Viel mehr Deutsche, als man sich träumen läßt, glauben an die These vom Präventivkrieg Hitlers gegen die Sowjetunion. Nicht nur rechtsextreme Parteien haben die Lügen der Goebbelsschen Propaganda übernommen, auch nationalkonservative Professoren, Journalisten, Schriftsteller und sogar ein ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr. Ein führender CSU-Abgeordneter hat anstelle des deutschen Vernichtungskrieges "Stalins Vernichtungskrieg" in eine Debatte des Bundestages eingeführt. Seit einigen Jahren arbeiten diese "Präventivkrieger" mit einigen russischen Historikern zusammen, für die nicht Hitler, sondern Stalin der Kriegsverbrecher ist.

Endlich haben sich deutsche und russische Fachleute - angeregt von dem Freiburger Militärhistoriker Gerd Ueberschär und dem russischen Historiker und Journalisten Lev Besymenskij - darangemacht, deutsche und sowjetische Dokumente aus den Jahren 1940/41 zu vergleichen. Was die deutsche Seite angeht, so wird lediglich bestätigt, was die seriöse Geschichtsforschung seit mehr als 15 Jahren belegen konnte: Der Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wurde seit dem Sommer 1940 gemeinsam von der Generalität und von Hitler vorbereitet. Selbstverständlich reagierte die Rote Armee mit einem Gegenaufmarsch, der jedoch bis zuletzt vom deutschen Generalstab als defensiv eingeschätzt wurde. Im Operationsentwurf des Generalmajors Erich Marcks, in diesem Buch erstmals mit allen Anlagen veröffentlicht, heißt es bedauernd: "Die Russen werden uns nicht den Liebesdienst eines Angriffs erweisen."

Es ist das Verdienst Besymenskijs, anhand eines Kurzprotokolls aus dem Zentralen Parteiarchiv des sowjetischen Zentralkomitees das Geheimnis um Stalins Rede vom 5. Mai 1941 gelüftet zu haben. Vor den Absolventen der Militärakademie sollte, so wurde im und nach dem Kriege kolportiert, Stalin behauptet haben, der Krieg mit Deutschland werde "unvermeidlich" 1942 beginnen, nach anderen Quellen schon im August 1941; gefangene Offiziere sagten aus, Stalin habe damals den Beginn "der gewaltsamen Ausbreitung der Sozialistischen Front" angekündigt.

Immerhin war die Rede so wichtig, daß darüber eine karge Mitteilung an die Presse gegeben wurde. Interessant war einzig der Hinweis, die Rote Armee sei aufgrund moderner Kriegsführung umstrukturiert und neu bewaffnet worden. Tatsächlich hatte die Ansprache den Charakter einer Regierungserklärung, denn am Vorabend hatte sich der Diktator vom Politbüro zum Regierungschef designieren lassen. Selbst die Kurzfassung läßt noch den typisch stalinschen Redestil erkennen: nüchtern, verständlich, streng logisch aufgebaut und mit pädagogischem Duktus.

Niemand wußte besser als Stalin, wie verheerend sich die blutige Säuberung des Offizierskorps 1937 ausgewirkt hatte und wie weit die Rote Armee noch von der "vollen Kampfbereitschaft" entfernt war. Also mußte er, angesichts der unleugbaren Bedrohung aus dem Westen, den jungen Offizieren Mut machen. Er lobt - mit Recht - die Dicke und die Feuerkraft der neuen Panzer (gemeint sind die T 34, gegen welche die Deutschen zunächst machtlos waren) und spricht stolz von den modernen Granatwerfern (gemeint sind die "Stalinorgeln", ebenfalls eine böse Überraschung für die Wehrmacht).

Stalin verneinte die Frage, ob die deutsche Wehrmacht unbesiegbar sei (wie es Hitler eben erst nach dem Balkanfeldzug erklärt hatte). Vielmehr werde sie unter der neuen Losung des räuberischen Eroberungskrieges keinen Erfolg haben; auch sei Amerika dabei, die deutsche Luftwaffe zu überholen. Von der Unvermeidlichkeit des Krieges mit Deutschland steht in dem Protokoll kein Wort. Doch endet ein Trinkspruch Stalins mit den Worten: "Die Rote Armee ist eine moderne Armee, eine moderne Armee aber ist eine offensive Armee." Das war eine billige Floskel, denn die sowjetische Militärdoktrin sah seit langem vor, aus der Verteidigung sofort zum Angriff überzugehen.

Daß Stalin im Sommer 1941 alles andere vorhatte, als die Fackel der Weltrevolution nach Mitteleuropa zu tragen, hat viel später Marschall Timoschenko berichtet. Wenige Tage vor dem deutschen Angriff kanzelte Stalin den damaligen Verteidigungsminister ab. Von der Unvermeidbarkeit des Krieges habe er nur gesprochen, um die Wachsamkeit des Volkes zu erhöhen. Deutschland aber werde niemals allein mit Rußland Krieg führen!