Wenn der Deutsche Bundestag am Freitag der kommenden Woche über die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals entscheidet, läuft er Gefahr, nicht nur nach zehnjähriger Diskussion einen schwieri- gen vergangenheitspolitischen Programmpunkt abzuhaken. Ungewollt wie unbewusst könnte er etwas beschließen, was mit Martin Walsers Worten (aber wohl gegen seine Intentionen) ein "Monument unserer Schande" zu nennen wäre. Oder, unter Verwendung einer Formulierung von Ralph Giordano, ein Monument der "zweiten Schuld".

Das nämlich wäre das Mahnmal, wenn es errichtet wird, es künftig aber bei der jämmerlichen finanziellen Ausstattung der Gedenkstätten an den Orten des Mordes bleibt und wenn es nicht in Kürze zu einer akzeptablen Regelung der Entschädigungszahlungen an die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter kommt.

Keiner der sechs dem Bundestag vorliegenden Anträge sieht eine Koppelung von Mahnmalbau, Gedenkstättenfinanzierung und überfälliger Entschädigungsgesetzgebung vor. Dies dürfte an einem Umstand liegen, der in der bisherigen Debatte meines Wissens fast keine Rolle gespielt hat: dass nämlich die emotionelle Grundlage der Entscheidung für das Mahnmal gänzlich unklar geblieben ist.

Man kann das an den Diskussionsbeiträgen der letzten Jahre ebenso erkennen wie an den Begründungen der vorliegenden Anträge. Stets geht es um die Frage, was und in welcher Weise das Mahnmal vermitteln könne (im Extrem: didaktisch bewirken) - und nicht: was wir damit sagen wollen . Denk- oder Mahnmale eignen sich notorisch nicht dafür, irgendwelche Einsichten zu vermitteln, sondern sind Demonstrationen kollektiver Emotionen - traditionellerweise Siegesgefühle, Patriotismus, Heldenverehrung, Trauer. Aus dem Gefühl, dem Ausdruck gegeben werden soll, ergibt sich die Formensprache des Denk- oder Mahnmals.

Über die emotionelle Grundlage eines "Holocaust-Mahnmals" haben sich weder der ursprüngliche Initiativkreis noch diejenigen, die die Ausschreibungstexte formuliert haben, zureichend Rechenschaft gegeben und auch kaum einer von denen, die sich an der Debatte beteiligt haben. Sowohl die extreme Heterogenität der Entwürfe zeigt das wie die sinnlose Diskussion darüber, ob das Mahnmal in dieser oder jener Form dem Verbrechen selbst "gerecht werden" beziehungsweise es "adäquat ausdrücken" könne - was ein Mahnmal auch bei Verbrechen geringerer Dimension nie kann (und auch kein Kunstwerk , Guernica inklusive, jemals kann) - und wozu es auch gar nicht da ist.

Wenn man etwa von dem Vietnam-Memorial in Washington als einem Musterbeispiel für gelungene Mahnmal-Architektur spricht, so liegt das nicht etwa daran, dass dieses Mahnmal dem Ereignis "Vietnamkrieg" in irgendeiner Weise gerecht würde, sondern daran, dass es eine eindeutige emotionelle Reaktion - Trauer - auf eine den Besucher des Mahnmals einschließende Weise unmissverständlich zum Ausdruck bringt.

Die Frage, wem das Berliner Mahnmal gewidmet sein soll, hängt unmittelbar mit der Frage nach der den Akt einer Mahnmalstiftung fundierenden Emotion zusammen. Wäre es Trauer? Trauer ist ohne Identifikation nicht zu haben, und diese Identifikation ist prekär. Denn sie tendiert dazu, die Unterschiede zu verdecken oder zu verleugnen zwischen denen, die zu der Bevölkerungsgruppe gehören, aus der die Täter kamen, und denen, die zu den Gruppen gehören, aus denen die kamen, die Opfer wurden oder diesem Schicksal entkommen sind. Und damit wird auch die unterschiedliche Emotionalität der beiden Gruppen geleugnet, die sich eben nicht auf die Abstraktion "Mensch" bezieht.

Wäre Trauer die Emotion, der Ausdruck verliehen werden sollte, müsste jeder Opfergruppe ein Mahnmal errichtet werden. Die Formensprache des jeweiligen Mahnmals müssten die Gruppen selbst wählen, wie der Historiker Reinhart Koselleck es einmal vorgeschlagen hat. Die Mehrheit der deutschen Gesellschaft, die nicht zu den Nachkommen der Ermordeten zählt, hätte damit eine Geste des Respekts vor der Trauer der anderen gezeigt - und in dieser Geste sich eine zulässige, weil in der Distanz den Takt wahrende Teilnahme an dieser Trauer ermöglicht.

Maxim Biller hat im ZEITmagazin die Tendenz zur (um dann doch einmal Hermann Lübbe zu zitieren) "sündenstolzen" Monumentalität der Mahnmalentwürfe mit einer Empfehlung beantwortet: Man möge sich auf eine Inschrift "Es tut uns leid" beschränken. Dass seine Glosse so provokativ wirkte, lag nicht an der bekannten polemischen Manier des Verfassers, sondern an der Treffsicherheit der Bemerkung. Der gesamte Diskussions- und Entscheidungsprozess war ein Vagabundieren des Problems durch die Instanzen und zeigt, dass die Emotion der Trauer einfach nicht in zureichendem Maße vorhanden ist, um als Grundlage für irgendetwas dienen zu können.

Aber welches Gefühl wäre eine legitime und realistisch mögliche Grundlage? Schuldempfinden? Kaum. Hier wäre dann gleich von der Transformation von Schuld in Verantwortung zu sprechen, um nicht missverstanden zu werden. Aber die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, zeigt man nicht mit Mahnmalen, sondern in seinen Handlungen. Scham? Scham ist keine ausstellungsfähige Emotion. Ich wüsste nur den Schrecken zu nennen. Den Schrecken über das, was der Historiker Dan Diner den Zivilisationsbruch genannt hat. Das Erschrecken verbindet die Nachkommen der Täter und die der Opfer in anderer Weise als die Trauer. Ein Mahnmal, das Ausdruck des Schocks über den Zivilisationsbruch wäre, ein Mahnmal - ein "Schandmal" (Koselleck) -, das an die Tat und die Täter erinnert: Ein solches Mahnmal könnte auch alle Opfergruppen gemeinsam nennen.

Überzeugend war meines Erachtens die Idee des Bremer Künstlers Werner Sünkenberg, vorgeschlagen schon vor der Ausschreibung des ersten Wettbewerbs: eine begehbare Karte Europas, auf der jedes Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager mit einer Stele repräsentiert sein sollte. Jede Stele sollte über die Zahl der Ermordeten, ihre Herkunft, ihre Zuordnung zu Gruppen, Datum von Gründung und Befreiung, Anzahl der Bewacher et cetera informieren. Ein ganz anderer, ebenso einleuchtender Vorschlag ist im letzten Jahr von dem Historiker Saul Friedländer gemacht worden: die Biografien einiger ermordeter Kinder stellvertretend für das gesamte Verbrechen in eine Steinplatte zu gravieren.

Es wären andere Ideen denkbar - aber der Zeitpunkt, noch einmal ganz neu nachzudenken, ist verstrichen. Probleme verändern sich im Laufe der Zeit. Eine nochmalige Verschiebung der Entscheidung wäre - anders als vor ein paar Jahren - eine symbolische Ablehnung des Vorhabens selber, zumal wenn ein solcher Vorschlag von Menschen gemacht wird oder würde, die sich an der bisherigen Diskussion nicht substanziell beteiligt haben.

So muss denn also entschieden werden zwischen dem Entwurf von Peter Eisenman und dem Vorschlag des SPD-Politikers Richard Schröder, das Mahnmal auszuführen in Form eines Schriftzuges "Du sollst nicht töten!" respektive "Nicht morden!" in hebräischer Sprache oder auch in anderen Sprachen. Das ihn vor allem stützende Argument, bei einem Schriftzug lasse sich doch, anders als bei einer abstrakten ästhetischen Komposition, etwas denken, erscheint mir albern. Als wären die nationalsozialistischen Massenmorde begangen worden, weil die Mörder irgendwann einmal das betreffende Gebot vergessen hätten, weshalb man es nun in Großbuchstaben aufstellt, um so einer weiteren diesbezüglichen Vergesslichkeit vorzubeugen. Eine derartige anthropologische, historische oder psychologische Naivität wäre schon früher befremdlich gewesen - nach Auschwitz ist sie nicht mehr statthaft.

Die Wahl der allgemeinsten Form der Mahnung, seine Mitmenschen am Leben zu lassen, eine Mahnung, die sich übrigens auch gut an Autobahnbrücken ausmachen würde, verfehlt nicht nur, sondern dementiert geradezu die Besonderheit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Sie führte damit das Projekt des Holocaust-Mahnmals nicht nur in defizitärer und kritisierbarer Form aus, sondern wäre das Denkmal gewordene Dementi des Vorhabens selbst.

Eine Entscheidung für den Entwurf von Peter Eisenman (mit oder ohne Anbau) wäre, da es aus genannten Gründen zu einer Entscheidung kommen muss, obwohl es zu einer anderen als unzureichenden Lösung nicht mehr kommen kann, denn doch erträglich - wenn es zu den am Anfang des Artikels genannten, die Gedenkstättenfinanzierung und die Entschädigungsgesetzgebung betreffenden Entscheidungen in Kürze kommt. Ohne sie wäre auch ein Votum für den Eisenman-Entwurf ein - wenn auch nicht so plakatives - Dementi der Intention.