Es war ein komisches Gefühl, im Wohnzimmer eines Mörders zu sitzen. Shawn Armbrust empfand keine Angst, auch keinen Abscheu. Eher Fassungslosigkeit, die einen befällt, wenn man sich in eine aberwitzige Situation gebracht hat. Nach ein paar Sekunden hatte Shawn Armbrust das Gefühl abgeschüttelt. Sie lächelte den Mann verbindlich an und drückte mit einem höflichen "Sie haben doch nichts dagegen" auf den Aufnahmeknopf des kleinen Diktiergeräts.

Es war verblüffend leicht gewesen, ihn zu finden. Alstory Simon hatte sich so sicher gefühlt, daß er sich unter seinem richtigen Namen ins Führerscheinverzeichnis eingetragen hatte. Als an diesem Dezembertag die beiden jungen Frauen auf der Veranda seines schäbigen Hauses in einem schäbigen Viertel von Milwaukee auftauchten, muß ihm das wie eine Erscheinung vorgekommen sein. Zwei junge Weiße mit glatten hübschen Gesichtern, wie Simon sie nur aus den TV-Sitcoms kannte. "Hi, entschuldigen Sie die Störung", sagte die eine mit der trainierten Liebenswürdigkeit einer ehrenamtlichen Spendensammlerin, "wir kommen von der Northwestern Universität in Chicago und müssen für unseren Kurs alte Kriminalfälle nachrecherchieren. Sie waren doch damals Zeuge bei der Schießerei im Schwimmbad?" Simon hätte "Nein" knurren und die Tür schließen können. Aber irgend etwas ließ es ihm klüger erscheinen, die beiden hereinzulassen. Ein paar Sekunden später saßen Shawn Armbrust und ihre Freundion Cara Rubinsky im Wohnzimmer. Alstory Simon wirkte nicht übermäßig gefährlich. Mittelgroß und nicht so muskulös wie Anthony Porter, jener Mann, der für Simons Verbrechen in der Todeszelle saß und dort seit 16 Jahren mit Hanteln seinen Bizeps trainierte.

Noch am Abend dieses 9. Dezember 1998 fuhren Shawn Armbrust und Cara Rubinsky zurück nach Chicago und erstatteten ihrer Arbeitsgruppe im Kurs "Investigativer Journalismus" Bericht. Sie hatten das sichere Gefühl und ein paar handfeste Hinweise, daß Alstory Simon jenen Doppelmord verübt hatte, für den nun ein anderer hingerichtet werden sollte. Aber ein Gefühl und ein paar Hinweise würden keinen Richter veranlassen, den Antrag auf eine neue Beweisanhörung auch nur anzuschauen. Ihnen lief die Zeit davon. Mit einem letzten, gewagten Argument hatten die Anwälte von Anthony Porter am 21. September 1998 einen Exekutionsaufschub erreicht. 48 Stunden, bevor Porter "in Kühlfleisch" verwandelt werden sollte, wie Gefängniswärter es nennen. Diese Gnadenfrist würde nicht lange dauern.

All das ging Shawn Armbrust durch den Kopf, als sie und ihre Kommilitonen sich in die Winterferien verabschiedeten.

Die Northwestern-Universität am Nordrand von Chicago ist der Ausgangspunkt für Expeditionen in die Unterwelt. Am Ufer des Michigansees dümpeln Segelboote, auf dem Rasen hocken Studenten in ihrer inoffiziellen Uniform. Joggingschuhe, Khakishorts, Fleece-Westen und jene provozierende Sorglosigkeit in den Gesichtern, die sich aus einer geborgenen Herkunft und dem Glauben an eine erfolgreiche Zukunft speist. Die wenigen Obdachlosen vor den Buchläden wirken wie eine abgewogene Dosis Armut. Ein paar Meter vom Seestrand entfernt liegt die Medill School of Journalism. Hier stand der Name Anthony Porter am 28. September 1998 an einer Tafel - genau eine Woche, nachdem sein Leben noch einmal in die Verlängerung gegangen war. Der Kurs für das Wintersemester 1998/99 war im Vorlesungsverzeichnis unter dem Titel "Investigativer Journalismus - Professor David Protess" eingetragen. Shawn Armbrust hatte wie die 15 anderen Studenten auf einen Platz in diesem Seminar gewartet.

Protess, früher selbst Journalist und seit 18 Jahren Professor am Fachbereich, hatte gezögert, den Fall Porter in seine Liste aufzunehmen. Er und seine Studenten würden ein Rennen gegen die Chicagoer Justizbehörden starten, und einen solchen Wettlauf hatte er schon einmal verloren.

Protess ist 53, hat ein kantiges Harvey-Keitel-Gesicht und ein Temperament, das seine Studenten als intense beschreiben. Das meint Empathie und Enthusiamus ebenso wie Grobheit und Starallüren. Mitten im Telefongespräch den Hörer aufzuknallen gehört zum Repertoire, und die Angaben zur Biographie klingen so, als säße er bereits am Drehbuch über sein eigenes Leben. Erste Szene: Ein siebenjähriger David liest 1953 die Schlagzeile von der Hinrichtung der beiden kommunistischen Spione Ethel und Julius Rosenberg und wird zum Gegner der Todesstrafe. "Ich kann mich noch genau an die Überschrift erinnern: Rosenbergs gegrillt. "