Nichts wie weg! – Seite 1

Merdingen bei Freiburg, Burgunderweg 10. Hier, in dem kleinen Dorf mit der barocken Kirche und dem Blick auf den Kaiserstuhl, hat die Reise ein Ende gefunden. Jan Ullrich, der Radsportheld, ist wieder zu Hause. Außerplanmäßig.

Am Samstag wollte Jan Ullrich eigentlich die Königsetappe fahren. Bei der Tour de Suisse waren drei Alpenpässe zu bewältigen. Sie sollten ihm die nötige Härte und Ausdauer für die Tour de France geben, die er zum zweitenmal gewinnen wollte.

Doch statt Gotthard, Susten und der Großen Scheidegg standen Krankengymnastik, Reizstrom und Salbenverband auf dem Programm von Jan Ullrich. Er durfte sein kaputtes Knie nicht belasten und war froh, dass seine Ärzte ihm wenigstens das Radfahren auf dem Heimtrainer erlaubten. Statt Eiger, Mönch und Jungfrau sah er vor sich die weiße Wand seiner Wohnung. So niedergeschlagen habe ich ihn noch nie erlebt, sagt sein Manager Wolfgang Strohband. Nicht nach dem Sturz vor drei Wochen, bei dem er sich den Innenmeniskus verletzte. Und auch nicht im vergangenen Frühjahr, als die halbe Nation dem übergewichtigen Radrennfahrer auf die Waage guckte. Da wusste er ja, was er falsch gemacht hatte. Aber die Dopingvorwürfe sind unbegründet, behauptet der Manager. Gegen die falschen Verdächtigungen könne sich Ullrich nicht wehren. Als Jan 18 Jahre alt war, schlüpfte Strohband in die Rolle des Ersatzvaters. Er kennt die psychosomatischen Reaktionen seines Zöglings: Immer wenn er Probleme hat, setzt er Gewicht an. Derzeit sind es rund zwei Kilo zu viel.

Nicht nur Jan Ullrich steht vor einer Mauer, die ihm den Weg versperrt. Das ganze Feld der Berufsradfahrer fährt ein Rennen in die Sackgasse. Wolfgang Strohband sagt kurz und bündig: So geht es im Radsport nicht mehr weiter. Alle Ausfahrten und Fluchtwege sind verbaut. Ständig fallen Fahrer mit positiven Dopingproben auf. Die Radler des Teams Telekom beteuern, sie seien alle sauber, doch in den Häusern rechts und links der großen Sackgasse lehnen die Zuschauer auf den Fensterbänken, zeigen auf den angeschlagenen Jan Ullrich und fragen: Hat er oder hat er nicht?

Ist es das Knie oder die Angst vor Blutproben?

Es ist noch keine zwei Jahre her, dass das Publikum diesen Jan Ullrich auf das Heldenpostament stellte. Noch bevor er in Paris über den Zielstrich der Tour de France rollte, sagten Experten wie der französische Radsportweise Bernhard Hinault voraus, dass dieser junge Deutsche siebenmal die Tour gewinnen könne, öfter als der legendäre Eddy Merckx.

Als Ullrich vergangene Woche nach nur 76 Kilometern bei der Tour de Suisse aufgab, fragten die Zuschauer: Tut das Knie tatsächlich so weh, oder hat er Angst vor der Blutkontrolle?

Nichts wie weg! – Seite 2

Jan Ullrich und der Berufsradsport stehen unter Generalverdacht. Auch wenn Ullrich noch nie bei einer Dopingkontrolle positiv getestet wurde, fällt es immer schwerer, ihm und seinen Kollegen die Unschuldsvermutung zu gewähren.

Die Fans unter den Zuschauern versuchen, ihren geliebten Radsport zu entlasten. Doch ihre Argumente wirken hilflos. Als Klaus Angermann auf Eurosport vergangene Woche die Tour de Suisse kommentierte, zitierte er als Entlastungszeugen seinen Taxifahrer, der nicht an Doping glaube. Trotzig setzte der gestandene Sportreporter zur Ehrenrettung an: Der Radsport ist nicht nur schlecht.

Recht hat Angermann allerdings mit seiner Kritik am Spiegel. Dessen Beitrag, der dem Team Telekom systematisches Doping unterstellt, ist arm an überzeugenden Belegen. Er unterstellt, Jan Ullrich sei nach seinem Tour-de-France-Sieg nur sogenannte Kirmesrennen gefahren, weil es dort keine Dopingkontrollen gebe. Das machen aber alle Berufsfahrer seit Jahrzehnten so - nicht weil sie Angst vor Dopingkontrollen haben, sondern weil sie bei diesen Rennen, die keinen sportlichen Wert haben, schlicht und einfach ihr Geld verdienen. Beim Landgericht Frankfurt erwirkte das Team Telekom eine einstweilige Verfügung gegen den Spiegel. Sollte das Magazin nochmals behaupten, beim Team Telekom werde genauso systematisch gedopt wie bei der Konkurrenz, droht ihm ein Ordnungsgeld bis zu 500 000 Mark.

Jan Ullrich sieht aus, als erlebe er eine Beerdigung.

Der vom Spiegel zitierte Radsportbetreuer hat bereits vergangenes Jahr im August in der Fernsehsendung Monitor ausgepackt. Auch der Heidelberger Dopingexperte Professor Werner Franke hat das einschlägige Material gesichtet, das dieser Insider mitgebracht hat. Für Franke steht seither zweifelsfrei fest, dass auch ein Fahrer aus dem Team Telekom gedopt hat. Den Namen kann er nicht nennen, weil das den Informanten entlarven würde. Der wäre im Radsport erledigt. Weil dieser Betreuer einen akademischen Hintergrund hat, habe ich ihm einen Job im akademischen Bereich angeboten, damit er aussteigen kann. Aber das wollte er nicht, fasst Franke das Ergebnis seiner Ermittlungen zusammen.

Franke fordert öffentlich, dass die deutsche Justiz den Kampf gegen das Doping im Radsport aufnimmt, wie es die französische vergangenen Sommer getan hat: Ich fordere von der deutschen Staatsanwaltschaft, dass sie sich nicht von der französischen bloßstellen lässt.

Jan Ullrich reagiert auf den Dopingverdacht spontan mit einer Verschwörungstheorie. Man will meine Existenz vernichten und das Team Telekom zertrümmern, mutmaßt er am Tag, als der Spiegel mit seiner Dopinggeschichte erscheint. Sechs Tage später reagiert er in der ARD-Sportschau nur noch müde: Ich bin es ziemlich leid, mich zu diesem Thema zu äußern.

Nichts wie weg! – Seite 3

Die ARD sponsert das Team Telekom, vielleicht fragt die Sportschau deshalb nicht allzu bohrend nach Doping. Ullrich selber steht bei diesem Interviewauftritt in einem sterilen Raum der Freiburger Uniklinik vor der Kamera und sucht dabei Halt am Sattel eines Ergometer-Fahrrads. Seine Augen blicken matt. Er wirkt wie ein gefasster Beerdigungsteilnehmer und sagt resignierend: Man fährt ja sauber.

Über die ARD gibt Ullrich bekannt, dass er bei der Tour de France nicht an den Start gehen werde. Damit fällt der Höhepunkt seines Sportlerjahres aus. Seit acht Monaten hat er nur für die Tour, das schwerste Radrennen überhaupt, trainiert. Das macht seine bodenlose Enttäuschung verständlich. Merkwürdig sind dagegen die Reaktionen seines Umfelds.

Als die französische Justiz vergangenen Sommer bei der Tour de France den bislang ernsthaftesten Versuch unternahm, die Fahrt der Radprofis in die Sackgasse zu stoppen, machte das Team Telekom einen Ausreißversuch. Der Rennstall trat die Flucht nach vorne an und versprach ein freiwilliges Antidoping-Programm. Fünfmal im Jahr sollte jeder Telekom-Fahrer unangekündigt im Training kontrolliert werden.

Eine Million Mark wollte die Telekom ausgeben, um glaubwürdig zu werden. Doch auf Nachfrage, wie oft Jan Ullrich dieses Jahr schon von der ADK kontrolliert worden sei, antwortet Team-Pressesprecher Matthias Schumann zugeknöpft und ausgesprochen unwirsch: Drei- oder viermal. Einmal habe man ihm in Merdingen Urin abgenommen. Wo die anderen Kontrollen stattfanden, will Schumann nicht verraten. Die Fahrer haben ja Persönlichkeitsrechte. Patzig fugt er hinzu: Wenn Sie einen Beitrag in diese Richtung planen, werden Sie nicht weit kommen.

Ist es der Telekom Ernst mit den zusätzlichen Dopingkontrollen, oder sind sie nur ein Alibi? Der Schweizer Paul Köchli, der mehrere Tourde-France-Sieger als Teamchef betreute, lästert über das Antidoping-Programm: Das ist so, als ob Al Capone die Polizei sponsert.

Manager Strohband versucht, die Erfolge von Jan Ullrich mit umsichtigen Trainingsplänen zu erklären. Weil sich sein Mann gezielt auf die Tour de France als Saisonhöhepunkt vorbereite, sei er dort einfach schneller als die anderen. Diese Periodisierung der Wettkampfsaison ist freilich keine Erfindung des Teams Telekom. Fast alle Spitzenfahrer trainieren auf bestimmte Rennen hin, bei denen sie in Topform sein wollen. Auf diesen Einwand reagiert der erfahrene Radsportmanager Strohband merkwürdig schwach: Ich bin da ja kein Fachmann.

Viele Indizien weisen auf flächendeckendes Doping im Radsport hin. Der Schweizer Spitzenfahrer Alex Zülle brach bei der Tour de France l998 unter dem Druck der französischen Polizei zusammen und gestand, gedopt zu haben. Anschließend redete er sich in einem Interview mit dem Züricher Tages-Anzeiger das Gewissen frei. Dabei verglich er die Situation in seinem Sport mit dem üblichen Verhalten auf Schweizer Autobahnen: Vorgegeben vom Gesetz ist eine maximale Geschwindigkeit von 120 km/h. Aber alle fahren mit 130 km/h und mehr. Warum soll ausgerechnet nur ich mich an das Tempolimit halten?

Nichts wie weg! – Seite 4

Ehrlichen Sport zu treiben oder zu dopen, das war für Zülle eine Frage des Berufswechsels: Ich hatte zwei Möglichkeiten: Entweder füge ich mich da ein und mache mit, oder ich höre auf und kehre zurück in meinen angestammten Beruf als Maler.

Einer, der sich in der Branche auskennt wie kein Zweiter, ist der Frankfurter Dietrich Thurau. Der deutsche Radsportstar aus den siebziger Jahren ist davon überzeugt, dass der Kampf gegen das Doping längst verloren ist. Das Medikament Erythropoietin (EPO) vermehrt die roten Blutkörperchen und erhöht dadurch die Ausdauer eines Athleten. Doch gleichzeitig wird das Blut zähflüssiger, was zu Infarkten, Hirnschlägen und Thrombosen führen kann. Weil sich EPO jedoch nicht nachweisen lässt, plädiert Dietrich Thurau für die Kapitulation. Im Profiradsport solle das Doping erlaubt werden: Gebt EPO frei. Unter ärztlicher Aufsicht ist das die beste Lösung.

Der große Pulk der Radprofis fährt weiter mit vollem Tempo in die Sackgasse. Die Rennfahrer tun so, als sähen sie die Mauer nicht, die das Ende der Straße markiert. Jan Ullrich will sich vom Feld absetzen. Ich muss erst wieder auf die richtige Linie kommen, sagt er. Sobald das Knie wieder belastbar ist, ist eine kleine Flucht aus Deutschland geplant. Nach Italien will er, dort mit dem ebenfalls angeschlagenen Kollegen Bjarne Riis trainieren, um wieder fit zu werden für die Weltmeisterschaft im Herbst.

Der beste Radrennfahrer oder nur König der Doper?

Anscheinend sieht er die Ausweglosigkeit nicht. Selbst wenn er dem Doping und den Kontrollen entkommt, holt ihn der Verdacht ein. Fährt er bei den Herbstrennen schlecht, werden die Zuschauer sagen: Aus Angst vor der Kontrolle hat er die Dopingmittel abgesetzt. Sollte er gewinnen, werden sie fragen: Ist er der beste Radrennfahrer oder doch nur der König der Doper?

Als das Team Telekom vergangenen Sommer von der skandalösen Tour de France zurückkehrte, gab es in Bonn einen Empfang. Burkhard Hirsch, der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, lehnte sich weit aus dem Fenster und pries die sauberen Sportler um Jan Ullrich. Als ehemaliger Sportminister von Nordrhein-Westfalen kennt sich Hirsch beim Doping aus: Wenn einer anfängt, müssen die anderen mitmachen, ob sie wollen oder nicht. Hirsch überreichte Bildbände des Bundestages und sagte: Für mich wäre eine Welt zusammengebrochen, wenn einer von Ihnen sich hätte dopen lassen. Kann sein, dass Herr Hirsch bald die Trümmer seiner Radsportwelt zusammensuchen muss.

Manager Strohband glaubt, am Ende der Sackgasse sei ein Durchlass für seinen Radfahrer. Er hat Jan Ullrich geraten, auf die Tour 1999 zu verzichten. Wenn er eine schlechte Tour fährt, ist sein Image angeknackst. Nächstes Jahr kommt wieder eine. Dann ist er erst 26 - in diesem Alter fahren andere ihre erste Tour.

Nichts wie weg! – Seite 5

Jetzt, wo's knüppeldick kommt, besinnt sich Strohband auf seine Erfahrungen als Autoverkäufer: Wer nervös wird, macht keinen guten Handel. Warten muss man können. Seit 25 Jahren bin ich im Geschäft, sagt Wolfgang Strohband. Bisher habe ich noch jedes Auto verkauft.