Auf dem Elternabend kurz nach den Zwischenzeugnissen war die Lehrerin noch zufrieden. "Ihr Sohn arbeitet wesentlich besser mit", sagte sie zu der jungen Mutter. Die war glücklich, blieb aber kritisch: "Mit dem Lesen hat er so seine Probleme." Dies bemerkte in der zweiten Schuljahreshälfte auch die zuvor so zufriedene Klassenlehrerin und schrieb ins Versetzungszeugnis hinter Deutsch eine glatte Fünf. Das Kind musste die Klasse wiederholen.

Gegen die von der Lehrerin vergebene Note vorzugehen traute sich die junge Frau nicht. Dabei wären ihre Chancen nicht schlecht gewesen, denn Lehrer dürfen Zeugnisnoten nicht nach persönlichem Gusto verteilen, sondern sind an die Schulgesetze ihres Bundeslandes und die Verordnungen des zuständigen Kultusministeriums gebunden. Während die Schule früher ein juristisch weitgehend ungeregelter Bereich war, dürfen Lehrer heute nicht mehr tun, was sie wollen.

So müssen etwa an hessischen Gymnasien im Fach Englisch mindestens fünf Klassenarbeiten geschrieben werden. Wird dies vom Lehrer ignoriert, kann er einen Schüler nicht wegen schlechter Leistungen sitzen bleiben lassen (Hessischer Verwaltungsgerichtshof, Az. VI OG 123/73). Auch inhaltlich macht die Justiz den Pädagogen Vorschriften: So darf nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (Az. 6 C 3.95) eine schriftliche Arbeit niemals mehrdeutig sein. Bei nur einer richtigen Antwort ist es deshalb rechtswidrig, mehrere Lösungsmöglichkeiten zu suggerieren. Diese Vorgaben der Juristen erhöhen die Chancen von Eltern, sich vor Gericht gegen schlechte Noten ihrer Kinder zu wehren.

Sinnvoll ist es allerdings, nicht erst aktiv zu werden, wenn die Nichtversetzung von der Zeugniskonferenz bereits beschlossen wurde. "Eltern haben gegenüber Lehrern zahlreiche Rechte, die sie auch nutzen sollten", sagt die auf dem Gebiet des Schulrechts tätige Berliner Rechtsanwältin Rita Maria Brucker. So können Eltern von Grundschülern verlangen, an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen. Dabei wird natürlich auch der jeweilige Pädagoge beobachtet. Schon ein solches Interesse kann hilfreich sein. "Wenn Eltern Engagement zeigen, sind Lehrer bei schlechten Noten zurückhaltender", so die Rechtsanwältin.

Bei einer drohenden Nichtversetzung sollten sich Eltern frühzeitig an den Klassenlehrer wenden. Zwar hat dieser in der Zeugniskonferenz genauso wie alle anderen in der Klasse unterrichtenden Pädagogen nur eine Stimme. "Trotzdem ist die Meinung des Klassenlehrers oft entscheidend", sagt die Berliner Grundschullehrerin Violetta Golabek. Zumal die Zeugniskonferenz in vielen Fällen einen Entscheidungsspielraum hat. So ist auch mit zwei Fünfen bei guten Leistungen in anderen Fächern eine Versetzung möglich. "Im Vordergrund steht die richtige pädagogische Entscheidung für das Kind", sagt die Grundschullehrerin.

Am besten sind die Chancen bei Verfahrensfehlern

Willkürliche Leistungsbewertungen hält Violetta Golabek schon aufgrund der Kontrolle durch den Schulleiter für unwahrscheinlich. So muss jeder Lehrer mehrere schriftliche Arbeiten dem Direktor vorlegen. Zudem besteht die Pflicht, einen Notenspiegel zu erstellen. Hat mehr als ein Drittel der Kinder eine Fünf, ist an vielen Schulen eine weitere Kontrolle eingebaut: Der Direktor muss die Klausur noch einmal genehmigen und kann dabei sogar gegen den Willen des Lehrers eine bereits erteilte Note korrigieren. Eine pädagogische Entscheidungsfreiheit des einzelnen Lehrers gibt es nicht. Dies haben die Gerichte bestätigt (Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, Az. 4 S 1133/86).

Im Vorfeld einer juristischen Auseinandersetzung hat somit der Schulleiter eine entscheidende Stellung. Bei Konflikten von Eltern mit einem Lehrer sollte er deshalb immer die erste Anlaufstelle sein. Zudem besteht die Möglichkeit, sich an den Elternbeirat zu wenden. "So kann zum Beispiel ein außerordentlicher Elternabend durchgesetzt werden", sagt Rechtsanwältin Brucker. In Einzelfällen sei es dadurch schon gelungen, einen bei vielen Kindern und Eltern ungeliebten Klassenlehrer auszuwechseln. Damit muss die Schulleitung aber immer einverstanden sein. Stellt sich der Direktor jedoch hinter den betroffenen Lehrer, können sich die Eltern nur noch an das zuständige Schulamt wenden. Dieses ist bei umstrittenen Zeugnissen befugt, einzelne Noten abzuändern (Oberverwaltungsgericht Niedersachsen, Az. 13 L 848/96). Unterstützt auch die Behörde den Lehrer, bleibt nur noch der Gang zum Gericht. Selbst dies ist nicht immer möglich. "Gegen ein Zeugnis kann nur geklagt werden, wenn der Schüler sonst sitzen bleiben würde", sagt Rechtsanwältin Brucker. Wer sich lediglich ungerecht behandelt fühlt, hat somit keine Chance. Es sei denn, dies behindert seinen zukünftigen Lebensweg. So zum Beispiel, wenn eine unberechtigte Zeugnisbemerkung im letzten Jahr der Realschule die Lehrstellensuche erschwert (Verwaltungsgericht Bremen, Az. I A 74/78).

Voraussetzung für einen erfolgreichen Prozess ist in jedem Fall, dass der Lehrer einen Fehler gemacht hat. Besonders gut stehen die Chancen bei einem Verstoß gegen Verfahrensvorschriften. Dazu zählen außer der Zahl der Klassenarbeiten auch die Gewichtung von schriftlichen und mündlichen Leistungen. So darf ein Lehrer bei nur einer Klausur im Schulhalbjahr diese nicht doppelt so stark in die Endnote eingehen lassen wie das mündliche Engagement des Schülers in den übrigen Stunden (Oberverwaltungsgericht Koblenz, Az. 2 A 77/85).

Bei inhaltlichen Fragen ist Lehrern hingegen wesentlich schwerer ein Fehler nachzuweisen. So gestehen die Gerichte den Pädagogen bei der Bewertung von mündlichen Leistungen einen großen Beurteilungsspielraum zu (Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Az. 7 CE 96.1584). Wenn die Note nicht offensichtlich willkürlich ist, sind die Chancen vor Gericht deshalb schwer einzuschätzen. Ohnehin sind Prozesse um Schulnoten selten. "Da der Ausgang häufig ungewiss ist, scheuen viele das Kostenrisiko", sagt Rechtsanwältin Brucker. Und wer nicht aufs Geld gucken muss, wählt meistens einen anderen Weg: "Da kommt das Kind bei Problemen eben auf ein Internat."