Der Weg zu dem blinden Seher führt durch ein Labyrinth von Fluren, Gängen und Treppen in eine Lagerhalle voll Elektronikschrott. Dicke schwarze Doppelschränke ragen wie riesige Lautsprecherboxen in den Raum. Hier im IBM-Forschungszentrum in Yorktown Heights, New York, werden veraltete oder aussortierte Computer abgestellt, nur einige wenige arbeiten noch. Einer der Schränke trägt seinen Namen auf der Brust wie ein Lagerinsasse: Deep Blue. Der beste Schachspieler der Welt fristet sein Dasein in einer Rumpelkammer.

Vor zwei Jahren erlangte er Weltruhm, als er den Schachweltmeister Garri Kasparow in einem Match über sechs Partien vernichtete. Ein wahres technisches K.o.: 32 elektrisch gesteuerte Prozessoren schlugen 50 Milliarden elektrochemisch angetriebener Neuronen. Davon hat sich Kasparow bis heute nicht wirklich erholt, obwohl ihm menschliche Gegner nach wie vor keine Mühe bereiten. Das beweist er jetzt wieder: Seit Montag spielt er im Internet gegen Schachfans aus aller Welt, die per E-Mail über den nächsten Zug abstimmen. Jeder kann mitmachen, das Spiel selbst wird im Netz zur Schau gestellt - jeden Tag ein neuer Zug (http://www.zone.com/kasparov).

Alle hielten Deep Blue für einen Feigling.

In der zweiten Partie zeigte sich indes, dass sich in schierer Quantität auch Qualität verbergen kann. Deep Blues Spiel offenbarte meisterliches "Positionsgefühl", das Großmeister und Fans überraschte und den Weltmeister empörte. Als Deep Blues Figuren in Kasparows hintere Reihen eindrangen, um den König zu exekutieren, gab Kasparow auf, behauptete aber prompt, IBM habe manipuliert: Über solche Weitsicht, wie Weiß sie bewiesen habe, verfüge kein Computer der Welt - hier habe ein menschlicher Großmeister eingegriffen. Hatte sich etwa, wie im Falle des "Schachautomaten" des Barons von Kempelen vor 150 Jahren, ein klein gewachsenes Genie in der Maschine versteckt?

Ob Paranoia oder übertriebener Respekt vor seinem mächtigen Gegner - der Weltmeister erholte sich nicht mehr von dem Schock der zweiten Partie, während Deep Blue cool blieb, wie es sich für ein Drahtwesen gehört. Es litt nicht unter Kasparows Beleidigungen, nicht unter Psychostress oder Erschöpfung. In den folgenden drei Partien kam der angezählte Weltmeister trotz etlicher Finessen über kein Remis hinaus. In der sechsten und letzten Partie wurde Kasparow in nur 19 Zügen und einer Stunde an die Wand gespielt. Es war die erste Matchniederlage seines Lebens.

Kein Wunder, dass er sofort danach eine Revanche forderte. Er stellte auch gleich die Bedingungen, um Deep Blue "in Stücke zu reißen". Aber Deep Blue schwieg. Seine Väter, die Männer des Teams, hielten sich zwei Monate lang bedeckt. Dann entschied IBM: kein Rückkampf. Kasparow fühlte sich doppelt betrogen, aber auch die Schachöffentlichkeit in aller Welt sah den Rückzug als das Kneifen eines Feiglings. IBM, das war jedem klar, wollte durch eine mögliche Niederlage nicht das gerade erworbene Renommee als Produzent eines Supercomputers verlieren. Denn IBM bekam durch den Rummel um den Zweikampf eine Aufmerksamkeit, die als Werbeeffekt 250 Millionen Dollar gekostet hätte. Die gigantischen Rechenmaschinen vom Typ RS/6000 SP, mit dem Deep-Blue-Chip ausgestattet, wurden tausendfach verkauft, freilich nicht zum Schachspielen.

Seine Geschwister arbeiten auch für Ölfirmen.