Frau Zuckermann hat es bequem. Sie fläzt sich im Sessel neben dem Kachelofen, schaut ernst und ein wenig kokett in die Kamera und sagt: "Ich bin die Aussterbende." Frau Zuckermann ist 90 Jahre alt. Jeden Abend bekommt sie Besuch von Herrn Zwilling, der ist 20 Jahre jünger und gehört ebenfalls zu den letzten noch im alten Czernowitz geborenen Juden. Sie nennt ihn "meinen Ritter mit dem traurigen Angesicht". Herr Zwilling, der Pessimist, bringt vom Tage die schlechten Nachrichten mit, und sie hält dagegen: Das Leben geht weiter. Es ist ein Spiel, ein Ritual, ein Wechselgesang. Herr Zwilling unterrichtet Chemie, Frau Zuckermann Englisch. Vor über 50 Jahren hat sie im Ghetto innerhalb weniger Tage ihre gesamte Familie verloren.

Besuch steht ins Haus, Volker Koepp und sein Team. Koepp, der Dokumentarist, bleibt im Off und stellt Fragen in seiner langsamen, kauzigen Art. Thomas Plenert, der Kameramann, erkundet die Gesichter der beiden und zieht, wenn er schwenkt, behutsam die Schärfe nach. So möchte man den Alten stundenlang zuhören, allein ihrer Sprache wegen, jener Melange aus Deutsch, Jiddisch und Wienerisch, das wohl niemand sonst auf der Welt noch benutzt. Und man möchte ihren Geschichten lauschen, Geschichten vom Glanz und Elend dieses Jahrhunderts, vom jüdischen Leben in Czernowitz, das einst zu Österreich-Ungarn gehörte, dann zu Rumänien, zu Deutschland, zur Sowjetunion und nun zur Ukraine. Am Treppengeländer des jüdischen Hauses haben die Russen die Zacken der Davidsterne abgeschlagen. Jetzt sind sie wieder angeschweißt. Nur ein paar kaputte Sterne erinnern noch an die Zeit der Vernichtung. 55 Synagogen gab es einmal in der ehemaligen bukowinischen Hauptstadt.

"Kommen Sie näher!", fordert auch Rosa Liebermann aus dem Dorf Waschkautz die Zaungäste auf. Ein greises Weiblein, das sechs Sprachen beherrscht. Auf dem Friedhof mit den krummen, verwitterten Grabsteinen beweint sie ihr Väterchen, und sie erlaubt uns, ihr dabei zuzusehen. So wie Volker Koepp die Gesichter der Alten besichtigt, erkundet er Orte und Landschaften, die schwarze Erde der ukrainischen Felder und die k. u. k. Architektur von Czernowitz, das Krankenhaus, das Bauernfest, die jüdische Schule und die Synagoge. Niemals mischt der Filmemacher sich ein. Er tritt auf als stiller, gern geduldeter Gast, als Fußgänger mit Langmut und Neugier im Reisegepäck, der wohltuend verlegen bleibt ob der eigenen Indiskretion. So entdeckt er auf seiner Zeitreise mitten in die Gegenwart einer angeblich versunkenen Welt jenes Land, das die Historiker Mitteleuropa nennen. "Es leben Menschen dort", sagt Volker Koepp. "Über sie kann man nicht sagen, dass sie versunken sind. Sie sind da."

Kommen Sie näher! Vom Recorder erklingt Paul Celans Stimme, Mohn und Gedächtnis, die berühmten Verse des bukowinischen Dichters. Frau Zuckermann zitiert Heine, Rilke und François Villon, ihre literarischen Gefährten und Zeitgenossen. Zuletzt hat sie eine Celan-Kassette an einen Tokyoter Professor geschickt. Seit sieben Monaten wartet sie auf die Rente, ihr jüngster Schüler bringt zum Unterricht Kekse, Tee und Zitronen mit. In der Synagoge klingelt das Handy, als die alten Männer auf wackeligen Leitern die Leuchtziffern auswechseln, pünktlich zum jüdischen Jahreswechsel.

Und zum Abschied gratuliert Rosa Roth-Zuckermann den Gästen aus Deutschland zum neuen Bundeskanzler. Man möchte dabei sein, wenn sie in diesen Tagen mit Herrn Zwilling vor dem Fernseher sitzt und sich ihren Reim auf den Kosovo-Krieg macht.