In der Geschichte der Wissenschaft und des Geistes gibt es einige Prügelknaben; zu ihnen zählt der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709 bis 1751). Er behauptete: "Ziehen wir also die kühne Schlußfolgerung, daß der Mensch eine Maschine ist und daß es im ganzen Universum nur eine einzige Substanz - in unterschiedlicher Gestalt - gibt." Die Gleichung, wonach Tiere und Menschen "aufrecht kriechende Maschinen" sind, "die selbst ihre Triebfedern aufziehen", war nicht nur kühn, wie La Mettrie zugesteht, sie war in den Augen seiner Zeitgenossen, aber auch späterer Generationen eine Ungeheuerlichkeit, ein Angriff auf Vernunft, Geist, Seele, Moralität, Glück und Freiheit - kurz: auf alles, was uns lieb und teuer ist. Bei La Mettrie hörte selbst für den Freigeist Voltaire, sonst durchaus nicht um pietätlosen Spott verlegen, der Spaß auf. Er warf La Mettrie vor, "die Ketten der Tugend" und "die Bande der Gesellschaft" zu zerstören. Heute reagieren die meisten nicht minder empört auf La Mettries Gleichung Mensch = Maschine.

Mit der Indienstnahme der Wissenschaften für seine Maschinenanthropologie kam La Mettrie reichlich zu früh. Doch inzwischen scheinen es die Wissenschaften selbst zu sein, die La Mettries Gleichung zum Thema machen. Umso mehr müssen wir fragen: Ist sie tatsächlich ein Angriff auf Vernunft, Moralität, Freiheit und Glück? Sehen wir zu.

Die Wissenschaft arbeitet mit Modellen. Modelle machen das Wesentliche einer Sache auf einfache und übersichtliche Weise klar. Wenn die Naturwissenschaften menschliches Verhalten erklären, stützen sie sich auf ein besonders einfaches "neurokybernetisches" Modell, das folgendes besagt:

Da gibt es zunächst die Umwelt, in der jeder Mensch lebt und handelt. Zu dieser Umwelt tritt der Mensch mittels seiner Sinne in Kontakt. Von den Dingen und Ereignissen in der Umwelt gehen Signale aus, die schließlich die menschlichen Sinnesorgane erreichen und dort von spezifischen Sinneszellen registriert werden. Diese setzen die bei ihnen eintreffenden Signale in elektrochemische Impulse um. Die Impulse werden in das Gehirn übertragen und dort weiterverarbeitet. Daran sind sehr viele einzelne Nervenzellen beteiligt, die wiederum mit vielen anderen Nervenzellen verbunden sind. Man spricht deshalb auch von neuronalen Netzen. Die elektrochemischen Aktivitäten einer Nervenzelle wirken dabei verstärkend oder hemmend auf alle mit ihr direkt vernetzten Zellen ein - so entstehen und verändern sich im Gehirn fortwährend komplexe elektrochemische Aktivitätsmuster, in die schließlich auch solche Nervenzellen einbezogen werden, die aus dem Gehirn herausführen und ihrerseits Drüsen und Muskeln des Organismus aktivieren und steuern.

Durch die Aktivitäten dieser Bewegungs- oder Verhaltensorgane wird für einen äußeren Beobachter das sichtbare Verhalten eines Menschen physikalisch realisiert. Durch sein Verhalten wirkt jeder Mensch verändernd auf seine Umwelt ein, die ihrerseits auf den Menschen sensorisch zurückwirkt. Insbesondere registriert das Gehirn die durch das Verhalten ausgelösten Umweltveränderungen. Damit wird der Informationskreislauf geschlossen.

Für die Informationsverarbeitung im Gehirn hat die Wissenschaft eine Reihe mathematischer Maschinenmodelle entwickelt, die sich zum Teil künstlich nachbauen lassen, vor allem aber weitgehend auf Computern simuliert werden. Mit diesen Modellen lassen sich bereits etliche Verhaltensleistungen von Tieren und Menschen recht gut verstehen, ja in manchen Fällen sogar auf Maschinen erfolgreich nachahmen: Es ist inzwischen keineswegs mehr übertrieben, Roboter als "unsere nächsten Verwandten" zu bezeichnen.

Gewiss, vieles an der Informationsverarbeitung im Gehirn verstehen wir erst ansatzweise oder noch gar nicht. Gleichwohl ist die These plausibel: Menschliches Verhalten wird von einer informationsverarbeitenden Maschine, nämlich dem menschlichen Gehirn hervorgebracht und gesteuert.

So weit das Modell.

Es mag sinnvoll erscheinen, dennoch bleibt ein Aspekt ungemein irritierend: Menschen handeln nämlich