Mit rund 17 Jahren hatte der junge Pascal bereits seine bedeutende Arbeit über die Kegelschnitte geschrieben. In seinem Ringen mit der religiösen Frage kam er zu der Erkenntnis, dass man nicht alle Fragen "mit der Vernunft allein" lösen könne, sondern dazu auch die Intuition des menschlichen Herzens brauche. In Pensées 277 fasst er die existenzielle Erfahrung des suchenden Menschen zusammen: "Das Herz hat seine Gründe, welche der Verstand nicht kennt." Dieser Satz ist in der europäischen Geistesgeschichte noch immer nicht verblasst: "Le c"ur a ses raisons que la raison ne connait point"; und dazu stellt er fest: "Man erfährt solches in tausend Dingen."

Heute gehört die Sinnfrage, über die Existenzphilosophie hinaus, zu den großen Themen der Philosophie, der modernen Literatur sowie der Psychiatrie. Eine sinnorientierte Psychotherapie des Viktor Frankl hat eine neue Richtung als Logotherapie begründet. Die Frage nach dem Sinn des Daseins ist nicht identisch mit der Frage nach Gott, wohl aber führt sie in die unmittelbare Nähe. Es geht nicht darum, irgendeinen Sinn zu finden, sondern darum, für mich selbst einen solchen zu finden. Die Logotherapie, die sich an der Sinnfrage orientiert, geht mit Recht von der Voraussetzung aus, dass der Mensch nicht nur durch den Trieb des "Müssens", nicht nur durch die Macht des "Wollens", sondern durch Sinnfindung und Sinngebung, durch die Kraft des "Sollens" zu charakterisieren sei. In seinem Buch Der unbewußte Gott hat der Begründer der Logotherapie gezeigt, dass die Sinnfrage auch zur Gottesfrage führt. Die Gottesfrage in diesem Sinne ist allerdings nicht gleichzusetzen mit der Christusfrage.

Religion gehört zum Wesen des Menschen.

Bereits zuvor wies der Begründer der analytischen Psychologie, C. G. Jung, der sich aus der Gefolgschaft Freuds losgelöst hatte, in eine ähnliche Richtung. Mit seinen universalen seelischen Grundmustern, von ihm Archetypen genannt, erklärte er nicht nur deren krank machende, sondern ebenso deren heilende Wirksamkeit. Und das bedeutet wohl nichts anderes, als dass Religion zum Wesen des Menschen gehört. In einem seiner Vorträge meinte er wörtlich: "Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heißt, jenseits der 35, ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, daß er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben. Und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht hat, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche nichts zu tun hat." Ja, so füge ich hinzu, Angst und Zwangsvorstellungen im religiösen Bereich, falsche Schuldgefühle, weisen schließlich auf die andere Seite des Normalen und Gesunden hin. Auch irregeleitete Ausdrucksformen des religiösen Lebens sind nicht zuletzt auch Sehnsucht nach einer verlässlichen Antwort auf letzte Fragen des Menschseins, auf die Unsicherheit des eigenen Lebens.

Im Grunde bedeutet dies an der Schwelle des dritten Jahrtausends, dass wir wieder vor der Gottesfrage stehen, auch in einem multireligiösen Umfeld unserer Zeit, auch im schwindenden Glauben an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Es sind "Archetypen" als Zeichen menschlicher Sehnsucht, die auch auf ethische und religiöse Verantwortung hinweisen.

Und was folgt daraus für mich selbst? Mit einer zeitgeschichtlichen Analyse ist es nicht getan. Wenn und weil Religion als Bewusstsein einer transzendenten Abhängigkeit im Sinne von Schleiermacher und noch mehr im Sinne von Blaise Pascal ein deutlicher Hinweis ist, dass Religion zum Wesen des Menschen gehört, die Geheime Offenbarung, das letzte Buch im Neuen Testament, sagt uns auch im Jahr 1999: "Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten" (Off. 3,20).

Und weil Religion zum Wesen des Menschen gehört, deswegen brauche ich das religiöse Gespräch und brauche ich das persönliche Gebet. Das religiöse Gespräch deswegen, weil religiöser Glaube religiöse Gemeinschaft sucht, und das Gebet, weil ich erst durch das persönliche Gebet religiös werde, religiös bin. Dieser Satz eines Thomas von Aquin (vgl. Summa Theologia, II, II, 83,3) aus dem hohen Mittelalter gilt für die gesamte Religionsgeschichte.