Drunten in den Ebenen von Indien und Pakistan finden zur Zeit laute Jubelfeiern zum Jahrestag der Atomversuche statt, die vor einem Jahr für die übrige Welt das Gespenst der Atombombe wiederauferstehen ließen. Droben in den kalten Bergen von Kaschmir ächzen derweil Militärkolonnen die steile Piste zwischen Srinagar und Leh hoch: Nachschub für die indische Armee. "Es wird nicht leicht sein, die von Pakistan unterstützten Eindringlinge zu verjagen", gibt Generalmajor J. J. Singh zu, "deshalb behalten wir uns nach wie vor eine angemessene militärische Reaktion vor." So wird die Öffentlichkeit auf eine längere Militäraktion vorbereitet.

Die "kriegsähnliche Situation", wie der Konflikt in Indien bezeichnet wird, die seit der vergangenen Woche durch den Einsatz der indischen Luftwaffe bedenklich eskaliert ist, dauert also an. Aber je länger sie sich hinzieht, desto mehr droht ein Alptraum: nuklearer Schlagabtausch zwischen den beiden Atommächten.

Sicherlich, weder Islamabad noch Delhi legen es darauf an. Statt dessen mahnen sie bei der jeweils anderen Seite Vernunft und Zurückhaltung an, und Indien verhält sich, mit Blick auf die beunruhigte internationale Szene, politisch überaus korrekt. "Wir werden nicht als erste zuschlagen", gab Premierminister Atal Behari Vajpayee zu Protokoll. Aber niemand hat vergessen, daß sein Innenminister L. K. Advani nach den indischen Atomversuchen Pakistan mit "neuen strategischen Realitäten" gedroht hat.

In einem Teil der Welt, wo Menschenleben wenig, Prestige und nationale Größe jedoch viel gelten, ist das Gleichgewicht des Schreckens nicht sicher. Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts gab es Vorwarnzeiten von über sechs Stunden, in denen zum Beispiel versehentlich abgeschossene Raketen unschädlich gemacht werden konnten. Zwischen Indien und Pakistan, die direkt aneinandergrenzen, bliebe dafür keine Zeit; auch funktionieren die Krisentelefone nicht immer.

Zudem wird der Konflikt in äußerst abgelegenen Regionen und in 3000 bis 6000 Meter Höhe ausgetragen. In den steilen Gebirgsregionen des Himalaya gibt es weder Infrastruktur noch unabhängige Beobachter. Und in Delhi ist nach dem Sturz der Regierung nur ein geschäftsführender Premier im Amt. Kein Parlament, das Militärs und Politiker kontrollieren könnte. Wer jetzt in Kaschmir das Sagen hat, ist unklar. Etwa die Generäle, die den Konflikt brauchen, um die Aufrüstung voranzutreiben? Oder Premier Vajpayee, der sich einiges einfallen lassen muß, wenn er im Oktober gegen Sonia Gandhi die Wahlen gewinnen will? Stärke zu demonstrieren, das kam schon immer gut an. Indira Gandhi bekam bereits vor 30 Jahren von allen Parteien immer dann den größten Beifall, wenn sie mit bebender Stimme im Parlament verkündete: "Und werden wir keinen Fußbreit indischen Bodens ..."

So denkt nicht nur die verhärtete Generation der Älteren, die sich noch an die Teilung des Subkontinents 1947 erinnert, mit einer Million Toten und 17 Millionen Vertriebenen, die drei Kriege gegen Pakistan (zwei davon wegen Kaschmir) miterlebt oder geführt haben. Auch die Nachkriegspolitikerin Benazir Bhutto, die sich selbst als liberal bezeichnet, erlebte immer dann ihre größten Triumphe, wenn sie emphatisch verkündete: "... und werden wir keinen Fußbreit pakistanischen Bodens ...", um sich dann auf dem höchsten Schlachtfeld der Erde, dem 6000 Meter hohen Siachen-Gletscher, in Militärmontur fotografieren zu lassen.

Gerade drei Monate sind seit der Umarmung der Premiers von Pakistan und Indien auf dem als historisch bezeichneten Gipfel von Lahore vergangen. Von einem Neuanfang war die Rede, von der Entschlossenheit, das Risiko konventioneller und atomarer Kriege zu verringern, von der Bereitschaft, alle Konflikte zwischen beiden Ländern zu lösen, auch, und das war neu, das Kaschmirproblem. Es hatte den Anschein, als dämmere es den Erzfeinden, daß ihr kostspieliger Rüstungswettlauf sie beide um Entwicklungschancen brachte. Aber nur wenige Tage später setzte eine neue Phase des Wettrüstens ein, diesmal mit dem Test von Trägerraketen für Atomsprengköpfe. Sollten die Chinesen wirklich mit ihrer Nuklear- und Raketentechnik auch in Amerika ausspionierte Blaupausen nach Islamabad geliefert haben, dann dürften die pakistanischen Waffen den indischen wohl überlegen sein.