Die Vereinigten Staaten sind im Krieg. Der Gegner ist klein, aber zäh. Ein winziger Inselstaat in der Karibik, Antigua und die zugehörige Schwesterinsel Barbuda, gilt der Supermacht als Hort für internationale Drogengeldwäsche - und andere krumme Dinger mehr. Die dortigen Behörden lassen ausländische Fahnder immer wieder auflaufen, die eiserne Diskretion bringt Amerika zum Kochen. Doch jetzt verspricht die schärfste Waffe des Washingtoner Finanzministeriums Erfolg: William Baity, ein Kämpfer gegen das internationale Verbrechen. Der Beamte Baity hat eigentlich nur ein Briefchen geschrieben und dabei Anfang April alle inländischen Banken zur "erhöhten Sorgfalt bei allen Transaktionen" mit den Schwesterinseln aufgerufen. Doch siehe da: Die Mächtigen auf der Insel zermartern sich den Kopf, wie sie die Amerikaner besänftigen können.

"Eine solche Aufforderung kann die Geschäfte in einem Off-shore-Zentrum zum Erliegen bringen", weiß Diane Stafford, beim Commonwealth-Sekretariat in London für Fragen der Wirtschaftskriminalität zuständig. "Plötzlich weiß jeder Kunde, daß seine Transaktionen überwacht werden." In Antigua dauert der Streit noch an, aber auf ähnliche Weise wurden vor drei Jahren die Seychellen zum Einlenken gebracht. Die hatten damals den erfolgsversprechenden Plan ausgeheckt, reichen Investoren aus Übersee Auslieferungsschutz zu bieten.

Die Regierungen von Off-shore-Zentren beschwören nach außen stets ihre Unabhängigkeit - und setzen auf die Globalisierung, die ihnen ohnehin in die Hände spiele. "Branchen wie die Telekommunikation und der Finanzmarkt sind längst außerhalb jeder nationalstaatlichen Kontrolle", meint Barry Malcolm, Wirtschaftsförderer auf den Bahamas. Süffisant setzt er hinzu: "Es ist eine völlig altmodische Auffassung, daß die EU jetzt am liebsten die Besteuerung global vereinheitlichen will."

Dennoch stehen die alten Nationalstaaten nicht ganz ohne Waffen da. Besonders bei Fällen, in denen sie sich einig sind: beim Angriff auf Geldwaschanlagen, bei exzessiver Geheimhaltung, Einmannaufsichtsbehörden und staatlicher Korruption. Diese dienen vielfach nicht nur Steuersündern, sondern auch Aktienspekulanten, die Insidergesetze umgehen wollen, sowie Drogenbaronen, Terroristen und Menschenhändlern. Dagegen gehen reiche Länder gemeinsam vor: Bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kümmert sich seit 1989 die Financial Action Task Force (FATF) um eine bessere Marktaufsicht in fernen Ländern. Die Bank für Internationale Zusammenarbeit in Basel (BIZ), die Vereinten Nationen (UN) und die Europäische Union (EU) haben jeweils Programme gegen die Geldwäsche aufgelegt, schwarze Listen dubioser Finanzplätze sind in der Mache. Sogar die Briten - die Sonderrechte ihres alten Empire üblicherweise mit Klauen und Zähnen verteidigen - üben mittlerweile Druck auf ihre Überseeterritorien aus. Das britische Innenministerium rückt seit Monaten der verschwiegenen Finanzmarktaufsicht von Jersey und Guernsey auf die Pelle, und einige exotische Inseln könnten bald einen Deal nach dem Motto "Britische Pässe gegen vernünftige Bankenaufsicht" angeboten bekommen. Auf der Isle of Man und auf den Caymans sind daraufhin allerdings Rufe nach Unabhängigkeit laut geworden.

Als besonders ruppig gelten die Finanzpolizisten der Vereinigten Staaten. Am Rande der Legalität haben die Amerikaner schon Verdächtige im Privatflugzeug oder beim Transit durch die USA verhaftet. Ihre schlimmste Drohung ist allerdings, Überweisungen aus Steueroasen zu blockieren oder Banken die US-Lizenz zu entziehen - manchmal reicht schon ein Schreiben wie im Fall von Antigua. Als Ermittler Infos aus einem karibischen Finanzinstitut herauspressen wollten, setzten sie die US-Schwesterfiliale unter Druck: Bis alle Informationen vorlagen, wurde täglich eine fünfstellige Dollarstrafe fällig. Das half. Selbst Nichtregierungsorganisationen wie die Antikorruptionsgruppe Transparency International (TI) mischen im Abwehrkampf mit und tragen weltweit Erkenntnisse über die Geldschieberei zusammen. "Für die Verschwiegenheit der Offshore-Zentren gibt es kaum ehrenhafte Begründungen", sagt Londons TI-Repräsentant Jeremy Pope.

Stumpf geworden sind etliche alte Waffen der Staaten. Zollfahnder an der Grenze nach Luxemburg landen höchstens mal Zufallstreffer, Orwell-artige Aktionen wie das Notieren deutscher Autoschilder vor ausländischen Bankfilialen treiben entschlossene Steuersünder bloß auf neue Schmuggelwege. Im Zeitalter entfesselter Finanzmärkte sind die Kontrolleure da bald abgehängt. Wenn hiesige Steuerfahnder deutschen Bankiers und ihren Kunden den Kampf ansagen und die Filialen stürmen, benutzen die beim nächsten Mal eben keine deutschen Kreditinstitute mehr. Die Aktionen der Aufpasser dienen dann höchstens der sozialen Hygiene: Sie suggerieren dem Heer der kleinen unmobilen Steuerzahler, daß der Staat sich um Gerechtigkeit wenigstens bemüht.

Im Zuge der jüngsten Finanzkrisen in Osteuropa und Lateinamerika sind die Off-shore-Zentren zusätzlich ins Gerede gekommen. Der dramatische Währungsverfall in Rußland oder die Börsenturbulenzen in Brasilien wurden dadurch verschärft, daß riesige Geldmengen über Orte wie Zypern, Panama und karibische Inseln außer Landes geschafft wurden. Die nationalen Finanzminister und Notenbankchefs sind weitgehend machtlos. "Es kann keine globale Regulation geben, wenn man die Off-shore-Zentren außen vor läßt", sagt Stephanie Griffith-Jones, eine Expertin für internationale Finanzströme an der Universität Sussex. Der Spekulant George Soros hat sich genauso in diesen Steuerparadiesen niedergelassen wie hochspekulative Hedgefonds, die das Weltfinanzsystem im vergangenen Jahr an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben. Kein einmaliger Ausrutscher: Bankenskandale - wie der Zusammenbruch der Bank for Credit and Commerce International (BCCI) im Jahre 1991 - gingen ebenfalls von Off-shore-Finanzplätzen aus.