Ein Mann läuft über einen Hügel. Er kommt von links ins Bild und verschwindet rechts außen. Das dauert, denn es handelt sich um einen Film in Cinemascope. Danach wirft sich der Mann auf einen Acker. Er läuft zum Dienstwagen und sagt über Sprechfunk: "Ich komme." Es folgt, in Großaufnahme, das Bild einer blutig verletzten Vagina. Das Opfer war elf Jahre alt.

So beginnt L'Humanité von Bruno Dumont, und so geht es zweieinhalb Stunden lang weiter: mit quälend langen Einstellungen und grausamen Schockmomenten, mit Starren, Staunen und gemächlicher Gangart. Pharaon (Emmanuel Schotté), Provinzpolizist im französischen Norden, steht auf der Weide und schreit den vorbeirasenden Eurostar an. Er betrachtet seine Nachbarn, wenn deren Körper beim Sex aufeinanderklatschen. Manchmal umarmt er seine Nächsten und schnüffelt an ihnen. Er leidet an sich und der Menschheit: ein reiner Tor, der die Welt nicht begreift und ihre Schuld auf sich lädt. Ein Erlöser möglicherweise. Dumont zelebriert eine Andacht für ihn. Es liegt ein dumpfes, heiliges Raunen zwischen den Bildern.

Die bittere Moral - eine Luxusattitüde

In Rosetta verzweifelt ein Mädchen (Emilie Dequenne) auf der Suche nach einem Job. Eine gehetzte Kreatur: Die Handkamera sitzt ihr im Nacken, einmal mehr zeigt die Wirklichkeit ihr häßliches Antlitz. Dabei fragt man sich, wer Rosetta mehr in die Enge treibt: das schiere Elend oder das aufdringliche Kameraauge? Während die Branchenblätter in ihren Festivalausgaben die aktuellen Star War s-Zahlen veröffentlichten (sieben Millionen Dollar in den ersten zwei Vorstellungen), legt der Autorenfilm Wert auf die radikale Abkehr von jeglichem Entertainment. Die Devise lautet Verweigerung: Verweigerung der filmischen Mittel, Verzicht auf Musik, Bewegung, Schauspiel, Dialoge und Dramaturgie. Nicht zufällig häufen sich bei den Puristen die Episoden und Ellipsen. Vor lauter Konzentration auf das bedeutungsschwere Detail gerät das Ganze aus dem Blick. Ebenso fügt sich die lose Häufung von Puzzle-Teilen auf der Leinwand höchstens zum Bilderreigen, selten zum Bild.

Das Kino als fröhliche Wissenschaft, als Schauplatz des Imaginären und als Verheißung des Wunderbaren ist tot. Jede Sequenz ein Manifest. Die Not ist groß, das Licht fällt trüb, und die Kamera kennt kein Erbarmen. Lachen verboten: Wer sich amüsiert, der sündigt. Dabei steckt in den Mysterienspielen nach Art von L'Humanité mehr Verachtung gegenüber dem Zuschauer als in der Profitgier der in Cannes so verhaßten Hollywoodfilme. Die Regisseure gängeln den Zuschauer mit ihrem religiösen Kunstwillen, indem sie ihm die eine, allein seligmachende Wahrnehmung aufzwingen wollen. Sie behaupten eine neue Unschuld und betreiben doch Freiheitsberaubung. Wer sich abseits des Wettbewerbs in Adieu, Plancher des Vaches von Otar Iosseliani verirrte, konnte den Unterschied erleben. Hier der schweifende Blick, ein vagabundierendes Erzählen, das die zahlreichen Handlungsfäden seiner Comédie humaine nie aus den Augen verliert. Dort, bei Dumont und Konsorten, die Dressur des Auges, das zur Erkenntnis abgerichtet werden soll.

Bruno Dumont teilt mit, er habe in L'Humanité alles Schöne vermeiden wollen, denn die Schönheit sei nicht der Ausdruck der Wahrheit. Das klingt gut, ist aber Blödsinn. Daß die Erde ein Jammertal sei, der Mensch ein trauriges Tier, die Liebe eine einzige Qual und der Künstler ein verkanntes Genie, behaupten nämlich nur jene, die sich das Jammern leisten können. Die bittere Moral - eine Luxusattitüde.

Leos Carax hat einen Film darüber gedreht. In Pola X verliebt sich ein junger, reicher, französischer Schrifsteller (Guillaume Depardieu) in seine aus dem Balkan geflüchtete Schwester. Der Bruder entsagt dem Luxus, möchte das Leid seiner armen Verwandtschaft teilen und stürzt alle ins Unglück. Auch Carax scheitert an seinen mythischen Figuren und ihrer Verstrickung in die Kriege der Gegenwart. Aber er scheitert offenen Auges. Niemand in Cannes mochte die düstere Schwermut von Pola X . Dabei leistet wenigstens Carax einen erschütternden Offenbarungseid. Sein Film ist das Dokument einer ehrlichen Verzweiflung.