Die Liebe des Piraten – Seite 1

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist alles andere als provinziell. Viele AutorInnen sind bis in die fernsten Winkel der Erde gereist, um sich den sprichwörtlichen Wind um die Nase wehen zu lassen, und haben in Reportagen, Tagebüchern und Dichtungen ihre Eindrücke aus der Fremde publiziert. Ermuntert wurden sie zu den Exkursionen nicht selten durch ausländische KollegInnen. Unser Lesehorizont wäre enger, hätte es zum Beispiel keinen Südamerika- und Afrika-Reisenden wie Hubert Fichte gegeben, wären der Haiti-Kenner Hans Christoph Buch, der Indienfahrer Günter Grass oder die von Puerto Rico verzauberte Angelika Mechtel zu Hause geblieben.

Mechtels vielfältiges dichterisches Werk ist geprägt durch Erfahrungen der studentisch bewegten und feministisch engagierten Generation. Vor sechs Jahren veröffentlichte sie (gemeinsam mit Gerd E. Hoffmann) das Reisebuch Tropenzeit. Darin erzählt sie von wiederholten Besuchen in Puerto Rico, einer der westindischen Inseln in der Nachbarschaft der Dominikanischen Republik beziehungsweise Haitis. Es ist ein Dokument postkolonialer Kritik, in dem sie, ausgehend von persönlichen Erlebnissen im Alltag, über die puertoricanische Multikultur nachdenkt, über indianische, afrikanische, spanische und US-amerikanische Identitäten und ihre Mischungen. Puerto Rico wurde zur zweiten Heimat der Kölner Schriftstellerin, und die Bucht von Boqueron ist ihr mittlerweile so vertraut wie die Promenade am Rheinufer.

Für Das kurze heldenhafte Leben des Don Roberto hat die Autorin die Form des historischen Romans gewählt. Das ist eine seit Umberto Ecos Der Name der Rose favorisierte Gattung der literarischen Postmoderne. Charakteristisch für postmoderne Kunst ist unter anderem die Mischung der Ebenen des Elitären und Populären. Mechtels neues Buch steht in der Tradition des solide recherchierten, seine Quellen zitierenden Geschichtsromans; aber gleichzeitig verachtet die Autorin keineswegs die Requisiten und Handlungselemente der Massenliteratur. Wie in jedem Piratenroman kommen randgefüllte Schatzkisten, sagenumwobene Verstecke, fabelhaft schnelle Segelschiffe, brutale Schlägereien, Duelle auf Leben und Tod und durchschaubare Intrigen vor. Der Flirt mit dem Trivialen bleibt stilistisch nicht ganz ohne Folgen. Zuweilen fallen die Beschreibungen klischeehaft aus, etwa wenn wir erfahren, dass der Busen einer Dienerin oder der Penis eines Matrosen "von beachtlichem Format" sind. Beim Lesen fühlt man sich manchmal in jene frühen Jahre versetzt, als man mit roten Ohren die Geschichten über verwegene Korsaren wie Francis Drake, Käpt'n Kid und Henry Morgan verschlang oder sich mit Lord Byrons The Corsair beziehungsweise Daniel Defoes Captain Singleton auf die hohe See anspruchsvollerer Piratenliteratur wagte. Auf diese Freibeuter aus legendärer Geschichte und historischer Legende wird in Mechtels Roman öfters angespielt. Der Titelheld Don Roberto Cofresi wächst in einer Umgebung auf, in der Piratenschmöker der niederen und gehobeneren Klasse die Rolle von Bildungsromanen übernommen haben. Don Roberto ist ein Mann Anfang Dreißig, der in die Fußstapfen des verstorbenen Vaters, eines erfolgreichen puertoricanischen Freibeuters, treten will und von dauerndem Ruhm und raschem Reichtum träumt.

Man schreibt das Jahr 1823. Nach den Friedensvereinbarungen auf dem Wiener Kongreß beginnen die europäischen Monarchien, das Freibeutertum zu ächten. Bis dahin hatten einige Familien (wie die Cofresis) in der spanischen Kolonie Puerto Rico das königlich verbriefte Recht, Schiffe anderer Nationen zu kapern. Nun jedoch droht Cofresi junior arbeitslos zu werden, denn außer der Piraterie bietet die Insel ehrgeizigen jungen Leuten wenig Entfaltungsmöglichkeiten. War das Freibeutertum bis gestern patriotische Pflicht, belegt man es nun mit der Todesstrafe. Mechtel verdeutlicht die sozialen und psychischen Auswirkungen einer plötzlich veränderten Machtkonfiguration. Don Roberto wird zum unzeitgemäßen Helden, als er ohne staatliche Legitimation das Kapern weiterbetreibt. Das kann schon deswegen nicht gut gehen, weil der einflussreiche Nachbarstaat USA die Gefährdung seiner wirtschaftlichen Interessen nicht duldet. Der amerikanische Konsul in der Hauptstadt San Juan übt Druck auf die lethargischen Behörden der Insel aus. Nach zwei Jahren ist der Pirat mit Hilfe der US-Marine zur Strecke gebracht. 1825 wird Don Roberto mit seiner Mannschaft gefangengenommen und von einem puertoricanischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt - da hilft es auch nicht, dass der romantisch-edle Korsar beim Plündern der Schiffe das Leben seiner Opfer immer geschont hat.

Das kurze heldenhafte Leben des Don Roberto ist mehr als ein unterhaltsames Abenteuerbuch; es ist auch ein packender Liebes- und Gesellschaftsroman. An erotischen Verwicklungen hat es in der Romanhandlung keinen Mangel. Robertos Neigung gehört seiner Frau, der pragmatischen Anna, aber sein sexuelles Begehren ist auf ihre Schwester Juana gerichtet, die genussvoll geschlechtsspezifische Konventionen missachtet und gesellschaftliche Tabus bricht. Juana ihrerseits fühlt sich Don Roberto seelen- und wahlverwandt. Die Hierarchie der Kolonialgesellschaft, in der Spanier, Kreolen, Nachkommen der Arawak-Indianer und Afrikaner ganz unterschiedlich platziert sind, wird so differenziert wie nuanciert geschildert. Das gilt auch für die politische Abhängigkeit vom spanischen Mutterland und den übrigen seefahrenden Mächten, besonders den USA. Hier wird Vergangenheit als Vorgeschichte der Gegenwart erkennbar. Auch Nebenfiguren wie die selbstbewusste Plantagenbesitzerin Doña Cornelia Bey, die Hure und Heilerin Pastelita oder der kleine, von allen durchschaute Spion Joaquin Arroyo sind gekonnt profiliert. Zudem ist das Buch mit seinen Naturschilderungen der Karibischen See, des tropischen Wetters im tages- und jahreszeitlichen Wechsel sowie der Flora und Fauna der Insel geeignet, uns hinzulocken in die Welt der Antillen, um mit Juana Mangofrüchte zu genießen oder uns auszuruhen unter Annas Kalebassenbaum.

Angelika Mechtel:

Das kurze heldenhafte Leben des Don Roberto

Die Liebe des Piraten – Seite 2

Ein karibischer Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999; 431 S., 39,80 DM