Vor gar nicht langer Zeit trank die Mehrzahl der Deutschen Brunnenwasser, trug nach dem Tod eines nahestehenden Menschen ein Jahr lang Trauerkleidung, bedeckten Frauen, die sich keinen Hut leisten konnten, ihr Haupt mit einem Kopftuch. Heute bevorzugt man in Flaschen abgefülltes Mineralwasser, trägt die Trauer nach den Bestattungsritualen im Herzen statt am Körper, und Frauen bedecken ihren Kopf nicht mehr.

Ein Wandel.

Wodurch wird Wandel möglich? Durch Integration des Anderen in ein Bestehendes.

Integrationsprozesse sind ständige Begleiter der Menschheitsgeschichte; sie finden überall auf der Welt statt, mal mehr, mal weniger reibungslos. Ohne sie gäbe es keinen Wandel. Jedes Ganze, sei es ein Individuum, eine Familie oder eine größere Gemeinschaft, wird unausgesetzt mit Neuem konfrontiert und entscheidet darüber, ob dieses Neue angenommen oder abgelehnt wird. Jedes Ganze pendelt pausenlos zwischen Verlustgefühlen und wiedergewonnenen Bindungen, zwischen Desintegration und Integration. Das lateinische Wort integratio beschreibt diese Schwankungen - "Erneuerung", aber auch "Wiederherstellung des Ganzen" ist damit gemeint.

Über den Umgang mit Fremden entscheiden nicht die Gesetze

Integrationsprozesse gehen meist unspektakulär vor sich. Die mit ihnen verbundenen Änderungen wirken oft so subtil, daß die Ergebnisse erst nach einiger Zeit zutage treten. Die untergründigen Prozesse verlaufen eher im stillen; öffentliche Aufmerksamkeit erzielen vielmehr die Haupt- und Staatsaktionen der politischen Gewalten. Der Gesetzgeber etwa legt die Regeln für Integration - auch die von Fremden - in Gesetzen fest. Jeder kann sich darauf berufen, sie gelten für alle, aber sie vermitteln kein Handlungswissen, geben den Akteuren am Ort des Geschehens keine Anleitungen.

Die gesellschaftlichen Mikrokosmen, in denen Integration stattfindet, bleiben sich selbst überlassen und wenden ihre eigenen, ihre gewachsenen Regeln an.

Städte und Gemeinden haben schon immer Fremde aufgenommen, auch bevor 1913 die deutsche Staatsangehörigkeit eingeführt wurde. Die einheimischen Vereinbarungen wurden allerdings nicht als Gesetzestexte formuliert und aufgeschrieben, sondern unbewußt getroffen und gelebt. Sie sind implizit, nicht explizit. Man denkt nicht darüber nach, jedes Mitglied verinnerlicht sie im Verlauf der Sozialisation - wie die Sprache. Diese Ordnungsmuster sind nicht wirklich erforscht.

Das ist problematisch, denn solange sie nicht erkannt sind, kann über die Integration in Deutschland, auch warum sie im einen Ort erfolgreich ist, im anderen jedoch scheitert, vielleicht gar dramatisch, nur spekuliert werden.

Zur Aufdeckung solcher unbewußten Ordnungsmuster hat die Ethnologie, weil sie sich als Disziplin mit Integration befaßt, ein vielseitiges Instrumentarium entwickelt. Dazu zählt insbesondere ihre klassisch gewordene Methode der "teilnehmenden Beobachtung". Ein Ethnologe muß die persönliche Eignung zur Integration in eine fremde Gesellschaft unter Beweis stellen, muß im Rahmen der Feldforschung zeigen, daß eine zweite Sozialisation möglich ist und soziale Rollen austauschbar sind. Zum typischen Arbeitsfeld der Ethnologen gehören soziale Mikrokosmen wie Inseln, Nomadenlager oder Dörfer, die den Einheimischen klare Grenzen bieten.

Die Ethnologie könnte uns also weiterhelfen, wenn wir die Prozesse der Integration von Fremden im Detail verstehen wollen. Doch leider reizt Deutschland nur wenige Ethnologen. Das hat zur Folge, daß wir zwar bestens die Ideologie des Nationalstaates kennen, nicht aber die Vielfalt der Ordnungsmuster seiner Mikrokosmen.

Das Dorf Kirrlach in Nordbaden ist ein solcher Mikrokosmos der Bundesrepublik. Sehen wir es uns näher an.

Für die Einheimischen bleibt Kirrlach ihr Dorf, auch wenn staatliche Entscheidungsgremien 1972 bei der Verwaltungsreform bestimmt haben, es nur noch als Stadtteil von Waghäusel firmieren zu lassen. Für Kirrlach gilt, was für alle gesellschaftlichen Universen Gültigkeit hat: Sie existieren immer nur in der Vorstellung ihrer Mitglieder, sind immer kontextbezogen. Kirrlach war und ist ein Ganzes, aber was dieses Ganze ausmacht, wird zwischen den Einwohnern unausgesetzt neu ausgehandelt. Anlässe bieten sich genug - individuelle Veränderungen wie Geburten und Todesfälle, Heiraten, Schulbeginn, Lehre, Wehrdienst, Geschäftsübernahmen und Verrentung sind alltägliche Krisen, mit denen die Dorfbewohner umgehen müssen, die sie in ihr Leben integrieren. Ohne Integration kann vom Ganzen nichts bleiben.

Zu den normalen Krisen von Kirrlach gehören auch die Fremden. Schon immer kamen sie in das Dorf, aber nie so zahlreich wie in den vergangenen 50 Jahren, als sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelte: von etwa 4500 auf über 9500. Wie gehen die Einheimischen damit um? Wie integrieren sie die Fremden? Um diese Fragen beantworten zu können, muß man erst einmal wissen, wen die Dorfgesellschaft als "fremd" wahrnimmt.

Die Einheimischen nennen die Eigenen, also diejenigen, die wissen, was und wie im Dorf debattiert wird, "Kirrlacher". Alle Kirrlacher haben innerhalb der Dorfgemeinschaft dieselben Rechte und Pflichten, sind in diesem Sinne "Gleiche", auch wenn individuelle Fähigkeiten und Neigungen im Dorfalltag zu beachtlichen Unterschieden führen können.

Jemand kann "mit Leib und Seele" Kirrlacher sein, das Kirrlacher-Sein kann einem Menschen in "Fleisch und Blut" übergehen, aber niemand behauptet, von "Kirrlacher Blut" zu sein. Niemand käme auf eine solche Idee, denn wie in vielen anderen Gesellschaften endet das genealogische Gedächtnis auch hier nach vier Generationen. Man kennt Namen und Heimatort von Kindern, Kindeskindern und Eltern. Die Namen der Großeltern und woher sie stammen, wissen die meisten, bei den Geschwistern der Großeltern indes und deren Nachkommen beginnt das Erinnerungsvermögen zu versagen. Je tiefer die Generation, je entfernter die Cousine, desto vager wird das Wissen, ganz im Gegensatz etwa zu jenem Muster, das im Nahen Osten oder im europäischen Hochadel gilt.

Das Schema hat Folgen. Sie machen die Unterscheidung zwischen "Kirrlachern", "echten Kirrlachern" und "echten Kirrlachern mit einem alten Kirrlacher Namen" sowie die fließenden Übergänge zwischen diesen Kategorien verständlich. Zu den "echten Kirrlachern" gehören alle, deren Großeltern Kirrlacher waren. Das Grab der Großeltern auf dem Friedhof des Dorfes ist das Symbol für den Status der "echten Kirrlacher", ist das Zeichen für die eigenen Wurzeln. Man stammt von denen ab, die dort begraben sind. Je mehr Generationen einer Familie auf dem Kirrlacher Friedhof liegen, desto verwurzelter ist sie am Ort, und der Grad dieser Verwurzelung unterscheidet die "Kirrlacher" von den "echten Kirrlachern" und den "echten Kirrlachern mit einem alten Kirrlacher Namen".

Im Dorfalltag gewinnen diese Unterschiede allerdings nur dann Bedeutung, wenn in einem Gespräch zutage kommt, daß eine Person nicht zu den "echten Kirrlachern" gehört, eben weil sie keine Kirrlacher Großeltern hat. Sie lernt in solchen Situationen den wesentlichen Aspekt, daß Familien und nicht Individuen integriert werden. Eine Person kann nur einen Weg bereiten, die Richtung einschlagen, der Kind und Kindeskinder dann folgen können.

Was macht die Großeltern so wichtig? Sie stehen mit den Enkeln in einer besonderen Beziehung: Wie in vielen Gesellschaften sollen sich auch in Kirrlach die Großeltern- und Enkelgeneration angleichen - eine verbreitete Form, Identität herzustellen. Auch die Sprache deutet das an: Das althochdeutsche Wort ane oder eni (Großvater/Großmutter) entspricht etymologisch dem alten eniclin, dem "kleinen Ahnen" oder Enkel. Groß und Klein werden gewissermaßen vereint gegenüber der angrenzenden Generation, den Eltern oder Kindern. Zwischen diesen Generationen wird das Handlungswissen vermittelt, das "die Kirrlacher" einsetzen. Auflehnung gegen die Eltern ist dabei genauso normal wie das oft stillschweigende Einvernehmen mit den Großeltern und den Gleichaltrigen.

Die Gemeinsamkeiten dieser Generationen bilden den Orientierungsrahmen, die Werte und Forderungen der Kirrlacher Gesellschaft. Gestützt von Gleichaltrigen, Eltern und Großeltern, lernen Kinder, wie Kirrlacher kulturellen und gesellschaftlichen Wandel im Laufe der Zeit aushandeln. Je stärker eine Familie in Kirrlach verwurzelt ist, desto sicherer gewährleistet sie die Vermittlung und Handhabung der Regeln. Fremde müssen in diesen Generationenkreislauf einsteigen, um "echte Kirrlacher" werden zu können.

Der Initiationsritus der Einschulung wird kaum bemerkt

Kirrlacher kategorisieren nicht nur die Eigenen, sondern auch die "Fremden" und unterscheiden dabei grundsätzlich zwei Gruppen: Die einen können aufgrund ihres Status im Dorf keine Kirrlacher werden, die anderen müssen es.

Die "Reingeheirateten", die klassischen Anderen, sind vom Status her Ungleiche. Sie gehören zwar dazu, "Kirrlacher" werden können sie aber nicht, kämen wohl auch nicht auf die Idee, es werden zu wollen. Dasselbe gilt für die Repräsentanten der staatlichen und religiösen Obrigkeit. Pfarrer, Lehrer, Polizisten, Förster, beispielsweise, gehören qua Amt zum Dorf, haben durch ihre Position aber einen anderen Status als die Einheimischen, können somit keine "Gleichen" werden. Alle anderen "Zugezogenen" indes müssen, sobald klar ist, daß sie bleiben, "Kirrlacher" und somit "Gleiche" werden. Der Integrationsprozeß läuft automatisch an, verstärkt sich von Generation zu Generation und läßt sich nur durch klare und deutliche Abgrenzung verhindern.

Manifestiert wird die Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft durch die Aufnahme in einen "Jahrgang" - die wesentliche Kategorie des Dorfes. Ein neuer Jahrgang formiert sich mit der Einschulung, wobei Kinder von Zugezogenen selbstverständlich einbezogen werden. Der Jahrgang, die "Altersklasse" der Ethnologie, gehört so unauffällig zu Kirrlach, daß Fremde diese Initiation kaum bemerken, einheimisches und staatliches Ritual sind nahtlos miteinander verbunden.

So wie Kinder mit dem Erhalt ihres Namens offizielle Mitglieder ihrer Familie werden, werden sie durch die Bildung eines Jahrgangs von der Dorfgemeinschaft als eine ihrer Größen anerkannt; den Namen bildet der Geburtsjahrgang. Wer im September 1998 eingeschult wurde, wird - egal, wann tatsächlich geboren - immer als Mitglied des "Jahrgangs 1991/92" behandelt werden.

Die in einem Jahrgang vereinten "Gleichaltrigen" gehören ihr Leben lang zusammen, sind "das Dorf" in ihrer Altersklasse. Sie haben Jahrgänge über sich, im folgenden Jahr wird sich unter ihnen einer formieren, im übernächsten Jahr wieder einer, dann wieder einer - ein Jahrgang verschwindet, ein neuer kommt. Jeder "Kirrlacher", jede "Kirrlacherin" gehört zu einem Jahrgang, auch Aische und Goran. Das Dorf ist die Summe aller Jahrgänge und verändert sich mit ihnen.

Früher gingen fast alle Mitglieder eines Jahrgangs gemeinsam zur Schule. Schulabschluß und der Beginn des Berufslebens fielen genauso zusammen wie die Familiengründung. Die große Mehrheit stammte aus Kirrlacher Familien. Heute ist das anders.

Immer mehr Kinder sind zugezogen, immer mehr wechseln nach der vierten Klasse den Schulort. Manche haben ihre Lehre mit 18 hinter sich, andere studieren noch mit 30. Eheschließungen lassen sich aufschieben oder vermeiden, die Lebensplanungen sind variabel geworden. Die Frage stellt sich, was denn ein Jahrgang noch gemeinsam hat; die Antwort ist lapidar. "Das Wesentliche: Jahrgangsmitglieder sind gleich." Beruf, Religion, Abstammung, Staatsangehörigkeit, Hautfarbe zeigen nur die Bandbreite der Möglichkeiten im Alltag, spielen jedoch für den Status innerhalb eines Jahrgangs genausowenig eine Rolle wie die Altersunterschiede. Wenn die Mitglieder "älter", also "Eltern" oder "Großeltern" werden, gilt dieser Übergang für alle, ganz gleich, ob sie Kinder und Enkel haben oder nicht. Der Status wechselt so kollektiv wie das soziale Alter, und alle feiern die Übergänge gemeinsam mit einer "Jahrgangsfeier", dem großen Jahrgangsereignis.

Auch die Toten gehören dazu. Der Jahrgang bestätigt das durch den Besuch der Gräber seiner verstorbenen Mitglieder am Tag der Jahrgangsfeier. Die Toten werden erst dann zu Ahnen, wenn alle Mitglieder des Jahrgangs verstorben sind - vorher feiern sie noch mit. Nach dem letzten Mitglied verschwindet der Jahrgang aus der Erinnerung, wird jener Teil des übergeordneten Kollektivs "Kirrlach", das die gestellte Lebensleistung erfüllt hat. Die Ahnen stehen für die Vergangenheit, weil sie sich nicht mehr an den dörflichen Debatten beteiligen; sie stehen für all das, was Kirrlach einmal war. Unterdessen handeln die gegenwärtigen Jahrgänge das aktuelle Kirrlach aus.

Nach dem letzten Weltkrieg kam der Wandel sozusagen auf einen Schlag. Zwischen 1945 und 1950 wuchs die Einwohnerzahl um mehr als 30 Prozent, und anders als die früher Zugezogenen kamen die Anderen nicht freiwillig: Sie hatten sich Kirrlach nicht ausgesucht, wurden vielmehr von einer Militärregierung zugewiesen und durften jahrelang den Wohnort nicht wechseln. Unter Zwang hatten sie ihre eigenen Dörfer verlassen müssen, unter Zwang landeten sie in Kirrlach. Die Neuen waren "die Flüchtlinge".

In dieser Ausnahmesituation haben sich die Kirrlacher entschieden, alle in die entsprechenden Jahrgänge aufzunehmen. Sie haben sich geöffnet und diese Öffnung bis heute beibehalten. Eine Strategie, die sich - trotz der mit Integrationsprozessen verbundenen Schwierigkeiten - bei den Vertriebenen bewährt hat. Die Mehrzahl hat das Angebot angenommen, sich dafür entschieden, zu Kirrlachern zu werden. Einige waren dazu nicht in der Lage, konnten ihre Heimat, deren Verlust und die damit verbundenen Traumata bis zu ihrem Tod nicht verwinden, aber sie hinderten ihre Kinder nicht daran, sich zu integrieren. Mit dem Schulbesuch wurden sie Mitglieder im Jahrgang, lernten die Sprache - den Kirrlacher Dialekt - und paßten sich an. Gleich nach dem anfänglichen Schock wurden auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehungen angestrebt und erreicht. Heiraten fanden statt, Hilfe bei anfallenden Arbeiten wurde geleistet, Freundschaften wurden geschlossen. Die Vertriebenen traten Vereinen bei, nahmen am Dorfleben teil, gestalteten es mit. Als Vereinsvorstände, Gemeinderäte und im Alltag zeigten sie, daß sie gelernt haben, Kirrlacher zu sein.

Die Integration der "Flüchtlinge" hatte gerade begonnen (abgeschlossen ist sie bis heute nicht), als die Zuwanderung aus Südeuropa und Anatolien, später auch aus anderen Ländern und Kontinenten einsetzte, verstärkt durch Zuzüge aus allen Regionen der Bundesrepublik.

Nun ist es anders geworden.

Was sich bei der Integration der Vertriebenen bewährte, funktioniert nicht mehr, ist an seine Grenzen gestoßen. Kinder werden mit dem Schuleintritt zwar weiterhin Mitglied eines Jahrgangs und somit zu Kirrlachern, Erwachsene haben es jedoch schwerer. Die Anzahl der Zugezogenen im Dorf ist so groß geworden, daß es unmöglich ist, sie alle zu kennen. Nur diejenigen, die Beziehungen zu Kirrlachern aufbauen, die sich im Dorfleben engagieren, werden - sozusagen als Bestätigung dafür, daß sie das "Kirrlacher-Sein" angemessen gelernt haben - in einen Jahrgang aufgenommen.

Bei Zuwanderern aus anderen Ländern erschweren nicht nur Sprachprobleme das Entstehen von Alltagsbeziehungen. Mittlerweile leben im Dorf und in der Umgebung so viele Menschen aus deren eigener Kultur, daß die Zuwanderer die Einheimischen für soziale Kontakte nicht mehr benötigen. Sie müssen sich nicht mehr integrieren, können ihre gewohnte Lebensweise weiterführen. Ein Teil verweigert sich der Integration - nicht nur der eigenen, auch der der Kinder -, grenzt sich ab und erschwert dadurch auch die der Integrationsbereiten. Sie wollen keine "Kirrlacher" werden und zeigen das deutlich. So müssen sich die Töchter der einen ausgerechnet durch Kopftücher abgrenzen, deren Ablegen für Kirrlacher den Aufstieg vom armen Häusler- zum Industriedorf symbolisiert. Andere benutzen die Sprache oder andere Abgrenzungsmechanismen.

Einseitige, ungleiche Beziehungen treten auf. Die Kategorie der Zuwanderer, die sich weigern, "Gleiche" zu werden, ist entstanden. "Ungleiche" können sie jedoch nicht bleiben, denn diese Kategorie ist in Kirrlach bereits vergeben - an Einheiratende und Statushöhere. Die Kirrlacher sind mit Integrationsproblemen konfrontiert - und mit einem Identitätsproblem. Diese Zuwanderer wollen nämlich nicht nur keine "Kirrlacher" werden, sie ignorieren auch deren Existenz, indem sie sie als "Deutsche" bezeichnen, eine Kategorie, die für "Kirrlacher" im Ausland oder bei Fußballänderspielen wirksam ist, auf der Ebene des Dorfes jedoch keine Rolle spielt.

Eine Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts wird daran nichts ändern, sondern nur deutlich machen, daß eine Kluft zwischen den Kategorien des Dorfes und denen des Staates besteht. Kirrlacher leben Multikulturalität diachron (zeitlich versetzt), nicht synchron wie die Vertreter der Bürgergesellschaft fordern.

Identität wird nicht national konstruiert, sondern vor Ort

Wie Kirrlach haben auch alle anderen Mikrokosmen in der Bundesrepublik - und weltweit - diejenigen Vorgehensweisen für die Integration von Fremden ausgehandelt, die sie mit ihrer Identität vereinbaren können. Die damit verbundenen Prozesse benötigen Zeit und bewirken immer neue Änderungen. Was geändert wird, entscheidet sich im Diskurs zwischen den Akteuren am Ort, von oben verordnet werden kann es nicht. Zentral getroffene Entscheidungen, die nicht auf indigene Konzepte achten, können Integrationsprobleme noch verstärken.

Zu den Konzepten gehört, daß "Deutsche" ihre Identität eben nicht national, sondern lokal konstruieren, zumindest im Verständnis solcher Gemeinschaften wie der in Kirrlach - und solche gibt es viele. Hier werden nicht "Deutsche" geboren, sondern "Kirrlacher", "Wiesentaler", "Karlsruher", "Mannheimer" oder "Heidelberger" sozialisiert, und nur deshalb fallen sie in die übergeordnete Kategorie "Deutsche". Die lokale Verwurzelung ist die Voraussetzung des Deutschseins, und ohne sie wird jemand nicht als zugehörig empfunden, auch wenn er den deutschen Paß besitzt.

Lösungen sollten deshalb auf dieser lokalen Ebene gesucht werden. Eine Möglichkeit wäre es beispielsweise, das kommunale Bürgerrecht neu zu gestalten, wenn möglich sogar auf europäischer Ebene - als Voraussetzung für den Erwerb der Staatsangehörigkeit. Das Bürgerrecht könnte zum Beispiel in lokalen Volksabstimmungen erteilt werden. Ein Gedankenspiel, gewiß, und rechtlich vielleicht unmöglich. Gleichwohl: Die Integration beginnt im Mikrokosmos, nicht auf der fiktiven Ebene des Nationalen.

Die Autorin ist Ethnologin (Spezialgebiet: Südasien) und rückt demnächst für die SPD in den Stadtrat von Waghäusel nach