Zwei Wochen, länger hält es ihn nicht. "Dann muß ich mal wieder bei meinen Kindern vorbeischauen", sagt Andreas Feldtkeller und lacht ein wenig verlegen. Eigentlich hält er seine Gefühle lieber zurück. Viel lieber spricht er über Analysen und Strukturen als von seiner Zuneigung zu Loretta und Hindenburg - wer auch bezeichnet zwei Stadtquartiere als seine Kinder? So ganz kann er seinen Stolz aber nicht verhehlen, dafür ist er den beiden Vierteln in Tübingens Südstadt viel zu tief verbunden. Vor acht Jahren war der Architekt ihr Geburtshelfer, und natürlich freut es ihn, wie sie sich heute auswachsen zu einem dichten Gewebe aus Wegen und Plätzen, Höfen und Gassen, zum wagemutigsten Städtebauprojekt Deutschlands.

Als alles anfing, wußte niemand, was aus dieser Ödnis werden sollte: Die französische Armee war abgerückt, und zurück blieben bullige Kasernen, Panzerhallen und Exerzierplätze - eine große Brache, wie es sie in vielen Städten gibt, wo Fabriken schließen oder die Bahn alte Gleisanlagen aufgibt. Sollte man alles abreißen? Hoffen, daß hier ein paar große Konzerne ihre noch größeren Türme bauen? Gegen die vage Hoffnung setzte Feldtkeller seine konkrete Utopie: Der damalige Leiter des städtischen Sanierungsamtes wußte, was er wollte. Und sein Widerspruchsgeist stachelte ihn an, es allen zu beweisen: daß auch eine neue Stadt so lebendig sein kann wie eine alte.

Wo andere Städte vorschreiben, wie die Fassade, Fenster, Dachrinne auszusehen haben, da heißt es in Tübingen: Baut, was ihr wollt - allerdings unter einem weiten Dach von Regeln. Regel I: Das Alte bleibt stehen und wird durch neue Häuser aufgefüllt - das wird ein bißchen eng, doch das soll es auch. Regel II: Nie wird ein ganzer Häuserblock an nur einen Investor vergeben. Feldtkeller wollte keine Einheitsware, die Leute sollen selbst entscheiden, wie sie wohnen wollen. Deshalb sprang er hinein in das, was sich als Marktlücke erwies.

Bislang gab es keine individuellen Mehrparteienhäuser: Wer eine Eigentumswohnung wollte, der kaufte sie fix und fertig vorgeplant. In Tübingen sind die Bürger hingegen aufgefordert, sich in Baugruppen zusammenzuschließen. Gemeinsam bewerben sie sich um eine Parzelle und entwerfen ihr eigenes Haus. Das sind mal zwei, mal vierzig Leute, manchmal ist es eine Ex-WG, ein anderes Mal tun sich Aussiedlerfamilien zusammen.

Die einen planen ein Generationenhaus, in dem es Wohnungen für Familien und für Alte gibt und man sich gegenseitig mit Kinderbetreuung, Kochen oder Einholen helfen will. Andere bauen ein Haus, in dem die Zimmer vier Meter hoch sind, wie zur Gründerzeit. Und dann ist da eine Baugruppe, die sich ein Fotolabor teilt, einen Werkraum, eine Sauna. Alles ist möglich - selbst das ganz Normale wird es geben, privat finanzierte Sozialwohnungen zum Beispiel. Entsprechend buntscheckig sieht es aus im neuen Quartier, wo in drei, vier Jahren fast 7000 Menschen wohnen werden. Schon heute gibt es einen wildgewordenen Architektenbau; daneben ein Gaubenhäuschen mit Sprossenfenstern, das am liebsten in irgendeinem Dorf stünde; und von der anderen Seite leuchtet ein Ökohaus herüber, blau angemalt. "Da halten sich manche Architekten vermutlich die Augen zu", sagt Feldtkeller und duckt sich ein wenig. "Doch eigentlich", sagt er, "interessiert mich gar nicht so sehr das Bild der Stadt. Viel wichtiger ist das, was hinter den Fassaden passiert."

Auch deshalb hat er Regel III erfunden: Jede Baugruppe verpflichtet sich, daß es im Erdgeschoß ihres Hauses Büros, Läden, Werkstätten gibt. Das mag nicht weiter ungewöhnlich klingen, doch es verändert die gängige Praxis radikal. "Überall spricht man zwar von solchen Mischgebieten", berichtet Feldtkeller. "Aber niemand traut sich so recht, die Dinge zusammenzupacken, die zusammengehören." Als bräuchte man sie noch, die Stadt des Industriezeitalters, in der man das schmutzige Gewerbe in eigene Quartiere absonderte. Feldtkeller schüttelt den Kopf: "Längst rücken doch Arbeit und Familie zusammen, es gibt wieder viele kleine Firmen, alles ist in Bewegung. Nur bei den Stadtplanern hat das noch keiner gemerkt."

Der Erfolg gibt Andreas Feldtkeller recht: Jede Parzelle könnte zweimal vergeben werden, nicht nur der unkonventionelle Wohnraum, auch die Gewerbeflächen sind gefragt. Ein Maschinenbauer ist eingezogen, ein Softwareentwickler, ein Schlosser, dazwischen hat die Kirche Räume gemietet. Die Baugruppen haben sich umgehört und geworben, erfolgreicher, als es jede offizielle Gewerbeansiedlungspolitik vermocht hätte - 2200 Arbeitsplätze sollen es am Ende werden. "Natürlich gibt es da auch mal Lärm, wenn gesägt oder gehämmert wird", sagt Feldtkeller, "doch solche Störungen gehören dazu, das ist ja das Prinzip des Städtischen."

Das ist für den 67jährigen eine ganz praktische Erkenntnis, sie stammt vor allem aus der Zeit, als er die Sanierung der Tübinger Innenstadt betreute. Auch damals schon wollte er die Stadt nicht für, sondern mit den Menschen verändern; nie blähte er seine Ideen zur Ideologie. Viel Renommee hat ihm diese behutsame Arbeit eingebracht, und das half ihm, als es galt, die Südstadt zu verändern. Auch die Autonomie seines vierköpfigen Amtes half der Reform zum Erfolg. Mit anderen Ämtern hatte es sich der kantige Kopf verscherzt, in vielen wurde er gehaßt. Doch sein Projekt kam voran - Ruppigkeit als Reformertugend.

Nie aber drängelte er sich mit seiner Person so weit hinein, daß er unersetzbar geworden wäre. So wurde auch seine Pensionierung vor gut einem Jahr nicht zur Last für die beiden Stadtquartiere: Die große Offenheit seiner Planung machte seinem Nachfolger das Hineinwachsen leicht. Feldtkeller läßt den Menschen Raum - Bewohnern wie Planern. Und der Nachfolger läßt die Bürger noch mehr mitwirken und nähert sich anderen Ämtern wieder, damit die sich ebenfalls den Bürgern öffnen.

Zwar begeistern sich viele für die Erfolge der Südstadt, aus der ganzen Republik rücken mittlerweile die Reisebusse an. Und doch weicht man den Konsequenzen aus."Das geht doch nur in Tübingen", heißt es immer wieder. Klar, das Städtchen mit seinen 85 000 Einwohnern ist ein Ort wie kein anderer, nirgendwo sonst gibt es eine so hohe Dichte an Buch- und Brillenläden. "Aber wenn wir so ein Projekt in unserer Kleinstadt hinbekommen", sagt Feldtkeller, "warum sollten sich dann in einer Großstadt nicht genügend Leute finden, die sich zu Baugruppen zusammenschließen?"

Eher ist es wohl Bequemlichkeit bei vielen Planerkollegen - denn Stadtentwicklung, wie sie Feldtkeller versteht, ist immer Sozial-, ist Wirtschaftsförderungs- und Jugendpolitik. Da muß man seine gekastelten Quartiere des Denkens verlassen: Die gemischte Stadt braucht Planer, die sich einmischen. Und natürlich solche, die die Stadt lieben wie ihre Kinder.