Niemand in der Bauwelt ist beliebter als Friedensreich Hundertwasser, und kein anderer wird mehr gehasst. Die einen verehren ihn als kultische Figur, weil er mit seinen gebauten Kinderträumen eine bunte und bessere Welt verspricht; andere beschimpfen ihn als Schamanen und seine Häuser als "Kasperei", "Beulenpest" und "Krebsgeschwür". Gemeinsam haben Gegner und Anhänger den Künstler Hundertwasser auch als Baumeister bekannt gemacht, bei Umfragen nach dem populärsten Architekten fällt in Deutschland sein Name öfter als alle anderen.

Vor Aufträgen kann er sich kaum retten, in Kuba soll er ein Feriendorf bauen, in Osaka eine Müllverbrennungsanlage und für einen Bierbrauer nahe Regensburg einen hohen Turm. Sogar einen Manager hat Hundertwasser engagiert, Joram Harel, und bei dem gehen gleich mehrere Anfragen in der Woche ein. Die allermeisten muss er ablehnen, schließlich will er den Meister, wie er sagt, nicht überfordern. Vor ein paar Monaten hieß es sogar, der 70-Jährige wolle ganz aufhören und sich nur noch seinen Bildern widmen. Da sei aber nichts dran, versichert Harel, man wolle weitermachen, allerdings nur mit Aufträgen, die einen ganz besonderen Reiz haben. Magdeburg zum Beispiel.

Noch ist zwar nichts entschieden, aber bereits in den kommenden Wochen wird der Bauherr, eine Wohnungsbaugenossenschaft, die momentan noch geheimen Pläne bei den Ämtern einreichen. Vor allem die Denkmalpflege hofft noch, das hügelige Haus verhindern zu können - sie will das letzte intakte Quartier Magdeburgs, zu dem neben der Kathedrale auch die barocken Palais am Domplatz und eine romanische Klosteranlage gehören, vor krakeelenden Neubauten bewahren. Und sie besitzt auch die rechtlichen Mittel, denn das Baugrundstück grenzt mit einer Ecke an den Domplatz und gehört zur Pufferzone rund um den Dom, in der nur das "Angemessene" und "Verträgliche" entstehen darf.

Der Erfolg gibt ihm Recht - und hat ihn doch überwältigt

Doch was ist an Hundertwasser unangemessen, und was ist unverträglich? Rolf Opitz, Vorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft, kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Das sei doch alles übertrieben, sagt er, man müsse schließlich auch etwas Visionäres bauen dürfen, etwas fürs Gemüt. Dass eine Bürgerinitiative bereits mehrere tausend Unterschriften gesammelt hat, kümmert ihn nur wenig. "Dem Dom passiert doch gar nichts", sagt Opitz. "Ein so kleiner Farbtupfer, wie wir ihn uns wünschen, kann dem doch nichts anhaben."

Außerdem sehe die Innenstadt, die im Krieg fast ganz zerstört worden war, ohnehin völlig buntscheckig aus, da stehen vereinzelte Barockhäuser neben Plattenbauten und den Einkaufspalästen der Nachwendezeit. Warum nicht auch noch ein Hundertwasser-Haus? Man müsse sich schließlich etwas einfallen lassen, bei all den Leerständen. Da ist es Opitz gleich, ob einige Nörgler sein neues Haus nun kitschig, naiv oder traumtrunken finden - für ihn zählt einzig der Erfolg. Und den bringt Hundertwasser.

Fast zwei Millionen Touristen jährlich besuchen sein Erstlingswerk, einen staatlichen Wohnungsbau in Wien, den er 1986 fertig stellte, und machen ihn zur beliebtesten österreichischen Sehenswürdigkeit gleich nach Schloss Schönbrunn. Selbst Projekte, die noch im Bau sind, ziehen riesige Menschenmengen an, wie die Therme Blumau in der Steiermark, die noch vor der Einweihung von über 300 000 Besuchern besichtigt wurde. Und Bildbände über Hundertwasser verkaufen sich besser als alle anderen Architektenbücher: 350 000-mal ist der farbige Band über den Baukünstler beim Kölner Taschen Verlag bereits gedruckt worden.