Ein schweres Motorrad "neigt sich in die Einfahrt zur Bibliotheksstraße, rollt in das Untergeschoß eines zehnstöckigen Gebäudes und verstummt. Der Fahrer nimmt den Helm ab, schüttelt lange, blonde Haare aus der Stirn und öffnet die schwarze Lederjacke. Auf dem T-Shirt breitet ein Adler seine Schwingen über den Namenszug Harley-Davidson. Das ist der Name des Motorrads. Der Name des Fahrers ist Heinz-Otto Peitgen, sein Job ist der Lehrstuhl für dynamische Systeme an der mathematischen Fakultät der Universität Bremen ..."

Artikel wie diesen aus dem FAZ- Magazin von 1993 liest er gar nicht gern, sagt Heinz-Otto Peitgen. Abgesehen davon, daß er die Harley nicht mehr fährt und die Haare eigentlich nie so lang waren, sind diese Geschichten seinem wissenschaftlichen Ruf nicht gerade zuträglich gewesen. Und so ist er bei aller Eitelkeit gar nicht so böse, daß die Medien in den vergangenen Jahren weniger Notiz von ihm genommen haben. Zuvor waren sie reihenweise erschienen, die Berichte über den Bremer Mathematiker, der mit seinen fraktalen Bildern (Stichwort Apfelmännchen) die Wissenschaft revolutioniert.

Reformer und Revolutionäre in der Wissenschaft müssen nicht unbedingt große Entdecker sein. Oft sind es Kommunikatoren wie Peitgen, die ihr Gebiet auf eine neue Art präsentieren. In diesem Fall begann die Geschichte, als Peitgen 1982 zusammen mit fünf Bremer Doktoranden für ein Forschungssemester an die University of Utah ging, die damals führend war auf dem Gebiet der Computergrafik.

Am Morgen des 7. Dezember, Peitgen erinnert sich genau, hörte er einen Vortrag über die sogenannten Juliamengen - recht esoterische mathematische Objekte, die Anfang des Jahrhunderts entdeckt worden waren, es aber nie richtig in den mathematischen Mainstream geschafft hatten. Die müßte man doch auf einer dieser neuen Grafikmaschinen darstellen können, dachte sich Peitgen. Die ganze Nacht ließ das Bremer Team die Rechner heißlaufen und produzierte ein Bild nach dem anderen.

Zurück in Deutschland, konnte er die Bremer Sparkasse dafür begeistern, die bunten Bilder von Julia- und Mandelbrotmengen auszustellen - der Grundstein für eine regelrechte Mathemode war gelegt.

Ein Diavortrag des smarten Schnauzbartträgers war damals ein Erlebnis für Laien wie Fachkollegen: Da entstanden aus der simplen Formel f (x) = x-Quadrat + c plötzlich komplexe ästhetische Bilder, die bis dahin nicht einmal in der Phantasie der Mathematiker existiert hatten. Kein Wunder, daß sich die Medien darauf stürzten und Peitgen ein wissenschaftlicher Popstar wurde. Natürlich hat er die plötzliche Popularität genossen, es ausgekostet, vor einem Publikum zu stehen und Menschen in seinen Bann zu ziehen.

Rückblickend war diese Zeit für den heute 54jährigen "eine glückliche und eine unglückliche Affäre". Denn der seriöse Mathematiker in ihm mußte erkennen, daß vieles, was da in der Öffentlichkeit über die "neue Mathematik" geredet wurde, überzogen bis unsinnig war, daß er selber zu einem Propheten stilisiert wurde, der er gar nicht sein wollte.