In der Condor-Verkehrszentrale übergibt Annemarie Maiwald der Cockpitcrew die Flugpläne mit den von Eurocontrol zugewiesenen Slots. Kapitän Wolfgang Bick und sein Copilot Rainer Friedetzky bestellen 20 Tonnen Treibstoff für den Flug nach Heraklion. Die beiden wissen, dass sie nicht pünktlich zur Tagesschau Feierabend haben werden. Als sie auf der Startbahn West die beiden Triebwerke aufheulen lassen und Richtung Kreta abheben, ist es 13.50 Uhr. Die Uniform India hat jetzt 100 Minuten Verspätung. Bis zur Rückkehr am Abend werden es noch mehr werden. Aber das, sagen die Spezialisten in der Condor-Zentrale, sei noch lange kein Chaos, sondern inzwischen business as usual.

Im Luftverkehr greifen zahllose Räder ineinander, und wenn nur eines blockiert, gerät das hochempfindliche System aus der Balance - mit Auswirkungen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg: Bodennebel in Düsseldorf, Bummelstreik der spanischen Fluglotsen, Parkplatznot auf den Rollfeldern, Personalmangel und endlose Warteschlangen bei den Sicherheitskontrollen der Passagiere. Und wenn die Verspätungen gar zu groß werden, dann muss ein Flugzeug hin und wieder schon deshalb am Boden bleiben, weil die Besatzung wegen der Überschreitung ihrer maximalen Schichtzeit von 14 Stunden nicht mehr fliegen darf.

Längst gehört das große Durcheinander zum System. "In diesem Jahr hat der Kosovo-Krieg die Probleme verschärft", klagt Helge-Ingo Franz. Die Flugzeiten Richtung Griechenland und Türkei haben sich verlängert, die Umleitungsstrecken sind hoffnungslos überlastet. Auch nach dem Ende der Luftangriffe rechnet niemand mit einer baldigen Normalisierung, weil die Navigationsanlagen am Boden zerstört sind.

Auch viele Touristen werden angesichts der drohenden Wartezeiten in stickigen Wartehallen am Boden zerstört sein. Doch oft sind sie nicht Opfer, sondern Verursacher von Verspätungen. Häufig kommen Urlaubsjets nicht rechtzeitig in die Luft, weil Passagiere die auf ihrer Bordkarte eingetragenen Zeiten nicht einhalten und unpünktlich am Abfluggate auftauchen. Noch schlimmer ist jene Spezies, die zwar eincheckt, aber danach still und heimlich ihre Reisepläne revidiert und gar nicht mehr erscheint.

Dann müssen die Koffer im Frachtraum der Maschine gesucht und wieder ausgeladen werden - aus Sicherheitsgründen. In solchen Fällen gehen die Slots für den Start und für die Luftkorridore verloren. Die Folge: Der Eurocontrol-Rechner in Brüssel reiht die startbereite Maschine ganz hinten in seine virtuelle Warteschlange ein und errechnet neue Slots. So kann ein um fünf Minuten verspäteter Passagier eine Verzögerung des Fluges um eine oder zwei Stunden verursachen.

Von ihren Bildschirmen in der Condor-Verkehrszentrale können die Flight Operations Officers ablesen, wo sich welche Maschine gerade befindet. Grüne Balken stehen für pünktliche Flüge, rote für Verspätungen. "Damit erkennen wir frühzeitig, welche Konflikte die verspätete Maschine in ihrem weiteren Umlauf verursacht", sagt Annemarie Maiwald.

Vor allem abends ist schnelles Krisenmanagement erforderlich: Die meisten deutschen Flughäfen werden spätestens um Mitternacht geschlossen. Maiwald: "Dann müssen wir entscheiden, ob wir für verspätete Maschinen Ausnahmegenehmigungen beantragen, den Flug nach Köln oder Berlin-Schönefeld umleiten oder die Maschine zum Beispiel in Palma so lange am Boden lassen, dass sie erst am frühen Morgen in Deutschland ankommt." Pech für die betroffenen Passagiere: Aus dem gemütlichen Abendflug nach Hause wird eine strapaziöse Nachtreise.