Über den Wolken ...

Millionen Pauschalurlauber werden in der bevorstehenden Hochsaison noch vor dem Start in die Luft gehen. Auf überfüllten Flughäfen werden überforderte Angestellte der Fluggesellschaften überhitzte Passagiere mit Getränkegutscheinen abzukühlen versuchen. Wohl dem, der für die vier- oder achtstündige Verspätung seiner Maschine in weiser Voraussicht den Beckett-Klassiker Warten auf Godot ins Handgepäck legt. Wenn alle gleichzeitig mobil machen, droht der allgemeine Stillstand. Alle schimpfen, aber alle gehören dazu.

"Die Leute wollen alle am Wochenende in den Urlaub starten", sagt Helge-Ingo Franz am Frankfurter Flughafen. Für den stellvertretenden Leiter der Condor-Verkehrszentrale heißt das: Freitags, samstags und sonntags müssen er und seine Bodencrew den 42 Maschinen mit der gelben Heckflosse einen Flugplan stricken, der angesichts des Gedränges auf den Rollfeldern und in der Luft praktisch nicht einzuhalten ist.

Er verfügt über Statistiken der internationalen Luftverkehrsvereinigung IATA, wonach sich im Mai die Verspätungen im europäischen Luftverkehr auf sechs Millionen Minuten addierten - mehr als doppelt so viele wie im selben Zeitraum 1998. Dabei ist der Mai im Charterverkehr ein eher schwacher Monat, doch im Juli und August kommt es knüppeldick. "Es wird schlimmer als im vergangenen Sommer", prognostiziert Franz. Aus gutem Grund: Die Buchungszahlen der Reiseveranstalter lassen auf einen Rekordsommer schließen, die Fluggesellschaften haben neue Maschinen geordert, nur der Himmel über Europa bleibt so eng, wie er immer war.

Er wird verwaltet von Eurocontrol in Brüssel. Die EU-Flugsicherungszentrale soll den Verkehr auf den Luftstraßen ans Mittelmeer regeln. Doch wenn die Condor und all die anderen Fluggesellschaften ihre Luftflotten gleichzeitig nach Mallorca, Mykonos und Mauritius schicken wollen, weiß der Großrechner in Brüssel keinen Ausweg mehr. Dann bleiben startbereite Maschinen mit Hunderten genervter Urlauber oft eine oder auch zwei Stunden am Boden stehen. "Eurocontrol ist die reine Mängelverwaltung", klagt Helge-Ingo Franz. "Die Fluggesellschaften zahlen dafür eine Menge Geld und bekommen ein schlechtes Produkt."

Allerdings kann Eurocontrol nur so viele Slots verteilen, wie ihr von den nationalen Flugsicherungen zur Verfügung gestellt werden. Auf den Rennstrecken Richtung Spanien gelten vor allem die Schweiz und der Luftraum über Marseille als berüchtigte Nadelöhre, durch die sich die Flugzeuge quälen müssen wie der Straßenverkehr vor einer Baustellenampel. Franz: "Ich werfe den ausländischen Verkehrsministern vor, nicht genügend in die Flugsicherung zu investieren."

Schon frühmorgens ist Uniform India eine halbe Stunde hinter dem Plan

Drei Stunden bevor die Boeing 767 mit dem Kürzel "Uniform India" in Köln Richtung Mallorca am Freitag früh um 5.30 Uhr abheben soll, hat die Nachtschicht der Condor-Verkehrszentrale bei der EU-Flugsicherung den Flug DE 5568 beantragt. Tatsächlich hebt Uniform India aber erst kurz nach sechs in Köln ab - schon am frühen Morgen eine halbe Stunde hinter ihrem Plan. "Das ist an diesem Tag nicht mehr aufzuholen. Die Verspätung schaukelt sich sogar hoch", sagt die Flugdienstberaterin Annemarie Maiwald, die für die Uniform India am frühen Nachmittag am Computer neue Flugpläne ausrechnet.

Über den Wolken ...

In der Condor-Verkehrszentrale übergibt Annemarie Maiwald der Cockpitcrew die Flugpläne mit den von Eurocontrol zugewiesenen Slots. Kapitän Wolfgang Bick und sein Copilot Rainer Friedetzky bestellen 20 Tonnen Treibstoff für den Flug nach Heraklion. Die beiden wissen, dass sie nicht pünktlich zur Tagesschau Feierabend haben werden. Als sie auf der Startbahn West die beiden Triebwerke aufheulen lassen und Richtung Kreta abheben, ist es 13.50 Uhr. Die Uniform India hat jetzt 100 Minuten Verspätung. Bis zur Rückkehr am Abend werden es noch mehr werden. Aber das, sagen die Spezialisten in der Condor-Zentrale, sei noch lange kein Chaos, sondern inzwischen business as usual.

Im Luftverkehr greifen zahllose Räder ineinander, und wenn nur eines blockiert, gerät das hochempfindliche System aus der Balance - mit Auswirkungen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg: Bodennebel in Düsseldorf, Bummelstreik der spanischen Fluglotsen, Parkplatznot auf den Rollfeldern, Personalmangel und endlose Warteschlangen bei den Sicherheitskontrollen der Passagiere. Und wenn die Verspätungen gar zu groß werden, dann muss ein Flugzeug hin und wieder schon deshalb am Boden bleiben, weil die Besatzung wegen der Überschreitung ihrer maximalen Schichtzeit von 14 Stunden nicht mehr fliegen darf.

Längst gehört das große Durcheinander zum System. "In diesem Jahr hat der Kosovo-Krieg die Probleme verschärft", klagt Helge-Ingo Franz. Die Flugzeiten Richtung Griechenland und Türkei haben sich verlängert, die Umleitungsstrecken sind hoffnungslos überlastet. Auch nach dem Ende der Luftangriffe rechnet niemand mit einer baldigen Normalisierung, weil die Navigationsanlagen am Boden zerstört sind.

Auch viele Touristen werden angesichts der drohenden Wartezeiten in stickigen Wartehallen am Boden zerstört sein. Doch oft sind sie nicht Opfer, sondern Verursacher von Verspätungen. Häufig kommen Urlaubsjets nicht rechtzeitig in die Luft, weil Passagiere die auf ihrer Bordkarte eingetragenen Zeiten nicht einhalten und unpünktlich am Abfluggate auftauchen. Noch schlimmer ist jene Spezies, die zwar eincheckt, aber danach still und heimlich ihre Reisepläne revidiert und gar nicht mehr erscheint.

Dann müssen die Koffer im Frachtraum der Maschine gesucht und wieder ausgeladen werden - aus Sicherheitsgründen. In solchen Fällen gehen die Slots für den Start und für die Luftkorridore verloren. Die Folge: Der Eurocontrol-Rechner in Brüssel reiht die startbereite Maschine ganz hinten in seine virtuelle Warteschlange ein und errechnet neue Slots. So kann ein um fünf Minuten verspäteter Passagier eine Verzögerung des Fluges um eine oder zwei Stunden verursachen.

Von ihren Bildschirmen in der Condor-Verkehrszentrale können die Flight Operations Officers ablesen, wo sich welche Maschine gerade befindet. Grüne Balken stehen für pünktliche Flüge, rote für Verspätungen. "Damit erkennen wir frühzeitig, welche Konflikte die verspätete Maschine in ihrem weiteren Umlauf verursacht", sagt Annemarie Maiwald.

Vor allem abends ist schnelles Krisenmanagement erforderlich: Die meisten deutschen Flughäfen werden spätestens um Mitternacht geschlossen. Maiwald: "Dann müssen wir entscheiden, ob wir für verspätete Maschinen Ausnahmegenehmigungen beantragen, den Flug nach Köln oder Berlin-Schönefeld umleiten oder die Maschine zum Beispiel in Palma so lange am Boden lassen, dass sie erst am frühen Morgen in Deutschland ankommt." Pech für die betroffenen Passagiere: Aus dem gemütlichen Abendflug nach Hause wird eine strapaziöse Nachtreise.

Über den Wolken ...

Dass die Fluggesellschaften mit ihren allzu engen Flugplänen selbst schuld an der Misere sind, will Condor-Sprecher Herbert Euler nicht gelten lassen. "Wir müssen auch Geld verdienen." Der seit Jahren andauernde Preisverfall im Luftverkehr lässt den Fluggesellschaften gar keine andere Wahl, als ihre Maschinen samstags und sonntags, wenn alle Urlauber in die Luft gehen wollen, bis auf die letzte Minute zu verplanen. Jedes Wochenende leiht sich die Condor bei ihrer Konzernmutter Lufthansa sogar noch weitere 20 Maschinen aus, um dem Andrang Herr zu werden.

Doch auch Europas größte Charterfluggesellschaft, die im vergangenen Jahr über 7,3 Millionen Bundesbürger in alle Welt verschickte, spürt das Verspätungschaos in der Bilanz: Warteschleifen über verstopften Flughäfen verschlingen Millionen Liter Kerosin. Und wenn Hunderte Urlauber, die am Boden stundenlang auf ihren verspäteten Start warten, mit Essensgutscheinen verpflegt und besänftigt werden müssen, dann ist, so Euler, "unser Gewinn weg". Das gilt natürlich auch, wenn verspätete Ferntouristen aus der Karibik, Alaska oder von den Malediven abends in Frankfurt den letzten Anschlussflug nach Hause verpassen. Denn die Kosten für die Extranacht im Sheraton-Hotel muss natürlich die Fluggesellschaft übernehmen.

Ein Condor-Pilot, der seine Maschine aus Spanien gerade zeitig in Frankfurt auf den Boden gebracht hat, rät den Passagieren, auf das Sommerchaos mit Fatalismus und einer Portion Galgenhumor zu reagieren. "Wir sollten einfach jeden Flug, der am richtigen Tag ankommt, als pünktlich betrachten."