Bis kurz nach Hannover saßen sie im ICE nebeneinander; München-Hamburg, Gabriele Korb am Fenster, ihr Mann Harald am Gang, sie war eingenickt über einem Buch, er wollte sie nicht stören, hatte sowieso dieses Gefühl, sich breitmachen zu wollen, über zwei Sitze hinweg, um vielleicht auch ein bißchen zu dösen, jedenfalls wollte er seinen Gedanken nachhängen. Er stand also auf, suchte nach freiem Platz, fand ihn zwei Reihen hinter ihr, schräg versetzt. Halb elf Uhr etwa war es, morgens, am 3. Juni 1998.

Er trinkt jetzt auf dem Sofa vom Kaffee, den er vorher zubereitet hat. Auf dem Beistelltisch in seinem Wohnzimmer stehen zwei Bilder hinter Glas - seine Frau, eine schmale, ernste Person, einmal mit schwarzem, auf dem andern mit grauem Haar. Er hat sie so hingestellt, daß er nur die Rückseite der Fotografien sehen muß. Auch das große Porträt, über dessen Ecke Trauerflor hängt, lehnt etwas versteckt auf dem Teppichboden gegen die Wand. Sie soll anwesend sein im Raum, das schon, nur will er nicht ihrem Blick begegnen, auch nicht nach einem Jahr, weil noch nicht Zeit sei dafür, mir tut das weh.

Manchmal fragt er sich schon, warum er sich weggesetzt hat von ihr, gerade in jenem Moment; und er fragt sich auch: Warum mußte sie sterben? Warum darf er leben? Doch eigentlich sucht er nicht nach Antworten, weil es müßig ist, so zu denken. Er glaubt, alles hat seinen Sinn. Er denkt, Gabriele wäre vermutlich an seinem Tod zerbrochen, so wie sie gewesen ist. Und er sagt: Gott hat mit mir noch etwas vor.

26 Jahre waren sie verheiratet, kinderlos; und es kommen ihm Erinnerungen. Spaziergänge, am Meer mit ihr, und plötzlich ein anderes Bild: ihre Nase; er erzählt, wie er mit seiner Hand Erde von dieser Nase gewischt hatte, an jenem Tag; erzählt von ihrem Blick, dem letzten, oder davon, wie sie auf einer Bank gesessen hatte bei der S-Bahn-Station, auf ihn wartend, weil er noch das Haus abschließen mußte und nun die Koffer hinterhertrug.

An jenem Morgen.

Es war der Tag, an dem in Eschede, um 10.59 Uhr, der ICE 884 entgleisen sollte. Der Tag, an dem 101 Menschen sterben mußten. Gabriele und Harald Korb, beide 53, beide Lehrer, steigen an diesem Mittwoch, dem 3. Juni 1998, um 5.50 Uhr, in München in die Schicksalsbahn. Sie wollten nach Sylt in den Urlaub fahren. Eigentlich hatten sie vor, den späteren Zug zu nehmen. Doch war der schon ausgebucht.

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum von vielen Blättern eines.