Seit der Mensch anfing, über den erbeuteten Mammutknochen hinaus zu denken, hat das Milieu, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht, sein brennendes Interesse erregt, ein Interesse, das inzwischen einen eigenen Literaturzweig am Leben erhält. Früher gefürchtet, werden sie heute nur noch geliebt, die Zauberer und Hexen, Elfen und Zwerge, Elementargeister und mythischen Ungeheuer, von denen immer neue Geschichten zu erfahren unsere so nüchtern gewordene Welt nicht satt werden will.

Bücher aus dem treffenden Milieu dürfen daher mehr denn je mit freundlicher Aufnahme rechnen. Selten freilich reizt das Angebot zu Luftsprüngen der Begeisterung, und wenn die Damen aus Britannien nicht wären ... Denn fest steht, dass die Spitzenreiter der Branche von jenseits des Kanals kommen, und es sieht nicht so aus, als ob sich das in nächster Zeit ändern würde. Nicht, seit letzten Herbst der Zauberlehrling Harry Potter alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Oder verhexte, um im Bild zu bleiben. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass selbst erwachsene Leser, die so unvorsichtig waren, die ersten Seiten anzuschmökern, in den magischen Sog der Vorgänge gerieten, häusliche Pflichten auf ein Minimum reduzierten, um sich lieber wieder in die Intrigen an der Zaubererschule Hogwarts zu stürzen.

Joanne Rowling, deren bannender und funkensprühender Erzählkunst das Vergnügen zu danken ist, hat Harry Potters Schulzeit auf insgesamt fünf Jahre angelegt. Um nicht lange um den Brei herumzureden: Der zweite Band ist übersetzt! Und keine Spur von wegen narrativer Ermüdung, wie sie einen leider so oft an dem Autor abgepressten zweiten Aufgüssen geärgert und betrübt hat. Freudiges Wiedertreffen mit Harrys alten Freunden und ebensolches mit seinen alten Feinden, ohne die es keinen Spaß machen würde. Neue skurrile Figuren mischen die Handlung auf, wie zum Beispiel Professor Gilderoy Lockhart, Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, oder die Maulende Myrte, der Geist einer ehemaligen Schülerin, die auch nach ihrem Ableben dort spukt, wo sie sich während ihrer Schulzeit am häufigsten heulend aufhielt: in der Kabine eines (nunmehr gemiedenen) Mädchenklos.

Kein Spektakel wäre vollkommen, bekäme man nicht zum Schluss den guten alten Zweikampf Kasper gegen Krokodil. So stellt sich auch Held Harry, wie schon im ersten Band, abermals der Macht des absolut Bösen. Und nur hier, im Eifer des finalen Hart-auf-Hart, geht es bisweilen mit der Autorin durch: wenn Harry mit der einen Hand nach seinem fallen gelassenen Zauberstab greift, mit der anderen den berühmten Sprechenden Hut rettet, mit der dritten das Schwert aus dem Rachen des Basilisken zieht, während er mit der vierten das ominöse Tagebuch birgt, in welchem das Böse sich manifestiert hatte. Wer wollte ihm die kleine Anleihe bei Shiva missgönnen, Hauptsache, der bleibt uns erhalten für die drei noch ausstehenden Schuljahre!

In England existieren, wie man hört, zwei unterschiedliche Schutzumschläge für die Harry Potters - einer für die Kinderbuch- und einer für die Erwachsenenabteilung. Nachmachen! Nachmachen!

Joanne K. Rowling: Harry Potter und die Kammer des Schreckens Aus dem Englischen von Klaus Fritz; Carlsen Verlag, Hamburg 1999; 352 S., 26,- DM