Erst nachts wird Berlin zur Weltstadt

Er selbst ist von sieben Nächten in der Woche fünf unterwegs in der Stadt: "Immer, wenn etwas Neues aufmacht in Berlin, gehe ich hin. So experimentell ist das meiste gar nicht, sondern eine ziemliche Einheitssoße. Überall das gleiche Design." Aber das Chaos von Mitte - voller krachender Widersprüche - reizt ihn immer wieder. "Da gehst du in eine durchstylte ,In-Kneipe', und gleich daneben gibt es einen Hinterhof, wo du im zerschlissenen Mauerwerk noch die Einschusslöcher des letzten Krieges siehst."

Nach dem Fall der Mauer ist das Berliner Nachtleben wieder ins Zentrum zurückgekehrt. Davor zog es die Westberliner nach Schöneberg und Kreuzberg, wo die Nächte bekanntermaßen lang sind. In Ost-Berlin ging man auf Privatpartys in großen Wohnungen, auf Dachböden, in Kellern. Bastian Bretthauer, der in Berlin-Mitte aufgewachsen ist, kann sich an diese Zeiten noch gut erinnern: "Es gab einfach nicht genug gute Kneipen oder Discos. Also traf man sich privat, in den sogenannten Montags-, Mittwochs-, Freitagsbars. Die gibt es immer noch. Sie sind ein Ost-Phänomen, aber heute kommen Leute von überall dorthin." Für Bretthauer ist Berlin eher nachts eine Weltstadt, denn dann ist nicht mehr jeder unterwegs. Keine dicken Frauen in Jogginghosen oder Männer in Bermudashorts und weißen Socken. Die sitzen vor der Kiste und gucken RTL.

Nachtschwärmer sind für ihn Leute, die noch nicht angekommen sind, die noch keine Bindung haben: "Sie sind spontaner, wacher und aufmerksamer als Tagmenschen, weil sie aus ihrer Rolle aussteigen. Sie suchen nach dem Zufall, und der Zufall ist die weltliche Form des Wunders." Bastian Bretthauer liebt Wunder sehr, und deshalb geht er nachts gern auf den Alexanderplatz: "Ich habe dann das Gefühl, an der Ostsee zu sein. Die Stadt rauscht dort wie das Meer, wenn der Wind über den menschenleeren Asphalt weht." Manchmal läuft er noch weiter, ins Scheunenviertel: "Da ist es hype, aber irgendwie scheint die Zeit auch stehen geblieben zu sein. Neben all dem Lifestylegedöns kannst du reingucken in die Häuser und die Leute beobachten. Du siehst auf einem Fensterbrett eine dicke Katze dösen. Hinter ihr bauscht sich eine Gardine im Wind, und drinnen im Wohnzimmer sitzt ein alter Mann im Unterhemd und sieht die Spätnachrichten."

Mir persönlich empfiehlt Bretthauer, in den Club Maria am Ostbahnhof zu gehen. Eine unglaubliche Location, wie er sagt. Ein einziges Labyrinth. Das Etablissement zieht sich über zwei Etagen. Man kann auf versifften Sofas und Sessel fläzen und House (sphärisch) hören. Eine Treppe höher befindet sich ein großer Raum, der einen sensationellen Blick auf die East-Side-Gallery bietet. Maria hat bis um fünf oder sechs auf, und wer Tresor (Techno) in Mitte heil überstanden hat, kann hier wunderbar abhängen. - Na dann.

Bastian Bretthauer: "Die Nachtstadt"

Tableaus aus dem dunklen Berlin; Campus-Verlag, Frankfurt am Main; 39,80 DM