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Es ist die Zeit der Rosen. Sie blühen in allen Farben und in verschwenderischer Fülle - in Shiraz, in Yazd, in Isfahan. In jedem Garten und in jedem Park und überall auf den üppig begrünten Verkehrsinseln in den Städten. Sie wachsen in Büschen, erklimmen Laubenbögen und klettern, haltsuchend, sogar an den glatten Stämmen der Platanen hinauf. Ihre Allgegenwart hat bereits den französischen Schriftsteller Pierre Loti fasziniert, der den Iran im Jahr 1900 bereiste. "Man ist wie berauscht von den Rosen", schwärmte er.

Pierre Loti war, wie wir mit unserer Reisegruppe, in den letzten April- und ersten Maitagen unterwegs. Doch während wir uns mit dem Bus auf guten Straßen zügig von Shiraz aus nach Norden bewegen, kam der Franzose nur mühsam voran. Mit kleiner Entourage ritt er aus den feuchtheißen Niederungen am Persischen Golf hinauf in die Berge. Dabei mußte er Wüstengebiete und das "furcht-einflößende" Zagrosgebirge überwinden. Das Ziel seiner Sehnsucht waren die Oasenstädte des Hochlandes. Nach Isfahan nannte er später seinen Reisebericht. Nach Isfahan, der Stadt, die seit je europäische Reisende angelockt hatte.

Heute ist das Geläut der Kamel- und Eselskarawanen, auf die Loti unterwegs immer wieder traf, schon lange nicht mehr zu hören. Aber wie damals kann man im Frühjahr Zeuge werden, wenn die Nomadenstämme mit ihren Schaf- und Ziegenherden in endlosem Zug zu den Sommerweiden ins Hochland ziehen. Und auch die Farbenpracht der Moscheen, Mausoleen und Minarette hat seit jenen fernen Tagen nichts von ihrem Zauber eingebüßt.

Nach der Revolution vor 20 Jahren wurde die Islamische Republik Iran zu einem strengen Gottesstaat, in dem, trotz liberaler Tendenzen seit Amtsantritt von Präsident Khatami, ein machtbewußter Klerus demokratische Freiheiten zu verhindern sucht und in dem Menschenrechte mißachtet werden.

Die Grabanlagen der Poeten sind Wallfahrtsstätten für Liebende

In dieses Land zu reisen, löst zwiespältige Gefühle aus. Zumal bei Frauen, denen eine knöchellange, körperverhüllende Kleidung zur Auflage gemacht wird und die das verordnete Kopftuch auch im Restaurant nicht ablegen dürfen. Die Vorbehalte verflüchtigen sich jedoch im gleichen Maße, wie wir Reisende Kontakt zu den Bewohnern bekommen, vor allem zu den jüngeren, die sich in englischer Sprache verständigen können. In Shiraz kommt es selbst im Mausoleum des Schahs Cheragh, einem der höchsten Heiligtümer der schiitischen Muslime, zu einer unbefangenen Begegnung: An diesem Ort müssen die Frauen der Studienreisegruppe das erste und einzige Mal Leihschadors überwerfen, die von der iranischen Agentur bereitgehalten werden. Während sie noch mühsam versuchen, mit dem weiten schwarzen Tuch zurechtzukommen, und wie geblendet im Frauenteil des spiegelverkleideten Innenraums stehen, schart sich sogleich ein Pulk lebhafter Schulmädchen um die Fremden.

Die jungen Gesichter, von einer nonnenhaft strengen Kopfverhüllung eingerahmt, strahlen: Woher kommen Sie? Wie heißen Sie? Wie finden Sie unser Land? Was halten Sie von unserer Religion? Gespannte Aufmerksamkeit, Kichern, wenn's mit dem Englischen mal nicht gleich klappt. Diese und ähnliche Fragen werden uns im Verlauf der Reise noch häufig gestellt, oft begleitet von der Bitte, Namen und Herkunftsland in ein Schulheft zu schreiben, so, als gelte es, den Beweis für die Anwesenheit außerirdischer Wesen zu erbringen.

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Auch Monsieur Loti bewunderte "die großen Paläste des Schweigens" und die Flachreliefs, die entlang der Treppen hinauf zur Empfangshalle der königlichen Residenz führen. In einem langen zeremoniellen Zug sieht man da die Gesandtschaften der eroberten Länder, wie sie dem König zum Nourouz-Fest ihre Aufwartung machen und Geschenke bringen.

In Shiraz suchte auch Pierre Loti wie die Reisenden vor und nach ihm die von blühenden Gartenanlagen umgebenen Grabmale der beiden großen persischen Dichter Sadi und Hafis auf. "Die Nachtigallen wohnen hier zu Tausenden", hält der Schriftsteller mit einer Neigung zum Romantischen in seinem Reisebuch Nach Isfahan fest. Die Vögel soll man nachts noch immer hören; während unseres Besuchs am späten Nachmittag aber schweigen sie. Doch wie von Loti beschrieben, liegt auch heute der betäubende Duft der Orangenblüten über den Beeten mit Petunien, Löwenmäulchen und Schwertlilien. Leise flüsternd scheint ein Springbrunnen Zwiesprache mit ihnen zu halten.

Die Grabanlagen zu besuchen ist für Perser von jeher eine Herzensangelegenheit. Sind die Anlagen doch Wallfahrtsstätten für Jungvermählte und für alle, die glücklich oder unglücklich lieben. Am Marmorsarkophag des Poeten Hafis, dessen Verse Goethe zu seinem West-östlichen Diwan inspirierten, kniet entrückt und mit geschlossenen Augen ein junger Mann, ihm gegenüber hat ein Mädchen die Stirn an den Marmor gelegt. Beiden scheint jedes Zeitgefühl abhanden gekommen zu sein. Als wir nach reichlich bemessener Zeit das angrenzende Teehaus verlassen, sehen wir sie noch immer in stiller Versenkung.

Hafis besang die Rosen, die Liebe und den Wein, und es paßte ihm überhaupt nicht, daß sich unter den Herrschern, die zu seinen Lebzeiten regierten, auch ein finsterer Frömmler befand, der jeden Weingenuß verbot. Heute, in der Islamischen Republik Iran, sind alkoholische Getränke natürlich verboten, und für Touristen gibt es keine Ausnahmeregelung. Von den Bewohnern der Rosen- und Nachtigallenstadt Shiraz heißt es allerdings, sie würden die Trauben, die in den sonnigen Hochtälern hervorragend gedeihen, nicht nur zu Rosinen und Saft verarbeiten.

Im Monat Muharram begehen die Iraner das zehn Tage dauernde Aschura-Fest, einen der höchsten schiitischen Feiertage im Jahr. Überall in den Städten und Dörfern finden dann Prozessionen mit Buß- und Trauerritualen statt.

In dem kleinen Ort Sivant in der Nähe von Shiraz werden wir Zeugen eines solchen Umzugs. Zum dunklen Klang einer Trommel und rhythmischer Gesänge, die von einem Lautsprecherwagen übertragen werden, bewegt sich eine Prozession von Männern und Knaben durch die Straßen. Dabei schlagen sie sich wieder und wieder mit dem Zandschir, einem mit Holzgriff versehenen Kettenbündel, auf den Rücken. Unablässig rufen sie den Namen des Märtyrers Hussein, eines Enkels des Propheten Mohammed. Er wurde im Jahr 680 im Auftrag des gegnerischen Kalifen erschlagen. Noch immer fühlen sich die heutigen Iraner als Schiiten dafür schuldig, daß ihre Vorfahren im Glauben den Mord nicht verhindert haben.

Früher waren die Ketten des Zandschir mit Stacheln besetzt, und noch zu Beginn der Iranischen Republik soll es blutige Geißelungen gegeben haben. Sie sind inzwischen verboten. Pierre Loti, Zeuge dieses Flagellantentums, sah fassungslos, wie sich die Männer in einer Art Trance die linke Brustseite blutig schlugen.

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Die Idee des Märtyrertums ist tief im schiitischen Islam verwurzelt, und der Glaube, daß ins Paradies ein-geht, wer als Märtyrer stirbt, lebt ungebrochen fort. Im Krieg gegen den Irak trugen die Freiwilligen der Selbstmord-Bataillone einen kleinen Schlüssel um den Hals, als Zeichen dafür, daß ihnen das Paradies offenstünde.

Eine Vorstellung von den blühenden Gefilden des Jenseits vermittelt der Koran seinen Gläubigen in mehr als 100 Textstellen. Darin wird das Paradies zum Abbild blühender, von Bächen durchflossener Oasen - in einem Land, das zum großen Teil aus Wüste und Steppe besteht, die beglückende Vision eines gesegneten Lebens.

Auch in den Basaren machen sich kleine Freiheiten bemerkbar

Das prächtige Isfahan sei die Hälfte der Welt, rühmten die Besucher früherer Zeiten. Und noch heute erfüllen sich die Vorstellungen vom märchenhaften Orient nirgends so überzeugend wie in dieser Stadt, von der Loti sagte, über ihr liege "wirklich ein Zauber, etwas Verborgenes, das wir nicht in Worte kleiden können". Baumbestandene Grünanlagen flankieren kilometerlang die Ufer des breiten Zaindeh Rud-Flusses, der selbst in den heißen Sommermonaten noch Wasser führt. Hier treffen am Freitag, dem muslimischen Sonntag, vielköpfige Familien in geselliger Runde zum Picknick zusammen.

Überall sitzen Ausflügler auf den Stufen, die unter der alten Arkadenbrücke bis ans Wasser führen. Auf dem Fluß fahren Tretboote, und nahe der 33-Bogen-Brücke toben sich Jungen und auch die Mädchen auf einem Rollschuhplatz aus. Rundum sitzen bewundernd Mütter und Väter und knabbern Sonnenblumenkerne.

Seinen ganzen Zauber jedoch entfaltet das blaue Wunder Isfahan am Meidan-e Imam-Platz, einem mit Springbrunnen bestückten Park von monumentaler Größe, der, so tief beeindruckt Pierre Loti, "in keiner europäischen Stadt seinesgleichen findet". Hier präsentiert sich ein grandioses Architektur-Ensemble als Schöpfungsakt aus einer Hand.

Es war der Safawidenherrscher Schah Abbas I., der im 16. Jahrhundert in der Oase Isfahan seine neue Hauptstadt errichten ließ. In der offenen, säulengetragenen Vorhalle seines Palastes soll er gestanden und beobachtet haben, wie rundum Moscheen, Minarette, Mausoleen, Medressen und Karawansereien Gestalt annahmen.

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Diese Wunderwerke aus Persiens Blütezeit schmücken sich mit einem augenbetörenden Formen- und Farbenreichtum, der in der islamischen Welt seinesgleichen sucht. Überwältigt blickte auch Pierre Loti zu den Eingangsiwanen der beiden Moscheen hinauf und bewunderte die Kaskaden blau-türkiser Stalaktiten, die dort wie versteinerte Wasserfälle über den Köpfen der Besucher schweben. Doch zugleich gewahrte er auch Zeichen des Verfalls an den Bauwerken und war sicher, sie würden "das Ende des Jahrhunderts nicht erleben".

Glücklicherweise täuschte sich der pessimistische Franzose. Die alte Kunst der Farbkeramik ist nicht verloren gegangen. In beharrlicher Sisyphusarbeit werden derzeit die glasierten Fayencen an der eingerüsteten Kuppel der Imam-Moschee erneuert. Und auch die Ba-sare, die das weite Areal lückenlos säumen, sind in tadellosem Zustand, gemessen an den Schilderungen aus dem Jahr 1900.

Ein erhebender Anblick jedoch, der stets aufs neue das Herz des Monsieur Loti bewegte, gehört unwiederbringlich der Vergangenheit an. Täglich beobachtete er, wie in den Morgen- und Abendstunden die Karawanen mit den hochbeladenen, perlengeschmückten Kamelen über den Meidan-e Imam-Platz zogen. Und er sah die schwarz verhüllten Frauen von Stand, die auf ihren weißen Eselinnen spazierenritten. Dabei hielten sie als Reitgerten mit Samt überzogene, kostbar bestickte Stöckchen in den Händen.

Der Anblick der Schattendamen, wie Loti die dunkel verhüllten Perserinnen nannte, wirkte auf den Franzosen stets äußerst bedrückend in diesem mit tausend Farben und Düften gesegneten Land. In der Wahl ihrer Kleider waren die Frauen hier selten frei. Unter Reza Schah, dem Vater des letzten Kaisers, der eine rabiate Modernisierung durchsetzte, mußten die Frauen gegen ihren Willen den Schleier ablegen. Khomeini zwang den Iranerinnen, die sich inzwischen an europäische Kleidung gewöhnt hatten, den Schador wieder auf.

Obschon der rabenschwarze Umhang noch immer das Straßenbild bestimmt, sieht man in Teheran und den Städten des Südens viele Frauen, die unbehelligt statt des Schadors lange Mäntel und dazu ein Kopftuch tragen. Die Zeiten, als die Pasdaran, die verbohrten Sittenwächter der Revolution, in Touristenbussen den exakten Sitz der Kopftücher überprüften, sind vorbei.

Auch in den Basaren machen sich kleine Freiheiten bemerkbar. In den hohen, Kühle spendenden Gewölben werden zwar noch immer überwiegend die traditionellen iranischen Spezialitäten wie Rosenwasser, Safran, getrocknete Feigen, Mandeln und Pistazien angeboten. Unerschrocken aber stellt ein Händler auch künstliche Frauenbeine mit hauchdünnen, gemusterten Damenstrümpfen aus. Und wie der symbolische Zusammenprall zweier gegensätzlicher Kulturen wirkt das Angebot eines Basaris: Hinter der Glasscheibe hängt das Tüllwunder eines bodenlangen weißen Hochzeitskleids. Darunter, auf dem Boden, türmt sich ein Berg von Kettengeißeln - große für Männer, kleine für Knaben.

Wer von Shiraz über Kerman und Yazd nach Norden fährt, bewegt sich auf der Route der alten Seidenstraße, die früher entlang der großen Wüsten Dasht-e Kavir und Dasht-e Lut verlief. Die Oasen Persiens waren über viele Jahrhunderte wichtige Stationen auf diesem Handelsweg, der den Fernen Osten mit Europa verband. Schah Abbas ließ die Wege im 16. Jahrhundert ausbauen und neue Unterkünfte errichten. Heute säumen die Ruinen der ehemaligen Karawansereien die Autostraße. Noch im Verfall bewahren die wohlproportionierten Kuppelbauten ihren architektonischen Reiz, bis sie, müde vom Alter, sich irgendwann fast konturenlos ihrer lehmfarbenen Umgebung anverwandelt haben werden.

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Anders als in islamischen Ländern, die im Zuge einer geschwinden Modernisierung viele westliche Gepflogenheiten übernommen haben, fühlt sich der Reisende im Iran noch immer in ein fremdes Land versetzt. Er bewegt sich in einem Kulturkreis, wo die Religion alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens prägt und durchdringt. Das wird auch in Hotels mit internationalem Publikum deutlich: Im Zimmer liegt nicht nur der Koran, sondern auch ein Gebetsteppich bereit. Und ein Pfeil an der Decke weist die Richtung nach Mekka.

Im Iran ist vieles anders, als der Augenschein und das erste Urteil nahelegen. Die Verse der Dichter, in denen die Schönheit der Natur und die Wonnen der Liebe gepriesen werden, können auch als Sehnsucht des Menschen nach der Vereinigung mit Gott verstanden werden. Und selbst die Allgegenwart der lieblichen Rosen auf Kacheln, Wandbildern und Teppichen bedeutet mehr als nur schöne Dekoration: Die Blume soll aus einem Schweißtropfen Mohammeds entstanden sein.

Pierre Loti, ein Zivilisationsmüder, wußte um die Träume und Sehnsüchte seiner Leser. Treffsicher beginnt sein Buch mit dem Satz "Wer mit mir kommen und die Zeit der Rosenblüte in Isfahan sehen will ..." Ja, seine Leser wollten mit ihm kommen, immer und immer wieder. Seit der Revolution im Jahre 1979 gehört Lotis Buch zu den meistverkauften französischen Texten im Iran.

Informationen:

Veranstalter: Die hier beschriebene elftägige Reise wurde mit Studiosus Reisen, München, (Tel. 089/50 06 00) durchgeführt (ab 3490 Mark). Außerdem gibt es noch 15- (ab 4290 Mark) und 22tägige (von 5490 Mark an) Persienrouten. Auch Dr. Tigges Reisen, Marco Polo Reisen und Ikarus Tours bieten Exkursionen in den Iran an.

Literatur: Pierre Loti: Nach Isfahan, Manholt Verlag, Bremen; Muslih Ad-Din Sa'di: Der Rosengarten und Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien, beide Verlag C. H. Beck, München. In der Neuen Orientalischen Bibliothek dieses Verlages sind auch Bücher zeitgenössischer iranischer Schriftsteller erschienen. Hafis: Gedichte aus dem Diwan, Reclam Verlag, Ditzingen; Gerhard Schweizer: Iran. Drehscheibe zwischen Ost und West, Verlag Klett Cotta, Stuttgart; Mahmoud Rashad: Iran, Kunstreiseführer, Verlag DuMont, Köln 1998; Yvonne Schmitt: Iran, Edition Aragon, Moers 1997; Kirsten Winkler: Reihe Kulturschock, Iran, Reise Know-How Verlag Peter Rump, Bielefeld 1995; Lonely Planet: Iran, 1998; Du Nr. 3, März 1996, "Drei Wege nach Isfahan", Tagesanzeiger Zürich (Tel. 0041-1/404 60 30, Fax 404 60 40); World Länderkarte Iran, 1 : 2 Mio. RV-Verlag, Stuttgart.

Auskunft: Nationales Verkehrsbüro, c/o Iranische Botschaft, Godesberger Allee 133-137, 53175 Bonn, Tel. 0228/816 11 85, Fax 816 11 86.

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