Lange Zeit schien über der Thomas-Mann-Biografie ein Pharaonenfluch zu liegen - wer sich ins Königsgrab vorgewagt hatte, wurde vor Abschluss der Arbeit hinweggerafft. Peter de Mendelssohn kam im ersten Teil seines Zauberers bis 1918 und starb, bevor er den zweiten Band beenden konnte; Richard Winston, der gefährlich spät begonnen hatte, gelangte nur bis 1911. Erst vor kurzem scheint sich der Bann gelöst zu haben; der Fluch hat seine Kraft verloren, und die Nachfolger beenden ihre Biografien in Scharen: vor vier Jahren, nach Jahrzehnten der Stille, Klaus Harpprecht und Donald A. Prater und jetzt auch Hermann Kurzke, Germanist und ausgewiesener Kenner, mit 650 Seiten Das Leben als Kunstwerk .

Ist sie das endlich, die gültige Mann-Biografie? Sie ist es fast, sie hätte es werden können, und jedenfalls ist sie von den fünfen mit Abstand die beste. So recht gelungen war keine davor; Mendelssohn war blind für die Schwächen, die andern myop für die Stärken; Winston wollte Thomas Mann die Knaben ausreden und Harpprecht die Politik, Prater, der britische Diplomat, hatte nicht mehr als Hobbyinteresse für die Literatur.

Wichtiger aber als die Kenntnisse, die Kurzke seinen Vorgängern voraus hat, ist seine Haltung. Kurzke hadert nicht mit dem Mann wie Harpprecht und verhimmelt ihn nicht wie Mendelssohn; er nimmt ihn ernst in seinem Leidensgrund und sieht ihm dennoch nicht alles nach; er verzichtet aufs billige Besserwissen und ist nach allen Seiten gerecht. Ein faireres, nobleres Bild von Thomas Mann wird man nicht finden. "Er stolperte zwischen verfilztem Wurzelwerk herum, wo wir Spätgeborenen erst den ganzen verhexten Wald erkennen" - das ist genauso wahr, über Manns erste Jahre im Exil gesprochen, wie Kurzkes Abwehr des Antisemitismusvorwurfs, die wiederum genauso richtig ist wie sein Urteil über den Autor der Betrachtungen , der nicht in der Lage gewesen sei, eine geschichtliche Erscheinung einigermaßen objektiv aus ihren eigenen Voraussetzungen aufzufassen: "Er bezog alles auf sich." Mehr ist dazu nicht zu sagen, und Kurzke, knorrig, knapp und im Stil eher an Golo als an Thomas Mann geschult, wird nicht lange promovieren über etwas, was sich auch mit drei Worten fassen lässt.

Das Knappe ist stilbildend für das ganze Buch, das nicht in einem langen geschwungenen Bogen gehalten ist, sondern in hundert kleine Arkaden zerfällt. Kurzke erzählt nicht ein Leben wie Richard Ellmann in seinem Joyce , George Painter in der Proust- oder Brian Boyd in seiner Nabokov-Biografie. Kurzke handelt einzelne Themen ab: Konservative Revolution , Zur jüdischen Frage , Dienstboten , Ein Trost: Hunde . Alles Üppige, Epische, kaminfeuerhaft Gemütliche fehlt diesem Lebensbuch, das ehrlicherweise erst gar nicht versucht, die harten Übergänge von einem Kapitelchen zum nächsten musikalisch-rhetorisch zu schmeidigen. Man kann dieses Karge bedauern, muss aber sehen, dass Kurzke der letzte einer Reihe ist, die Mendelssohn nun gerade episch genug begonnen hatte.

Bei allen Unterschieden gibt es doch eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen Kurzke und dem Painter der Proust-Biografie. Painter hat den in vielen Lichtern glitzernden, gemächlich dahinrollenden Strom seiner Lebenserzählung in ein ganz schlichtes Bett gesetzt. Wie der alte Cato immer wieder gern auf Karthago kam, kommt Painter nach allen farbigen Abschweifungen immer wieder auf ein psychomythologisches Sprüchlein zurück, eine alles erklärende dramatische Urgeschichte, in der eine übergute Mutter ihren Marcel in die Sündenstädte der Ebene verbannt. Kurzke bewertet zwar den Sodom-Komplex nicht so tantenhaft wie der Proust-Biograf, aber sein Ceterum Censeo ist dem Painterschen nicht unähnlich. Auch bei ihm gibt es immer wieder nur das eine, das doppelt ist: Vater- oder Mutterrecht und Thomas Mann als lebenslang schwankendes Kind dazwischen.

Vaterrecht ist Ehe, Mutterrecht bedeutet Inzest

Alles unterliegt dieser zweigeteilten Ordnung: Vaterrecht ist Bürgerlichkeit und Ehe, Mutterrecht bedeutet Inzest, Knabenliebe und Musik. Krieg ist Gehorsam, Ordnung und Vaterrecht, aber Soldaten-Eros und Entgrenzung geben ihm die süßen Weihen des Mutterrechts, weshalb Thomas Mann darauf hereinfallen muss wie auf ein lang erträumtes "Drittes Reich".