Gefahrenzulage! Ich verlange Gefahrenzulage!" ruft Frau Stapel vom Bühnenrand. Wieder hat ein scharfer Ball sie nur zentimeterknapp verfehlt. Frau Stapel ist Souffleuse am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und hat an diesem Morgen viel zu tun. Geprobt wird Shakespeare, Heinrich VI. Noch haben die Schauspieler ihre Rollen nicht intus, Frau Stapel muß höllisch auf dem Quivive sein. Einsagen, aushelfen - und dann im richtigen Moment blitzschnell abtauchen. Denn auf der Bühne geht es hoch her. Das Ensemble, texteinübend, spielt Volleyball. Ganzkörpereinsatz: Luftsprünge, Bodenrollen, wilde Anfeuerungsschreie. Heinrich VI.? Ja, doch, er ist's.

Monika Stapel ist eine erfahrene Souffleuse. In langen Berufsjahren hat sie auf dem Theater schon viel erlebt: die verwegensten Regietemperamente, die verrücktesten Arbeitspraktiken. Über Peter Zadeks Improvisationskunst kann sie rasch und ausgiebig ins Schwärmen geraten; an die strengen Exerzitien eines Karl Paryla erinnert sie sich mit respektvollem Schauder. Der eine macht es so, der andere so, erklärt Frau Stapel dem Probenbesucher - und der begreift: Erstaunen, gar erschüttern kann eine wie sie gewiß nichts mehr. Aber dies nun - Shakespeare mit Vol- leyball, Volleyball mit Shakespeare? Frau Stapel räumt ein: Das, in der Tat, sei eine eher ungewöhnliche Methode - und Neuland auch für sie.

Seit Anfang Januar des Jahres ist er nun in Hamburg, der belgische Regisseur, der in seinem Land als einer der bedeutenden Theatermacher und -erneuerer gilt und dessen Namen doch außerhalb seiner flämischen Sprachheimat kaum bekannt ist. Wie manche andere, die lange auf ihrer kleinen Sprachinsel eingeschlossen waren, der Litauer Eimuntas Nekrocius, der Slowene Toma* Pandur oder der Rumäne Silviu Purcarete, ist Perceval selbst unter Kennern eher ein Gerücht als ein Begriff.Viele haben von ihm gehört - doch nichts von ihm gesehen. Geben wir's zu: Uns ging es nicht anders. Neugier, nicht Kennerschaft also trieb uns nach Hamburg-Altona, in die Halle, in der Perceval sein Probenquartier bezogen hat ...

Mit dem Status der Unbekanntheit allerdings dürfte es jetzt ein Ende haben, die Feuilletons werden für einen heftigen Publizitätsruck sorgen. Denn am 25. Juli hat bei den Salzburger Festspielen - draußen in Hallein, auf der Perner-Insel - ein Projekt Premiere, das zu den ehrgeizigsten, abenteuerlichsten Theaterunternehmungen dieses Jahrzehnts überhaupt gehört: Schlachten! Es ist die deutsche Version und Neuinszenierung eines 1997 von Percevals flämischer Theatergruppe Blauwe Maandag Compagnie in Gent uraufgeführten Stücks - Ten Oorlog (Zum Krieg), ein Konzentrat der Shakespeareschen Königsdramen. Sechs Jahre Such- und Entdeckerarbeit, sechs Jahre Entwürfe, Hoffnungen und Hindernisläufe, sechs Jahre Lust und Frust stecken in diesem Shakespearewahnsinn: Aus acht Stücken, 93 Szenen und 225 Figuren erwuchs, gerafft, übermalt und umgeschrieben, eine Spielfassung, die in neun - die Pausen eingerechnet: zwölf! - Stunden den Zuschauer durch hundert Jahre Rosenkriege und zugleich auf eine lange Reise durch die Theatergeschichte führt. Die Aufführung, mit der Perceval an seinen umjubelten Erfolg von Gent anknüpfen will, wird später von Salzburg nach Hamburg weiterwandern und dort, am 2. Oktober, die 100. Spielzeit des Deutschen Schauspielhauses, Baumbauers letzte vor dem Wechsel nach München, eröffnen.

Ein Schauspieler-Regisseur, wie es nur wenige gibt

Zwölf Stunden Shakespeare! Bei solchen Superlativen ist man rasch versucht, sich an der Spitze des Unternehmens einen quirligen Impresario, einen resoluten Strippenzieher oder einen virtuosen Dompteur vorzustellen. Doch nichts davon. Luk Perceval, ein schlanker, schmalköpfiger Mann, Jahrgang 1957, wirkt nachdenklich und aufmerksam, konzentriert und bescheiden, immer zugewandt, ein vorzüglicher Zuhörer. "Der ruht in sich", sagt der Regieassistent Jasper Brandis, "er besitzt eine natürliche Souveränität. Man merkt das auch daran: Er muß sich nicht an Regieassistenten austoben, wie das andere so gerne tun ..."

Seit fünf Monaten probt er nun in der Halle in Altona - mit den 13 Schauspielerinnen und Schauspielern, die Intendant Frank Baumbauer - fast alle sind sie aus seinem Haus - für das Mammutprojekt freigestellt hat. Seit fünf Monaten spielen und üben sie, diskutieren, lachen, streiten und träumen sie miteinander. Morgens, mittags - und, wenn sie nicht gerade in einer der laufenden Vorstellungen auftreten müssen, auch abends. Und noch immer ist die Gelassenheit groß, die gegenseitige Toleranz, sind alle voll des Lobs für die außergewöhnliche Gruppendynamik. Noch immer kein Lagerkoller.