Mit Heideggers Hauptwerk (1927) lebe ich seit fast einem halben Jahrhundert. Es war ein Leben im Wechsel von Attraktion und Repulsion. Der 18-Jährige las das Buch in einem Zug. An der Künstlichkeit einer Diktion, der keine Substantivierung unnatürlich genug, kein Bindestrichwort lang genug ist, nahm er keinen Anstoß. Entsprach dies immerhin seiner Ansicht, dass Philosophie sich ihre eigene Sprache erschaffen müsse, so stand seine apolitische Lektüre im Widerspruch zu seiner Überzeugung. Schon früh konfrontiert mit dem NS-Terror und militant engagiert gegen faschistoide Tendenzen, meinte er gleichwohl Heideggers Verunglimpfung demokratischer Öffentlichkeit, seine gegenaufklärerischen Invektiven gegen Vernunft, seinen an Kriegssehnsüchte appellierenden Entschlossenheitskult als unerheblich abtun zu dürfen.

Die gerechte Strafe war, dass sein blinder Glaube bald in einen ebenso irrationalen Widerwillen umschlug, den abzubauen auch dem älter Gewordenen nur mit Mühe gelang. Wieso halte ich Sein und Zeit gleichwohl für ein epochales Buch? Es ist nicht nur sprachlich und ideologisch fragwürdig, auch seine Schwächen liegen auf der Hand. Und ob seine mit nichts in der Philosophie vergleichbare Wirkung unbedingt ein Gütesiegel ist, kann man zumindest bezweifeln. Noch der geringste Mangel ist seine Unvollendetheit. Ursprünglich angezeigt als erste Hälfte, ist eine zweite nie erschienen. Aber auch die vorliegende besteht nur aus einem ersten Teil, dem kein zweiter folgt. Schlimmer ist, dass der Titel nicht hält, was er verspricht. Sein wird ausführlicher nur als das des "Daseins" Thema, des Seienden, das wir selbst sind, Zeit nur als eine, zu der die dem Dasein eigene "Zeitlichkeit" hypostasiert wird.

Allerdings hatte der Erfolg des Buches zwiespältige Gründe. Einerseits verdankte es ihn Strategien des Autors, die an dessen politischem Sündenfall nicht unbeteiligt waren. Dazu gehören sein bewusst eingesetztes Gespür für Zeitstimmungen und seine antiakademisch-revolutionäre Attitüde, die ihm immerhin erlaubte, das aus seinen wirklich unakademischen Quellen Geschöpfte dem gebildeten Bürgertum in theoretisierter Form darzureichen. Andererseits befriedigte es echte Bedürfnisse. Den von der Schulphilosophie Enttäuschten versprach es, die menschliche Existenz aus ihr selbst verständlich zu machen, ohne sie den Dingen zu entfremden, und den Philosophen selbst eröffnete es die Aussicht auf Nützlichkeit ohne Selbstpreisgabe, sei es durch eine Wissenschaftsbegründung, die ihnen keine Verwissenschaftlichung abfordert, sei es durch eine Fundierung religiöser Erfahrungen, die keine Religiosität beanspruchen muss.

Allein, der objektive Wert des Buchs deckt sich nicht unbedingt mit dem, den sein Verfasser ihm beimisst. Heidegger hielt sein vom Existenziellen angelocktes Publikum später dazu an, Sein und Zeit als davon nicht wesentlich berührte Ausarbeitung der Frage nach dem Sein zu lesen. Aber erstens besticht das Buch gerade dadurch, dass es die Seinsfrage an die Beschreibung von Daseinsvollzügen knüpft, und zweitens ist es am fruchtbarsten dort, wo es ein Drittes anvisiert zwischen dem existenziell sich verwirklichenden Dasein und dem Sein: die Welt, in der wir uns je schon befinden. Seine These über die erschließende Kraft der Stimmungen, in denen wir unser Sein inmitten der Welt zu fühlen bekommen, belegt keineswegs den Irrationalismus, den Lukács darin sah; sie beendet nur die in der westlichen Tradition fast unangefochtene Alleinherrschaft theoretischer Erkenntnis. Zudem ist sie eingebettet in einen Gesamtentwurf, der die in der Neuzeit fundamentalphilosophisch konzipierte Erkenntnislehre mit der antiken Fundamentalphilosophie, der Ontologie, auf dem Boden der letzteren vermittelt, indem er Sein, das insofern dann doch zum Thema wird, von unserem Seins verständnis her angeht. Epochal ist das Buch vor allem deswegen.

· Martin Heidegger: Sein und Zeit. Max Niemeyer, Tübingen 1993; 445 S., 39,- DM