaliden Versicherungsprämien in Millionenhöhe zu ergaunern. Selbstverstümmelung war ihnen lieber als das Arzt-Dasein in Zeiten der Gesundheitsreform - extreme Beispiele für den Niedergang des Arztberufs.

In der Bevölkerung genießt der Herr Doktor zwar immer noch das höchste Ansehen; doch am Mythos vom Halbgott in Weiß ist längst nichts mehr dran. Das erleben vor allem jene, die ein Medizinstudium hinter sich haben. Von den knapp 358 000 Ärzten, die mittlerweile die Republik bevölkern, leben viele von der Hand in den Mund.

Manche Mediziner ertragen Bedingungen, die in anderen Branchen kaum vorstellbar sind. In Krankenhäusern etwa rackern junge Ärzte auf immer neuen befristeten Stellen mitunter hundert Stunden pro Woche, ehe man sie schließlich nach sieben Jahren hinauswirft. Und wer einen festen Job in Klinik oder Praxis ergattert hat, muß manchmal mehr Zeit für den Papierkrieg mit den Kassen aufwenden, als für die Behandlung der Kranken bleibt. Der niedergelassene Arzt muß sich auf immer neue Abrechnungsvorschriften einstellen und kommt am Ende auf einen geringeren Stundenlohn als die meisten Handwerker.

Auf dem 102. Deutschen Ärztetag, der Anfang Juni in Cottbus stattfindet, wird das Wehgeschrei der Ärzteschaft weiter anschwellen. Und unter dem Motto "Die heile Welt der Medizin: bald nur noch im Fernsehen?" will die Kassenärztliche Bundesvereinigung bereits in diesen Tagen in Zeitungsanzeigen und TV-Spots auf die Mißstände hinweisen.

Die Welt der Medizin ist nicht mehr heil. Das Verhältnis der Menschen zu den Ärzten ist längst gebrochen. Im eigenen Hausarzt sieht man zwar niemals den Bösewicht. Daß sich aber Mediziner generell an Herzklappen und anderem bereichern würden, diese kriminelle Energie traut man ihnen zu. Zur Besonderheit des Arztes gehört, daß er für eine altruistische Tat, nämlich seinem leidenden Mitmenschen zu helfen und ihn zu heilen, die Hand aufhält. Folgerichtig verbrämen Ärztefunktionäre ihre Forderung nach mehr Geld mit der Behauptung, die medizinische Versorgung sei in Gefahr, was ihnen aber niemand mehr abnimmt.

Doch nicht nur ihr zäher Kampf um Besitzstände läßt die Ärzte in einem seltsam gewöhnlichen Licht erscheinen. Vor allem der rasche Fortschritt der Technik, den ausgerechnet Mediziner tatkräftig vorantreiben und begrüßen, könnte die Heilkunst in ein eher biederes Handwerk verwandeln. Der Düsseldorfer Mediziner Markus Müschenich kommt in einer Studie über die Zukunft der Medizin sogar zu dem Schluß, der Arzt werde eines Tages seine "Entscheidungssouveränität" verlieren. "Die Erstellung von Diagnosen sowie die Therapieplanung und -überwachung werden dann vollständig von Expertensystemen übernommen", prophezeit Müschenich, "das ärztliche Berufsbild verliert seinen zentralen Inhalt."

Maschinen machen dem Arzt Konkurrenz