Manchmal muß sich der Verteidigungsminister des großen Nato-Staates Deutschland recht klein vorkommen. Etwa, wenn Satellitenfotos erklären könnten, was mit Tausenden von Flüchtlingen im Grenzraum zwischen Mazedonien und dem Kosovo geschah, die über Nacht verschwunden sind. Rudolf Scharping bleibt dann nichts übrig, als die Amerikaner zu bedrängen, ihre Informationen doch mit den anderen Mitgliedern im Bündnis zu teilen. Nicht immer hat er Erfolg. "Die USA zeigen uns die Satellitenbilder nur, wenn es ihren Interessen dient", sagt ein hoher Regierungsbeamter. "Wenn nicht, war eben schlechtes Wetter, und dann gibt es keine Fotos."

Die USA haben nach dem Fall der Mauer ihren Status als einzige Weltmacht zementiert, indem sie in militärischen Schlüsseltechnologien wie der Satellitenaufklärung und den Kommunikationssystemen Quasimonopole schufen. In Europa verfügen nur die Franzosen über eigene, aber weniger leistungsfähige Satelliten. Schon vor dem Balkankrieg hatte Klaus Naumann, damals noch Vorsitzender des Nato-Militärausschusses, vor der "gähnenden technologischen Kluft" zwischen europäischen und amerikanischen Rüstungsfirmen gewarnt. Militärexperten sehen die Nato in eine Zweiklassengesellschaft zerfallen - amerikanische High-Tech-Ingenieure in fernen Kommandozentralen und klassische Soldaten aus Europa an der Front. Unter europäischen Militärs macht der gallige Witz die Runde, US-Generäle in der Allianz könnten möglichen Gegnern künftig damit drohen, die Nato "werde bis zum letzten Europäer kämpfen".

Dabei wollte Europa doch die Kleinstaaterei in der Außen- und Sicherheitspolitik endlich überwinden, ja künftig sogar die Weltpolitik mitgestalten. "Die Europäische Union muß ihre Rolle auf der internationalen Bühne voll spielen", forderten unisono Jacques Chirac und Tony Blair. Das strategische Konzept der Nato, vor Monatsfrist auf ihrem Washingtoner Jubiläumsgipfel beschlossen, sieht rein europäische Einsätze ausdrücklich vor. Der Vertrag von Amsterdam, seit Mai eine Art Grundgesetz der EU, schafft mit der Position des Hohen Vertreters der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik die Vorstufe für ein Außenministerium der Union. Selbst regelmäßige Treffen der Verteidigungsminister - bislang ein Tabu - könnten kommende Woche auf dem Kölner EU-Gipfel beschlossen werden, zusammen mit dem Vorsatz, die Kooperation zwischen Europas Waffenfirmen zu verstärken. Für Romano Prodi, den künftigen Kommissionspräsidenten, ist sogar eine gemeinsame europäische Armee, wenn auch erst in Jahren, "der nächste logische Schritt".

Einstweilen klammern sich die einzelnen Regierungen in der Verteidigungspolitik verzweifelt an die Reste nationaler Souveränität. Für Europas Rüstungsfirmen gelten die harten Wettbewerbsregeln des Binnenmarktes ausdrücklich nicht. Der Wirtschaftsriese EU, der die USA an Einwohnerzahl und Sozialprodukt übertrifft, begnügt sich bei der Außen- und Sicherheitspolitik mit einer Zwergenrolle. "Das Kosovo zeigt, daß die Europäer weder die Streitkräfte noch die Militärtechnologie haben, um die Probleme in ihrer Interessensphäre zu lösen", sagt ein deutscher Rüstungsexperte. Ohne Amerika könnten sie "allenfalls "bei einem Staatsstreich in Andorra oder einem Bürgerkrieg in Monaco eingreifen".

Allein würde Europa allenfalls mit einem Staatsstreich in Andorra fertig

In Amerika legten Politiker und Militärs nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Militärdoktrin der Zukunft fest, die Joint Vision 2010. Sie beschreibt den Konflikt von morgen als Krieg in einer Koalition, ad hoc gebildet aus verschiedenen Staaten wie im Golf oder in der Nato wie derzeit im Kosovo. Entscheidend ist aus Sicht der US-Militärs, daß sich Amerika mit Aufklärungssatelliten und computergesteuerten Kommunikationsnetzen jederzeit die Informationsüberlegenheit sichert - nicht nur gegenüber dem Feind, sondern auch gegenüber den Koalitionären. Die Verbündeten sollen sich zwar immer in das US-Netz einklinken können. Doch allein Washington speist die Informationen ein. So funktionierten die Koalitionen im Golfkrieg und in Bosnien, ähnlich läuft es bei der Nato heute im Kosovo.

Parallel zur strategischen Neuausrichtung trieb die Regierung die Rationalisierung der heimischen Rüstungsindustrie voran. 1993 bat Verteidigungsminister Les Aspin die Bosse der 20 wichtigsten Militärschmieden zu einem Dinner, das als "letztes Abendmahl" Geschichte machte. Beim Essen erklärte der Pentagonchef, die Regierung erwarte trotz sinkender Rüstungsausgaben bessere Waffen. Die Firmen müßten fusionieren, um effizienter und in größeren Stückzahlen produzieren zu können. Nach einer beispiellosen Fusionswelle, die zwei Millionen Amerikaner ihre Jobs kostete, beherrschen heute die drei Unternehmen Boeing, Lockheed Martin und Raytheon das Waffengeschäft. Bill Clinton tritt seither im Ausland als Handlungsreisender der amerikanischen Rüstungsindustrie auf - mit Erfolg. Ihr Weltmarktanteil stieg von rund 30 auf knapp 50 Prozent.