Heike Drummer/Jutta Zwilling: Ein Glücksfall für die Demokratie. Elisabeth Selbert - Die große Anwältin der Gleichberechtigung; Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 1999; 317 S., 36,- DM Anfang 1949 entfacht Elisabeth Selbert, Sozialdemokratin und hessische Landtagsabgeordnete, einen weiblichen Proteststurm in der Westzone Deutschlands. Die Vorgeschichte des Aufruhrs: Im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz erarbeitete und in dem gerade mal vier Frauen saßen, stritten sich die Abgeordneten um die Gleichberechtigung. Natürlich waren irgendwie alle dafür, nur konkret sollte es nicht werden. Etliche Gesetze aus der Kaiserzeit im Bürgerlichen Gesetzbuch schrieben die beherrschende Rolle des Mannes fest. Daran wollte die Mehrheit nicht rütteln. Doch gerade den Gesetzgeber müsse die Verfassung verpflichten, den Frauen gleiche Rechte zu gewähren, fand die Juristin Elisabeth Selbert. Und trat darum für den schlichten Satz in Artikel 3 des Grundgesetzes ein: "Frauen und Männer sind gleichberechtigt."

Das Kapitel über ihren Kampf um wahre Gleichberechtigung gehört zu den spannendsten im biografischen Teil eines Buches über Elisabeth Selbert, das nun anlässlich des Grundgesetz-Jubiläums von der hessischen Landesregierung herausgegeben worden ist. Fast im Alleingang setzte Selbert ihre Formulierung durch. Als sie im Rat nichts mehr ausrichten konnte, mobilisierte sie die Öffentlichkeit. Ein Schritt, den ihr auch manche Parteifreunde nie wirklich verziehen. Waschkörbeweise trafen daraufhin die Protestbriefe von Frauen ein. Bereits Ende 1948 schrieb Selbert an eine Parteifreundin, die CDU-Ehefrauen meuterten gegen ihre eigenen Männer.

Natürlich ist es die Aufgabe einer politischen Biografie, Hintergründe verständlich zu machen, Zusammenhänge herzustellen. Doch die Schilderungen dieses Buchs bewirken darüber hinaus ein Verständnis für eine politische Realität, die zwar als vergangene geschildert wird, die aber immer wieder den Blick in die Gegenwart nicht nur erlaubt, sondern erzwingt. Gerade, wenn es um das Verhältnis Elisabeth Selberts zu den Männern in ihrer Partei geht, die mit der kompetenten Frau überfordert waren, drängt sich die Analogie zum vergangenen Herbst auf: zum Postengerangel nach der letzten Bundestagswahl, in dem viele Frauen untergingen.

Nicht allein in den Diskussionen zur Frage der Gleichberechtigung, die das Buch darstellt, wird deutlich, dass die Männer nur bedingt bereit waren, Macht wirklich zu teilen. Elisabeth Selbert, hochintelligent und zielstrebig, die mit 30 Jahren als zweifache Mutter ihr Jurastudium beginnt und es bereits nach sieben Semestern als Doktor der Rechte abschließt, hat auch in der eigenen Partei keinen Rückhalt mehr, als sie deutlich macht, dass sie nach oben will. Nichts klappt. Weder entscheidet sich der Richterwahlausschuss für sie als Verfassungsrichterin, noch berücksichtigen sie ihre Genossen für den Bundestag. So bleibt sie von 1946 bis 1958 hessische Landtagsabgeordnete. Klug genug, hüten sich aber die beiden Frankfurter Historikerinnen Heike Drummer und Jutta Zwilling, die Schuld einfach den Männern zuzuweisen. Unter Berufung auf zahlreiche Quellen zeichnen sie Elisabeth Selbert als durchaus ambivalenten, zum Teil schwierigen Charakter und schmälern dabei deren Persönlichkeit keineswegs.

In einem zweiten Teil des Buches setzen sich Politiker und Wissenschaftler mit Selbert auseinander. Und selbst vermeintlich trockene Themen lesen sich spannend. Erstaunlich, wie kompliziert und hochpolitisch es ist, Preise für bestimmte Verdienste zu vergeben. Die Publizistin Inge Sollwedel erzählt davon, wie schwer es ist, Frauen als Namensgeberinnen für solche Preise zu finden, anhand des Elisabeth-Selbert-Preises, der für Verdienste hessischer Bürgerinnen ausgeschrieben wird. Und Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, erklärt, auch für Nichtjuristen verständlich, welche Folgen der Gleichberechtigungsgrundsatz hatte, besonders für das Familienrecht. Kann sich heute überhaupt noch jemand vorstellen, dass Männer einmal die Arbeitsverträge ihrer Frauen kündigen konnten? Lang ist das nicht her. Dass die juristische Gleichberechtigung noch so jung und ihre Geschichte keineswegs vergangen ist, verleiht diesem Buch seinen Reiz.