Will man etwas über seine Mitmenschen erfahren, gibt es zwei Möglichkeiten, sich zu informieren. Da sind erstens die Talkshows am Nachmittag, in denen Nachbarn erzählen, dass und wie sie Tisch und Bett mit einem rosa Schwein teilen, oder warum es ihnen Spass macht, von ihrer Frau verprügelt zu werden.

Die andere Möglichkeit ist die Volksbefragung der üblichen Art: Wer sollte nach Ihrer Meinung Bundespräsident werden, a) ein Deutscher von echtem Schrot und Korn, b) ein in Deutschland lebender Afrikaner mit dem Nobelpreis für Literatur oder c) ein Schäferhund?

Alles weitere sind marginale Themen, unter denen die Essgewohnheiten nur als winzige Nebensache erscheinen. Ohnehin weiß man, was Deutsche am liebsten mögen: rosa Schweine und Schäferhunde.

Doch es gibt immer ein paar hartnäckige Journalisten, die wollen Genaueres erfahren. Also fragte das Magazin der Süddeutschen Zeitung vor einiger Zeit 216 Menschen, was diese an einem normalen Tag des Jahres 1999 bewegt hat. Die Auskunft sollte kurz und bündig sein. Die Auswertung der eingereichten Antworten ergab, dass viele jüngere Menschen von ihren Kleinkindern bewegt werden, während Rentner auch schon mal an Mallorca denken. Beides überrascht nicht. Bemerkenswert fand ich hingegen, dass niemand dabei war, dem es Spaß macht, von seiner Frau verprügelt zu werden. Schließlich konzentrierte ich mich - weil mich ohnehin nichts anderes interessiert - auf die Auskünfte zum Thema Essen. Doch es gab so gut wie keine. Lediglich eine junge Dame namens Kathrin bekannte, sie habe soeben wunderbar gegessen: Ein halbes Grillhähnchen mit Aldi-Kroketten ... Es war ein bisschen fett, aber bis jetzt geht es mir noch gut. Kathrin!

Die einzige andere Auskunft über das kulinarische Leben von 216 befragten Bürgern bestand aus dem Rezept eines 39-jährigen Angestellten. Ein Rezept ohne Kommentar.

Hier ist es: Marinieren Sie vier Hühnerbrustfilets in 1/2 l Wasser, 1 EL Salz, 1 TL Zucker, Knoblauch, Thymian, Pfefferkörnern, Korianderkörnern und 1/2 Lorbeerblatt (1 Tag kalt stellen). Kochen Sie 2 dünnblättrig geschnittene Kohlrabi in 1/4 l Sahne und Salz fünf Minuten. Sieden Sie die Filets in der Marinade (7 Minuten ab Aufkochen). Kochen Sie je einen Schöpfer Marinade und Kohlrabiobers mit Safran - etwas Stärke, Salz, Pfeffer.

Wenden wir uns also dem Rezept des Menschen zu, der als einziger unter 216 seinesgleichen konstruktiv an etwas Essbares dachte, als die Frage an ihn erging. Das allein kennzeichnet ihn als Individualisten. Dieser Eindruck wird verstärkt durch seine Anweisung, die vier Hühnerbrustfilets (das sind die ausgelösten und hautfreien Brusthälften von zwei Hühnern) in Wasser zu marinieren. Warum Wasser, junger Mann? Vielleicht wohnt er in Wien, wo das Wasser bekanntlich besser schmeckt als der Kaffee in Leipzig. Vielleicht aber hat er die segensreiche Funktion des Sherrys in der Hühnerküche noch nicht entdeckt. Nicht jeder wird als Bocuse geboren.